Das Wort „alternativlos“ benutze ich nie. Denn es gibt immer Alternativen. Die Frage ist nur: Sind die besser? Jörg Asmussen

Ein bisschen Feminismus ist nicht genug!

Die frühere McKinsey-Managerin und Feministin Anke Domscheit-Berg hat ein Buch darüber geschrieben, warum es mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht vorangeht. Wirklich Neues bringt sie dabei nicht zu Tage.

Anke Domscheit-Berg gehört zu den wenigen streitbaren und unkonventionellen Vordenkerinnen eines neuen Feminismus. Ohne Männer, so die Hauptbotschaft ihres neuen Buchs „Ein bisschen gleich ist nicht genug!“, wird es eine gerechtere Welt nicht geben. Damit grenzt sie sich ab vom deutschen Gender-Mainstream, der in der Überwindung der biologischen Unterschiede zwischen Frau und Mann das einzig wahre Ziel des Feminismus sieht. Der Unternehmerin Domscheit-Berg geht es um eine Geschlechterwelt und -gerechtigkeit „auf Augenhöhe“.

Der Gender Gap ist überall

Die Streitschrift ist in Zorn und voller Ungeduld geschrieben. Der früheren McKinsey-Managerin gehen die Veränderungen nicht schnell genug. Den „Gender Gap“ gibt es überall: Arbeit (Lohn und Armut), Familie (Erziehung und Haushalt), in Wirtschaft, Medien und der Kultur (Leitungspositionen und Förderung) und in der Politik (Leitungsfunktionen und Diskriminierung). Wo soll Mann und Frau beginnen? Zwangsläufig tappt Domscheit-Berg in die Veränderungsfalle: „Geschlechtergerechtigkeit ist erst erreicht, wenn die ökonomische Macht gerechter verteilt ist.“ Etwas weniger Radikalität und mehr Realitätssinn hätten dem Buch gut getan. Am Ende bleibt das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht und der nett gemeinte Aufruf der Autorin, gemeinsam einen neuen Aufbruch zu wagen.

Brauchen wir einen Geschlechter-TÜV?

Alarmismus und Skandalisierung sind selten gute Ratgeber. Sie erhöhen zwar kurzfristig die Aufmerksamkeit und so die Verkaufszahlen, befördern jedoch einen Attentismus und eine Aporie, die eher den Status quo zementieren. „Sexismus ist Alltag – in Deutschland und überall auf der Welt“, überschreibt der Verlag seine Presse-Info zum Buch. Der Kampf gegen Geschlechterstereotype und Rollenbilder nimmt zuweilen komische Züge an. Etwa, wenn es um das Spielzeug für Kinder geht. Der Ruf nach mehr „Gender-Aufsicht“, eine Art TÜV für genderneutrales Spielen, ist da nicht mehr weit.

Es braucht eine soziale Revolution

Anke Domscheit-Berg bekennt sich zur ihrer DDR-Sozialisation und kann mit westdeutschen Besitzständen wie Ehegattensplitting und der kostenlosen Mitversicherung von Ehefrauen nichts anfangen. Das politische Programm für mehr Geschlechtergerechtigkeit sieht weiter mehr Kinderbetreuung, eine bessere Förderung von Alleinerziehenden und ein konsequentes Eintreten gegen Ungleichheit und Diskriminierung vor.

Ohne eine „soziale Revolution“ wird all dies nicht zu haben sein. Dass diese eher eine Utopie ist, ahnt auch die Autorin und ruft am Ende jeden Einzelnen und jede Einzelne zu einem individuellen Beitrag auf. Die verbale Aufgeschlossenheit der Männer wird wenig ändern, wenn sie ihre Verhaltensstarre nicht überwinden. Und den Frauen rät Domscheit-Berg zur „richtigen Partnerwahl“. Wann gibt es hier endlich eine App mit individueller Beratung?

Anke Domscheit-Berg: Ein bisschen gleich ist nicht genug! Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. 240 Seiten. 8,99 €. Heyne 2015.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Daniel Dettling: Mythen und Fakten zu Ehe

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