Informationen ohne Filter sind bloß Lärm. Thomas Goetz

Alles schlecht in dieser Welt

Warum sind Amerikaner so trübselig? Vielleicht hängt es damit zusammen, dass wir es gewohnt sind, immer wieder eins über die Rübe zu bekommen. Eine Überwindung der Krise fängt damit an, dass wir uns mental wieder aufrichten.

Wir hatten es in den vergangenen Jahren mit einem wirtschaftlichen Paradox zu tun. Die Zuversicht der Konsumenten stagnierte auf einem historischen Tief – ein Anzeichen dafür, dass es der Wirtschaft schlechter geht als in den frühen 80er-Jahren, als Inflation und Arbeitslosigkeit beide im zweistelligen Bereich lagen. Zur gleichen Zeit sind einige der wirtschaftlichen Indikatoren aber durchaus positiv oder zumindest nicht so negativ, wie wir denken.

Warum blasen wir also Trübsal? Ich glaube, dass die Antwort darauf in unserer Psychologie zu suchen ist. Wenn wir längerfristig mit unvorhersehbaren negativen Entwicklungen konfrontiert werden, kommt das Phänomen der “gelernten Hilflosigkeit” zum Tragen.

Das Standardexperiment dazu besteht aus zwei Hunden in getrennten Zimmern. Einer der Hunde hört regelmäßig eine Glocke und bekommt kurz danach einen leichten Elektroschock versetzt. Nicht schlimm, nur eine kurze Stimulation. Der Hund hat in seinem Zimmer jedoch auch einen Schalter, mit dem die Schocks abgeschaltet werden können. Die meisten Hunde lernen schnell, ihn zu benutzen. Der zweite Hund erhält gleichzeitig mit dem ersten Hund einen Schock. Er hört aber weder die Glocke, noch gibt es im zweiten Raum einen Schalter. Die Schocks hören erst auf, wenn der erste Hund gelernt hat, die Stromverbindung zu kappen. Der zweite Hund kann also nicht genau bestimmen, wann die Schocks kommen und wie sie unterbunden werden können.

Was für ein Hundeleben

Als Nächstes werden die Hunde nacheinander in eine Box geführt und sind durch einen niedrigen Zaun von einer zweiten Box getrennt. In regelmäßigen Abständen geht in der Box mit dem Hund eine Warnlampe an, kurz danach wird der Boden der Box leicht unter Strom gesetzt. Die Hunde können den Stromstoß verhindern, indem sie über den Zaun springen. Der erste Hund lernt relativ schnell, über den Zaun zu springen. Er ist nervös, aber nicht unglücklich. Der zweite Hund sollte eigentlich genauso motiviert sein, die Stromstöße zu beenden. Doch er liegt nur in der Ecke seiner Box und jammert, sobald die Warnleuchte angeht. Dieser Hund hatte im ersten Teil des Experiments gelernt, dass Schocks ohne Vorwarnung und ohne Alternative kommen konnten. Diese Haltung zeigte sich im zweiten Teil des Experiments. Der Hund war hilflos, wenig kreativ und zeigte viele Symptome, die wir generell mit klinischen Depressionen verbinden.

Das beschreibt in etwa die Geisteshaltung vieler Amerikaner. Wir sehen uns mit einer Serie von alarmierenden Entwicklungen konfrontiert. In den 90er-Jahren war es die Internetblase. Dann die Hypothekenkrise. Jetzt sind es Ölpreise, die Bankenkrise und anhaltende Arbeitslosigkeit. Diese Dinge passierten alle relativ kurz hintereinander und ließen uns das Vertrauen in den Rat von Experten, Politikern und den Medien verlieren. Ein persönliches Beispiel: Als ich meinen ersten Job annahm, wurde uns allen erzählt, Technologieaktien wären eine sichere Sache und die beste Möglichkeit, sein Geld zu vermehren. Nachdem die Internetblase geplatzt war, wurde uns erzählt, dass wir doch besser in Immobilien investieren sollten. Meine Frau und ich haben in den letzten Jahren leider lernen müssen, dass das keine so gute Entscheidung war.

Sind die negative Erwartungshaltung der Verbraucher und die allgemeine Hoffnungslosigkeit also berechtigt? Wenn wir uns strikt an die wirtschaftlichen Zahlen und Vorhersagen halten, dann eher nicht. Aus einer psychologischen Perspektive heraus betrachtet ist diese Reaktion aber durchaus zu erwarten. Die Frage bleibt, was wir dagegen tun können.

Lächeln, bitte

Eine Idee kommt von James Pennebaker von der Universität von Texas in Austin. Pennebakers Forschungen haben wiederholt gezeigt, dass traumatische Erlebnisse am besten durch das aktive Nachdenken oder Schreiben über ebendiese Erfahrungen verarbeitet werden können. Es macht also Sinn, über unseren Nachrichtenkonsum nachzudenken. Wir haben 24 Stunden am Tag die Gelegenheit, uns über Fernsehen, Radio, Zeitungen und Onlinemedien zu informieren. Doch meistens sind die Medien auf der Jagd nach der nächsten Sensation und nicht um erklärende Analysen bemüht. Sogar Reportagen über die Wirtschaftskrise drehen sich oft um harte Einzelschicksale, um Menschen ohne Arbeit und ohne Geld für den nächsten Tank Benzin. Das ist vor allem Tratsch. Ein aufrichtiger Versuch, wirtschaftliche Vorgänge zu analysieren und zu erklären, ist nicht nur Teil des journalistischen Auftrags, sondern auch wichtig für das psychologische Wohlbefinden einer ganzen Nation.

Gleichzeitig müssen wir darüber nachdenken, wie wir solche Krisensituation zukünftig vermeiden können. Ich befürchte, dass wir in unserer aktuellen Verfassung weitere Krisen – zum Beispiel in der Gesundheitsvorsorge – nur schwer überstehen würden. Ich bin der Meinung, dass wir ein Gefühl für Sicherheit, Kontrolle und Ordnung wiedergewinnen müssen. Dazu muss die Regierung weitreichende regulatorische Maßnahmen ergreifen, die über eine bloße Verarztung der US-Notenbank hinausgehen. Die Notenbank Fed trägt mit ihren willkürlichen und launischen Initiativen eher dazu bei, unseren Eindruck vom Finanzchaos noch zu verstärken.

Wir brauchen langfristig orientierte Ansätze, die auch solche Märkte einbeziehen, in denen es noch nicht zum Kollaps gekommen ist. Wir müssen potenzielle Problemfälle identifizieren, bevor sie zu realen Problemen werden. Es geht zum Beispiel um die Fragen, unter welchen Umständen die Regierung Banken zur Hilfe kommen sollte – und mit welchen Konsequenzen Investoren, Anteilseigner und Bankiers dann zu rechnen hätten. Ich glaube, dass wir nur durch weitreichende Reformen ein Gefühl für Kontrolle und Vertrauen zurückerlangen können.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Peter Wallnock – 06.12.2010 - 14:25

    Sehr geehrter Herr Prof. Ariely

    Ich stimme in Ihrer folgenden Aussage mit Ihnen überein: “Ein aufrichtiger Versuch, wirtschaftliche Vorgänge zu analysieren und zu erklären, ist (…) auch wichtig für das psychologische Wohlbefinden einer ganzen Nation.”
    Jetzt habe ich mich aber ein wenig mit James Pennebakers Arbeiten beschäftigt und weiss, dass sein Ansatz der emotionalen Inhibition, also des emotionalen Schreibens oder Redens über belastende Lebensereignisse, mittlerweile recht stark kritisiert wird. Es scheint sehr zweifelhaft, ob das “Rauslassen” der eigenen Emotionen in Bezug auf belastende Erlebnisse wirklich die von Pennebaker postulierten Effekte hat (vgl. bspw. Meads, C., Lyons, A. & Carroll, D. (2005)).
    Ausserdem: Der Zusammenhang zwischen Pennebakers Ansätzen und unserem Medienkonsum zur Wirtschaftskrise ist mir nicht ganz klar geworden.

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