Wir haben einen neuen Präsidenten: Christian Wulff. Der erfahrene Politiker hat sich gegen den intellektuellen Pfarrer durchgesetzt. Für die Medien ist die Botschaft eindeutig: Parteiräson schlägt den Souverän, das Volk. Einmal mehr. So wie sie Horst Köhler, den überraschend zurückgetretenen Bundespräsidenten, runtergeschrieben haben, haben sie Joachim Gauck, den rot-grünen Kandidaten, hochgeschrieben. Die Wahl der Bundesversammlung lässt sich auch so interpretieren: Das Primat der Politik hat sich gegen die Arroganz der Medien durchgesetzt.
Gauck war der Kandidat der vereinigten Anti-Politiker: weise, gütig und über allen Parteien schwebend. Damit bediente er die Sehnsucht der Öffentlichkeit nach einem Ersatzmonarchen besser – und beförderte nolens volens die zunehmende Politikverachtung. Diese Verachtung grassiert inzwischen mitten unter der politischen Klasse, Politikern und Medienvertretern und gefährdet den Zusammenhalt der Gesellschaft. Köhler ist am Ende an dieser Erwartungsfront von Projektionen gescheitert, die er nie bedienen konnte. Das Selbstverständnis des Kandidaten der Opposition als Therapeut harmoniert mit dem Heilbedürfnis weiter Teile der Eliten eher als die nüchterne Distanz des Politikers. Ausdruck dieses Heilbedürfnisses ist die auch diesmal breit diskutierte Forderung, den Bundespräsidenten direkt vom Volk wählen zu lassen.
Kein “Ersatz- oder Nebenkanzler”
Das hätte aber Folgen für unser real existierendes System der Demokratie: Die parlamentarische würde sich in Richtung präsidiale Demokratie verändern. Ein unmittelbar vom Volk gewählter Präsident würde zwangsläufig zu einem “Ersatz- oder Nebenkanzler”. Die ohnehin in einer Koalitionsdemokratie eingeschränkte Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers würde weiter an Bedeutung verlieren. Und wer nominiert die Kandidaten für das Amt, auch das Volk? Das Beispiel Österreich zeigt zudem, dass ein direkt gewählter Präsident nicht die Wahlbegeisterung der Bürger erhöht.
Wulff verkörpert den gleichen Politikstil wie die Bundeskanzlerin: präsidial und konsensorientiert. In der Sprache des Berliner Salons: “Mutti bekommt ihren Wunsch-Schwiegersohn.” Der Niedersachse will nicht erziehen oder therapieren, er will sich beraten lassen und zuhören. Bellevue soll eine politische Denkfabrik, ein “kreatives Kraftzentrum” werden und keine Kirche und Pilgerstätte. Das lässt hoffen. Während die Kirchen in Deutschland längst zu nachgeordneten Behörden des Staates verkommen sind und ihren gesellschaftlichen Diskursanspruch aufgegeben haben, befreit sich die Politik allmählich vom Primat des Marktes und der marktgetriebenen Medien. Politik hat ihre eigene Würde: die der Freiheit. Dazu gehört zwingend die Unabhängigkeit von privaten Spenden. Es ist eine Ironie des Zufalls, dass der neue Bundespräsident demnächst sein Sommerfest feiert, finanziert unter anderem von einer Großspende eines Ölkonzerns, welcher aus aktuellem Anlass nicht als Spender in Erscheinung treten will.
Wulff wird bald zu den beliebtesten Politikern gehören
Wer die Freiheit hochhält und das Feiern um seiner selbst willen betreibt, sollte von solchen Spenden frei sein können. Wünschen wir dem neuen Präsidenten eine glückliche Hand und den Mut zur politischen und intellektuellen Unabhängigkeit. Die Karawane der Medien wird weiterziehen und sich ein neues Opfer suchen. Christian Wulff wird bald zu den beliebtesten Politikern gehören. Ob auch zu den besten, liegt allein in seiner Hand.























Ich möchte meinen Bundespräsidenten bitte selbst wählen können. Ich muß bis 65 hart arbeiten und dann bekomme ich nicht mal 500 € Rente. Was bekommt der neue Bundespräsidnt nach 5 Jahren Amtszeit als Rente ?
Ich frage ja nur mal ! HubertIch frage mich auch, wie lange ist seine sehr viel jüngere Fraau abgesichert ?
Vielen Dank für diesen sehr, sehr guten Kommentar.
Mir – als politisch aktivem Bürger – geht dieses Schlechtmachen der politischen Klasse was insbesondere von Mitgliedern der politischen Klasse angezettelt wird, schon lange auf die Nerven. Denn: Wie soll eigentlich wieder Vertrauen in die Politik entstehen, wenn diese sich selbst ständig schlecht redet?!
Danke!
Vielen Dank für diesen sehr, sehr guten Kommentar.
Mir – als politisch aktivem Bürger – geht dieses Schlechtmachen der politischen Klasse was insbesondere von Mitgliedern der politischen Klasse angezettelt wird, schon lange auf die Nerven. Denn: Wie soll eigentlich wieder Vertrauen in die Politik entstehen, wenn diese sich selbst ständig schlecht redet?!
Danke!
“Ein Bundespräsident soll kein parteiischer Präsident sein, aber er darf eine klare, nicht verschwiemelte Meinung haben. Bundespräsident Wulff – das wäre “Bruder Johannes” als Karikatur, Rau in schwer erträglicher Potenz.” (Michael Spreng)
“Das Primat der Politik hat sich gegen die Arroganz der Medien durchgesetzt”
Neben allen Pros und Contras, die man aus sachlichen Gründen zu den beiden Kandidaten anführen konnte, trifft dieser Satz von Ihnen einen wesentlichen Punkt.
Stimmung machen ist sicher lustig, aber für einen Bürger, der sich von (Informations)Medien nicht nur amüsieren, sensationsfüttern und v.a. polarisieren lassen will, sind weite Teile der “Berichterstattung” (-BEstattung?) sowohl unbrauchbar als auch sehr ärgerlich und nervig.
“Die Medien” könnten ja mal das Ausrufezeichen eines neuen Wortes zelebrieren: Medienverdrossenheit….