Die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ist ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie. Philipp Mißfelder

„Wir wollen die Möpse sehen…!“

… doch wehe dem, der sie auch zeigt. Unisono empört man sich derzeit medial über etwas, was in einschlägigen Kreisen als „The Leak“ oder „The Fappening“ bezeichnet wird. Ganz schön verlogen.

Der amerikanische Boulevard, insbesondere Hollywood haben (endlich) einen neuen handfesten Sex-Skandal. Digitales Bild- und zum Teil auch Videomaterial junger prominenter Frauen wurde gestohlen und in weiterer Folge veröffentlicht. Darunter auch in Europa äußerst bekannte Schauspielerinnen wie Kirsten Dunst, Jennifer Lawrence oder das Model Kate Upton. Beschränken wir uns auf die zwei populärsten Opfer des Bilderdiebstahls: Upton und Lawrence. Die beiden hat es auf Grund der schieren Anzahl kompromittierender Bilder, die an die Öffentlichkeit gelangten, mit Abstand am schlimmsten erwischt.

Natürlichkeit ist die Quelle ihres Sexappeals

Jennifer Lawrence kennt man unter anderem in ihrer Rolle der Katniss Everdeen aus der erfolgreichen Romanverfilmung „Tribute von Panem“. Sie spielt eine junge, selbstbestimmte Frau, eine Action-Heldin, die mit Klugheit, Willenskraft und Mut ein diktatorisches Regime bekämpft. Nicht wenige junge Frauen und Mädchen nehmen sich diese Figur zum Vorbild.

Ihre Fan-Basis besteht aber auch zu einem wesentlichen Teil aus Männern. Die aparte Hollywood-Schönheit strahlt etwas Verruchtes und gleichzeitig Authentisches aus. Ihre Erotik ergibt sich durch ihr freches und unverstelltes Auftreten. Zu viel Hochglanz und Glamour wirken alsbald künstlich; Natürlichkeit ist die Quelle ihres Sexappeals. Lawrences männliche Fans dürften ihr Glück kaum zu fassen gewagt haben, als bekannt wurde, dass es nun Nacktbilder ihres Idols im Internet zu sehen gab. Die Ernüchterung erfolgte schnell: die Internet-Voyeure fanden die Bilder gar nicht so erotisch. Florian Siebeck ging in der „FAZ“ sogar so weit, die Fotos „grauenhaft“ zu nennen.

Bei Kate Uptons Arbeit – eine Art moderne Pamela Anderson – steht Körperlichkeit und Sexappeal klar im Vordergrund. Wer im Internet nach der jungen Amerikanerin aus Michigan sucht, findet schnell Hunderte, wenn nicht Tausende Bilder und Clips, die nur aufgrund eines minimalistischen Stoffschnipsels der Definition „nackt“ entgehen. Die „geleakten“ Bilder sind also nur eine kleine Ergänzung zu dem, was ohnehin schon hinreichend zu sehen war.

Große Genugtuung für jeden Normalo

Der eigentliche Schaden für das Management von Frau Upton dürfte sein, dass nunmehr ihr größtes Kapital (ihre Brüste), ganz unverstellt dem Anblick Hunderttausender preisgegeben wurde. Nicht im Rahmen der Inszenierung eines professionellen Fotoshootings und auch ganze ohne vorher von Photoshop veredelt worden zu sein. Die Faszination, die ihre Oberweite bisher auf den geneigten Betrachter ausgeübt hat, dürfte nun etwas an Mysterium und somit auch an Anziehungskraft eingebüßt haben.

Warum finden wir diese Bilder dann so spannend, wenn der erotische Moment gar nicht im Vordergrund steht? Die auf den Fotos zu Sehenden sind in erster Linie Privatpersonen. Personen, die hauptberuflich allerdings Prominente sind. Hier wird es interessant: Wir stürzen uns aus Sensationslust und Schadenfreude darauf und verspüren dabei ein gewisses „empowerment“.

Wir, die graue Masse, haben nun diese einmalige Gelegenheit, nach Belieben Einblicke in das Allerintimste dieser Berühmtheiten zu erlangen und können uns aus unserer Anonymität heraus daran ergötzen. Die Betroffenen, schockiert, empört und wütend über die enorme Verletzung ihrer Privatsphäre, verlangen, von der Betrachtung der Bilder abzusehen. Umso mächtiger fühlen wir uns dabei, wenn wir es dennoch tun. Die Berühmten und Unerreichbaren sind für einen kleinen Augenblick uns ausgeliefert. Eine große Genugtuung für jeden Normalo.

Kennen wir Upton und Lawrence nicht als strahlende Diven, immer perfekt von Kopf bis Fuß gestylt? Die Fotos zeigen normale Menschen. Ungeschönt. Manche der Aufnahmen sind richtiggehend fies. Die Rolle, die diese Persönlichkeiten in der Öffentlichkeit spielen und das Sexappeal, das mit großem Kalkül vermarktet wird (oftmals vom eigenen Management), haben offensichtlich wenig bis gar nichts mit den privaten „Sexy-Fotos“ dieser Menschen gemein.

Es sind eben nur Menschen.

Was bleibt übrig von einem Star, wenn professionelle Fotografen und Photoshop wegfallen? Und noch wichtiger: Was hat die Person auf den Fotos mit der Berühmtheit zu tun, die von so vielen angebetet wird? Magazine, Filme und TV-Shows wollen uns fast tagtäglich davon überzeugen, dass diese Stars „larger than life itself“ sind. Die Bilder haben etwas herrlich Entlarvendes an sich und irgendwo wünscht man, dass so viele junge Menschen – vor allem Frauen – wie nur möglich sie zu Augen bekommen. Dann können sie all die kleinen Mängel betrachten, Hautunreinheiten, Falten, den nicht so straffen Bauch oder die Cellulite. All das, was eine Hochglanzindustrie versucht, so drastisch herausfilterten und zu zensieren.

Was ist sexy? Was ist schön? Was ist begehrenswert?

Wieder einmal entlädt sich die in der amerikanischen Gesellschaft weit verbreitete, größtenteils religiös motivierte Prüderie an solchen „Skandalen“. Das sah man an den Fällen der US-Präsidenten-Praktikantin Monica Lewinsky, des CIA-Direktors David Petraeus, des demokratischen New Yorker Bürgermeisterkandidaten Anthony Weiner und man sieht es jetzt. Die Doppelmoral hat das öffentliche Leben in den Vereinigten Staaten fest im Griff.

Schluss mit dem Zeigefinger

Angriff wäre in diesem Fall die beste Verteidigung: Lawrence und Co. sollten mit einer offensiven Öffentlichkeitsarbeit das Thema aufgreifen und die Gelegenheit nutzen, für eine unverkrampfte Diskussion und einen ehrlichen Umgang zu werben.

„Sexting“ gehört mittlerweile zum Alltag vieler Jugendlicher und junger Erwachsener. Über WhatsApp und Snapchat werden täglich Tausende Bilder von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen verschickt. Das machen millionenschwere Hollywood-Stars und Models offenbar nicht anders. Das wird sich auch sicherlich nicht ändern, sondern tendenziell eher zunehmen.

Anstatt darüber oberlehrerhaft die Stirn zu runzeln und den Zeigefinger zu erheben, sollten wir uns mit dieser neuen Realität und deren möglichen Folgen beschäftigen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Clemens Lukitsch: Ausgetindert

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