Das Netz führt nicht zu mehr Demokratie, sondern zu mehr Partizipation. Zeynep Tufekci

Anders, wie ihr

Die Roma galten lange als größte marginalisierte Gruppe Europas - doch sie sind nicht länger allein. Die Occupy-Bewegung macht deutlich, wie das System einen Großteil der Menschen außen vor lässt. Jetzt können wir von den Roma und ihrer Kultur lernen.

Das Volk der Roma und Sinti war lange Zeit der Sündenbock für die Regierungen Europas. So sind wir auch die letzte ethnische Gruppe, bei der Rassismus durch den Gesetzgeber akzeptiert und sogar aktiv gefördert wird. Diese zweifelhafte Ehre ist das Resultat einer politischen Landschaft, wo gewaltsame Räumung sowie Zwangsrückführung von Roma und Sinti zu regulären Ereignissen geworden sind und widerspruchslos durchgeführt werden, weil europäische Staats- und Regierungschefs einfach wegsehen. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass sich die Einstellungen gegenüber Roma und Sinti in den vergangenen Jahrhunderten wenig geändert haben. Dies ist das Vermächtnis einer seit tausend Jahren vereitelten Gorgio(nicht-Roma)-Faszination.

Fantasiebild der Roma

Die ambivalente Natur der Roma/Gorgio-Beziehungen baut auf der parallelen Geringschätzung und Neugier auf, welche den Gorgio-Komplex und sein unerfülltes Verlangen, den Roma zu verstehen, untermauert. In diesem Mangel an Wissen entstand ein Fantasiebild der Roma und mit diesem, wie bei Fantasien so üblich, wurden außergewöhnliche Möglichkeiten ausgemalt. Ein Konflikt entsteht, wenn die Einbildung als Realität empfunden wird und infolgedessen das Schreckgespenst der Roma droht, Europa weiterhin heimzusuchen. Dieser geisterhafte Aspekt in der Vorstellung über das Volk der Roma und Sinti wird angetrieben von einer Volksdarstellung, in der eine exzessiv sichtbare Kennzeichnung von Gesondertheit von Rundfunk-, Print- und digitalen Medien bekräftigt wird.

Die kontinuierliche Dämonisierung der Roma und Sinti erweckt den Eindruck, dass dringender Bedarf für sowohl rationale Auffassung der zeitgenössischen Roma-Kultur sowie eine klare Zusammenstellung von Vorstellungen vom Leben der Roma besteht; und mit dem sensationalisierenden Vokabular der bestehenden Klischees aufgeräumt wird. Als Künstler aus einer Roma-Community thematisiert meine Arbeit dieses Ungleichgewicht, indem sie untersucht, wie die sichtbare Kultur die geopolitische Stellung der Roma beeinflussen kann. Ein Teil meiner Erforschung der Roma-Ästhetik berücksichtigt, wie die Roma-Kultur Europa in der Vergangenheit beeinflusst hat, sowie diese als Vorbild für ein neues Verständnis des Europas von Morgen dienen kann.

Roma werden als originäre Bohemiens betrachtet, die einen unkonventionell kreativen Ansatz über das Leben und Nachdenken, welches die Künstler und Denker der Avantgarde historisch beeinflusst hat, verkörpern. Wenn wir diese unkonventionelle Lebensweise als ein Gründungsmodell der kulturellen Avantgarde ansehen, dann gäbe es heute eine neue und großzügigere Art, über die Roma nachzudenken, den unkonventionellen Ansatz der Roma zum Leben für sein Potenzial, kulturelle und soziale Innovationen hervorzurufen, zu bewundern.

Europas größte marginalisierte Gruppe

Sie würden als beharrlich, einfallsreich und anpassungsfähig, sowie für das Pflegen kultureller Traditionen, welche soziale Durchlässigkeit und zwischenstaatliche Geschlossenheit wertschätzen, wahrgenommen werden; all die Werte, welche den Kern der europäischen Idee bilden. Doch anstatt für unsere Ansätze im Bezug auf den Aufbau eines Gemeinwesens gepriesen zu werden, betrachtet man uns als einen Systemreiz in Bezug auf Macht und Status quo.

Bis vor Kurzem wurden Roma noch als Europas größte marginalisierte Gruppe wahrgenommen – so verstreut, wie wir in Länge und Breite auf dem Kontinent und darüber hinaus sind. Die jüngste Occupy-Bewegung behauptet, dass sich 99 Prozent der Europäer (und darüber hinaus) vom Nationalstaat im Stich gelassen fühlen und dem brutalen Hunger der Märkte ausgeliefert. Jetzt, wo so viele entmachtet sind, hat sich die Spanne exponentiell vergrößert und die Roma sind nicht länger alleine in ihrem Anderssein. In einer solchen Situation sollte das Potenzial der Roma-Kultur, eine alternative Vision von Europa, welche soziale Gerechtigkeit über nationale, ökonomische und ethnische Grenzen hinaus überdenkt, als erstrebenswert angesehen werden. Die Architekten des neu erwachenden Europas sollten es also ihren avantgardistischen Vorgängern gleichmachen und die Roma als eine Quelle für kulturelle und politische Inspiration ansehen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Marc Voigt – 17.02.2012 - 23:52

    Sehr geehrter Daniel Baker,

    vielen Dank für Ihren Beitrag.

    Im Prinzip ist es mehr als Überfällig unseren ständig vertriebenen Roma, Synthi Freunden endlich eine gesicherte Heimat oder Zukunft anzubieten (immerhin wurden im dritten Reich massive extrem verbrechen an den Roma, Synthi ausgeübt). So ganz nebenbei konnten diese Leute im Lauf der Jahrhunderte sehr viel eigen Wissen an vielen Kulturen erlernen, und es wäre von beiderseitigem Vorteil lernen zu dürfen.

  • Theeuropean-placeholder
    Marc Voigt – 18.02.2012 - 01:39

    Verzeihung, ich meinte korrekterweise Sinti.

    Mir ist es ziemlich egal als Atheist wer an welchen Gott, oder Götzen glaubt. Ich denke nur man sollte allen seinen Mitmenschen fair, neutral und Wissens teilend begegnen.

Aus der Debatte

Die Rückkehr der Roma

Situation der ungarischen Roma

Constantin_barbu2

Das ungarische Roma-Parlament ist am Rande des Zusammenbruchs, Menschenrechte spielen im öffentlichen Diskurs eine untergeordnete Rolle und Armut zermürbt die Minderheit. Erst wenn Roma als solche anerkannt werden, kann sich daran etwas ändern.

Daroczi_portrait
von Agnes Daroczi
22.04.2012

Roma in Europa

112771228

Noch immer haben viele Roma mit einem Teufelskreis aus Ausgrenzung und Armut zu kämpfen. Es ist an der Zeit, dass sie selber Einfluss auf ihre Zukunft nehmen können – auch politisch.

Kjaerum
von Morten Kjærum
23.02.2012

Vorurteile gegen Roma

Valentiny_j_nos 2

Es ist egal ob wir – die Roma – gebildet sind. Deutsche Juden waren hochgebildet; vor dem Holocaust hat sie das trotzdem nicht gerettet. Roma sind zur gleich weiter...

Valeriu_nicolae
von Valeriu Nicolae
16.02.2012

Mehr zum Thema: Integration, Occupy-wallstreet, Roma

Kolumne

Dsc_0510
von Ruben Alexander Schuster
27.03.2012

Kolumne

  • Die Welt erleben, das Ferne und Fremde daheim bestaunen – Kultur leistet auch Integrationsarbeit. Kaum jemand weiß das besser als Neil MacGregor, Hüter der kulturellen Identität Großbritanniens. weiterlesen

Dsc_0510
von Ruben Alexander Schuster
13.03.2012

Kolumne

Jennifer_pyka
von Jennifer Nathalie Pyka
03.03.2012
meistgelesen / meistkommentiert