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„Durch Sado-Maso kann man Geschlechterrollen aufbrechen“

SM praktizieren und darüber fabulieren, SM-Vorkehrungen zu treffen, und mit anderen darüber sprechen – das beschreibt nur einen Teil des Lebens von Cornelia Jönsson, wohl aber ihr berufliches Schaffen. Sie schreibt über sexuelle Vorlieben Sachbücher und Romane, im Gespräch mit Bettina Koller erzählt sie von ihrem eigenen Zugang und warum der devote Mann ein Ladenhüter ist.

The European: Für “Lust auf Schmerz” haben Sie 33 Frauen über ihre SM-Leidenschaft interviewt. Wie präsent ist SM in Ihrem täglichen Leben?
Jönsson: In meinem Alltag spielt es gar keine Rolle. Natürlich plane ich SM, kaufe manchmal etwas dafür ein, aber es ist nicht dauerhaft präsent. Bei den befragten Frauen gibt es einige, die ein permanentes Ungleichgewicht haben: bei denen sich SM durch den gesamten Lebensbereich zieht. Das möchte ich für mich persönlich nicht. Schließlich soll daraus ein erotischer Reiz gezogen werden und der außergewöhnliche Zauber muss erhalten bleiben. Ich finde es für mich nicht befriedigend, mir jeden Tag sagen zu lassen, was ich anziehen soll, beispielsweise – das hat nichts mehr mit einem erotischen Kick zu tun.

The European: Die 33 Frauen haben altersmäßig eine breite Palette aufzuweisen, junge Frauen gehen sehr offen mit ihren Vorlieben um, hat Sie das überrascht?
Jönsson: Es stellte sich heraus, dass junge Frauen heutzutage Sex viel früher entdecken und einen sehr natürlichen Zugang haben. Besonders spannend fand ich den Vergleich: Viele ältere Frauen haben schon eine SM-lose Ehe hinter sich, als sie ihre Leidenschaft spät entdecken. Die jungen Frauen in meinem Buch nehmen ihre Partner sogar mit zu den Eltern, das hat mich wirklich überrascht. Junge Frauen gehen heute viel freier mit Sexualität um als in meiner Jugend und das ist erst zehn Jahre her: Das ist sehr schön.

The European: Neben sehr spannenden Geschichten gab es in “Lust auf Schmerz” auch grenzwertige Fälle, finden Sie jede Ausprägung von Rollenspielen erklärbar?
Jönsson: Da gibt es zum Beispiel eine Grundschullehrerin, die angeblich Besuch kriegt von Tieren, das lässt sich leicht auflösen: Das sind natürlich verkleidete Menschen, die es reizvoll finden, ihre animalischen nicht rationalen Aspekte herauszustellen. Der Fachbegriff dafür ist Pet Play. Die Frau, die das kleine Mädchen spielt, lebt in dem Moment Age Play. Wie im normalen Leben stehen manche auf Autoritäten, nur so lassen sich auch Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler erklären. Das Kindfrauen-Image ist auch ein klassisches Schönheitsideal unserer Zeit und nicht ungewöhnlich. Bei SM werden manche Dinge offensichtlicher.

The European: Wie untergliedert sich denn – im Unterschied zu den Rollenspielen – Ihrer Meinung nach Fetisch?
Jönsson: Fetisch bezeichnet grundsätzlich stark erotisch aufgeladene Objekte, wie Handschuhe, Schuhe oder Brillen. Einen Hang zu bestimmten Objekten werden immer einige Menschen haben. Wenn jemand zum Beispiel Brillen sehr sexy findet oder einen anderen Fetisch hat, kann er schnell in Richtung SM rutschen. Das muss nicht immer Lack und Leder sein, Fetisch und BDSM sind einander aber sehr nah.

The European: Und innerhalb der SM-Szene, gibt es da Leitlinien?
Jönsson: SMler sind nicht toleranter als andere, denn sie sind auch ein Querschnitt aus der gesamten Bevölkerung. Als ich angefangen habe, SM zu praktizieren, habe ich Leute aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten kennengelernt. Vorher dachte ich, diese Leute sind sehr reflektiert und es handelt sich nur um Ästheten mit einem Hang zum Künstlerischen. Das stimmt nicht, ich habe viele Idioten getroffen, die denken, nur ihr Weg ist richtig.

The European: Dennoch: SM scheint ein Weg, der Geschlechterstereotypen aufhebt, wird das auch genutzt?
Jönsson: Grundsätzlich schon. Menschen mit schlichterem Horizont verharren allerdings beharrlich in der alten Ordnung und bleiben auf klassische Geschlechterrollen reduziert. Allerdings kann man durch SM – durch die Rollenspiele und die Inszenierungen – Geschlechterrollen aufbrechen und spielerisch andere Geschlechter für sich entdecken. Das stellt einen großen Reiz und eine außerordentliche Befreiung dar.

The European: Sie beschreiben eine Gruppe, die man nicht sein will: “Der devote Mann hat mehr Spielzeug als Erfahrung.” Warum ist er so unbeliebt?
Jönsson: Vielleicht sind das noch alte versteifte Geschlechterrollen. Im heterosexuellen SM-Kontext gibt es aber definitiv viel mehr devote Männer als dominante Frauen. Devote Männer, die eine dominante Frau bevorzugen, haben eine so kleine Zielgruppe und sind selbst so zahlreich. Es gibt einfach zu viele davon.

The European: Sie haben 33 Frauen befragt, die Ihre Leidenschaft auf unterschiedliche Weise offenbaren. Glauben Sie, dass sich jeder outen sollte?
Jönsson: Grundsätzlich denke ich, dass Offenheit der richtige Weg ist. Aber ich habe auch mit einer Frau gesprochen, die als Lehrerin mit ihrem Grufti-Outfit schon Schwierigkeiten hat, die wollte ihre SM-Leidenschaft nicht noch zusätzlich offenbaren. Leider gibt es immer noch Berufe, die eine Offenheit nicht möglich machen, so wie das früher auch bei Homosexualität war. Hoffentlich öffnen sich die Leute mehr, Ängste sind häufig unbegründet.

The European: Wie offen gehen Sie selbst damit um?
Jönsson: Ich erzähle allen Leuten, dass ich SM betreibe. Das ergibt sich zwangsläufig. Man spricht relativ schnell über den Beruf, und wenn ich erzähle, dass ich Bücher schreibe, taucht auch die Frage nach dem Thema auf. Da mit “Spieler wie wir” Mitte November mein viertes Buch – Themenschwerpunkt SM – erscheint, ist eine Frage ziemlich schnell da: ob ich denn auch selbst SM betreibe.

Von Cornelia Jönsson zuletzt erschienen: “Spieler unter sich” (Anais, Berlin) und “Lust auf Schmerz. 33 Frauen erzählen, wie sie ihren Sadomasochismus entdecken” (Schwarzkopf & Schwarzkopf)

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Eva Herman: „Russen schenken Frauen beim dritten Kind einen Minivan“

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