Es gibt würdigere als mich. Barack Obama

Alhamdulillah, ein Shitstorm!

Die Aufregung um einen vermeintlichen Fall von Diskriminierung im Berliner Bezirksamt Neukölln ist exemplarisch für die Debattenkultur in unserem Land.

Wenn Muslime in Deutschland einen genuin deutschen Charakterzug haben, dann ist es die Freude am Aufregen. Verschleiert oder Shorts und T-Shirt: Das Wutbürger-Gen steckt in uns allen. Überall wittern wir Ungerechtigkeiten und Verfehlungen, die sich „die da oben“ nicht herausnehmen dürften. Unsere geschätzten Mitbürger muslimischen Glaubens sind da wenig anders.

Ob es um eine bereits geöffnete Cola-Dose auf einem United Airlines Flug geht oder um ein „vermeintliches“ Arbeitsverbot in einem Neuköllner Bezirksamt, die Empörung verbreitet sich über die sozialen Netzwerke innerhalb kürzester Zeit. Im Fall von Betül Ulusoy nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst eine Netzaktivistin ist.

Es geht um Empowerment

Betül Ulusoy ist eine junge Berliner Juristin und Bloggerin und keinesfalls unbekannt. Auf zahlreichen Veranstaltungen, Diskussionsforen, Panels und in vielen Medienberichten ist und war sie präsent. Jung, smart, hochgebildet und erfolgreich steht sie für ein dynamisches Islamverständnis in Deutschland: traditionell und modern zu gleich.

Neben diesen in unsere Gesellschaft „integrierten“ Features, kommuniziert sie auch eine andere Botschaft: Es geht darum, als muslimische Elite in der Bevölkerung wahrgenommen zu werden. Es geht um Empowerment und um den Abbau von Ressentiments gegenüber Muslimen, insbesondere gegenüber Frauen, die sich für das Tragen des Hijabs entschieden haben; ihr Äußeres ist Privatsache und politisches Statement.

Vor einigen Tagen ging sie an die Öffentlichkeit, weil man ihr eine Stelle als Rechtsreferendarin, auf die sie sich im Bezirksamt Neukölln beworben hatte, nur aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes angeblich verwehrt habe. Das Bezirksamt hätte sich in seiner Absage laut der Juristin Ulusoy auf einen fälschlich verstandenen Neutralitätsgrundsatz berufen. Ulusoy argumentiert weiter, dass das BVerfG mit dem Urteil vom 13. März dieses Jahres in der Sache Klarheit geschaffen hätte.

In einem Studiobesuch beim rbb kurz nach Bekanntwerden der Unstimmigkeiten zwischen ihr und dem Bezirksamt Neukölln, äußerte sie sich auch zu der emanzipatorischen beziehungsweise feministischen Botschaft, für die ihr Tuch als Antwort auf Sexismus in Musikvideo- und Werbeindustrie unter anderem stehen soll. Damit hat sie (wohl unbewusst) dem Bezirksamt gleich einen weiteren Grund geliefert, auf deren „Neutralitätsstandpunkt“ zu beharren.

Botschaften religiöser sowie politischer Natur sind schön und gut und sollen an dieser Stelle nicht bewertet werden. Dass ein Arbeitgeber – vor allem im öffentlichen Dienst – selbst entscheiden darf, in welchem Ausmaß seine Mitarbeiter diese Botschaften auf den Arbeitsplatz tragen, sollte man voraussetzen dürfen.

Kein kleines Mädchen mehr

Ungeachtet dessen, wird nun von antimuslimischem Rassismus gesprochen. Es leuchtet ein, dass ein junger, idealistischer Mensch, der, wie ich im Fall von Betül Ulusoy zweifellos annehme, viel mit Diskriminierung konfrontiert wurde, reflexhaft jede Form von Ablehnung auf die eigene Identität bezieht. Es ist außerdem vorstellbar, dass das Bezirksamt seine Vorbehalte ungeschickt kommuniziert hat und dadurch erst recht Anlass zur Kritik geboten hat.

Nun ist Betül Ulusoy aber kein kleines Mädchen mehr, wie sie selbst auf ihrem Blog schreibt. Sie ist eine junge, ehrgeizige Frau, die am Anfang ihres Berufslebens steht. Mit allem ausgestattet, um Karriere zu machen. Mehr noch, sie ist eine Person der Öffentlichkeit, mit einem ausgeprägten Sendebewusstsein. Sie bloggt über wichtige gesellschaftliche Themen und erreicht damit täglich tausende Menschen in den sozialen Netzwerken, die ihre Botschaften diskutieren, teilen, liken, und retweeten. Kurzum, sie hat Macht, sie ist einflussreich. Und sie weiß, wie dieser Fall zeigt, innerhalb kürzester Zeit die richtigen Kanäle zu aktivieren, um medialen Druck auf das Bezirksamt Neukölln zu erzeugen. Alleine die Überschrift in einem großen deutschen Medium wie dem „Tagesspiegel“, es könnte im Bezirksamt Neukölln einen Fall von Rassismus gegeben haben, tut ihre Wirkung. Mittlerweile haben zahlreiche weitere Meiden (im In- und Ausland) die Meldung aufgenommen.

Gleich die volle Breitseite, aus allen Rohren: Muslima, Kopftuch, Rassismus: die perfekten Zutaten für einen ausgemachten Shitstorm. Wären wir schon im Sommerloch, würde die Story vielleicht sogar in der „Tagesschau“ um 20 Uhr landen.

Der nächste Shitstorm kommt bestimmt

Das Bezirksamt hat mittlerweile dazu Stellung genommen und die eigene Position dargestellt. Es ist müßig zu fragen, ob die Sache nicht auch bilateral hätte geklärt werden können. Ob Betül Ulusoy nicht doch am Ende den Job bekommen hätte. Denn sie hat keine Absage erhalten; lediglich die Antwort, dass ihre Bewerbung erneut geprüft werden müsse. Sie hat sich in der Sache selbst ins Zentrum einer politischen und gesellschaftlichen Diskussion gestellt, deren Ausgang nicht abzusehen ist.

Das Urteil des BVerfG hat den Neutralitätsgrundsatz in Bezug auf religiöse Symbole in öffentlichen Einrichtungen, insbesondere den muslimischen Schleier, nicht komplett abgeschafft. Wie in dem beschriebenen Fall das Urteil angewandt wird, müssten im Zweifelsfall wieder Gerichte klären.
Vielleicht wäre das eine gute Gelegenheit, um Klarheit zu schaffen. Bis zum nächsten Shitstorm und der kommt bestimmt, inschallah!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, The European, The European.

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