Kunst ist Freude, nicht Investition. Piroschka Dossi

Scharfe Geräte

Der Sex der Zukunft wird schrecklich. Statt ins Bett geht es ins Labor. Und die Geschlechtergrenzen verschwimmen. Lust bekommen?

Wie die Dinge in einem Jahrhundert aussehen, hängt davon ab, ob der Homo sapiens einen Weg findet, die Verehrung der falschen materiellen Götter – Konsum und Profit – aufzugeben und die Flugbahn Richtung Selbstzerstörung zu verlassen.

Ehrlich gesagt bin ich nicht sehr zuversichtlich, aber ich versuche, das Positive zu sehen: Vielleicht gibt es eine Sonnenseite der Apokalypse. Ein großes ökologisches Drama könnte genau das sein, was unsere Spezies dazu bringt, achtsamer auf diesem Planeten zu leben – oder auf dem, was davon übrig bleibt, wenn wir endlich einmal die offensichtlichste Lektion gelernt haben werden.

Warum ich glaube, dass uns nur eine Apokalypse noch helfen kann? Denken Sie mal über das wahrscheinlichste Szenario nach, wie sich menschliches sexuelles Verhalten in den nächsten 100 Jahren entwickeln wird, falls es keine Naturkatastrophen gibt. Hier meine Gedanken dazu, was mit unserer Sexualität passiert, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Sex-Roboter werden Alltag

Wie jeder andere Aspekt menschlichen Lebens wird unsere Sexualität zunehmend durch Technologie bestimmt werden. Die Technik von Pornografie wird sogar noch raffinierter – auch wenn der Gegenstand des Porno an sich so simpel bleibt wie eh und je. Es wird bald dreidimensionale holografische Bilder von Menschen geben, die das tun, was Menschen schon immer getan haben. Allerdings werden sie sich dabei mit dem Zuschauer scheinbar in einem Raum befinden.

Die Verschmelzung von Sex-Spielzeug und Internet setzt sich fort – im Gegensatz dazu wird das wechselseitige Masturbieren über Skype geradezu unschuldig und primitiv wirken. Paare auf entgegengesetzten Hälften der Erde kontrollieren dann das Vergnügen des anderen per Mausklick oder Schlenker mit dem Joystick.

Noch wichtiger: Die Sex-Puppen-Technologie entwickelt sich rapide und produziert Roboter-Liebhaber, die darauf programmiert sind, nur die richtigen Dinge zu sagen – und vor allem zu machen. Bereits jetzt ziehen viele Männer und Frauen ihre Vibratoren und künstlichen Vaginas den seelischen Komplikationen und Gesundheitsrisiken vor, die durch Interaktion mit einem echten Menschen entstehen.

Während die Technologie sich verbessert, fragmentiert sich die Gesellschaft immer weiter. Abermillionen chinesischer Männer werden dank Ein-Kind-Politik ohne Chance auf eine Ehe mit einer gutgläubigen Frau aus Fleisch und Blut volljährig. Sex-Roboter werden also genauso üblich sein wie Dildos und Vibratoren es heute schon sind. Letzten Endes ist Sex doch am sichersten, wenn das Gegenüber kein Mensch ist.

Da sich unsere Sexualität immer mehr von Gefühl und Intimität löst – ein Prozess, der bereits in vollem Gange ist –, wird Sex zunehmend zu einer Angelegenheit effizienter und zuverlässiger Orgasmen. Menschliche Sexualität wird derselben Ökonomisierung und Technisierung unterworfen wie andere Aspekte unseres Lebens.

Im 20. Jahrhundert wurden Natur durch Parks, Hochseefischerei durch kommerzielle Aquakulturen, Sonnenschein durch Sonnenstudios ersetzt. Gleiches gilt für die sexuelle Interaktion: Diese wird auf einen mechanisch ausgelösten Orgasmus reduziert. Denn menschliche Wesen werden immer mehr von Maschinen und mechanistisch gedachten Prozessen dominiert, die wir in unseren Gehirnen und Gesellschaften wie Bakterien in einer Petrischale gezüchtet haben.

Geschlechteridentitäten verschwinden, da sexuelle Kontakte entmenschlicht und wir unabhängiger von binären Interaktionen mit anderen Menschen werden. Da unsere Interaktionen zunehmend mit nicht menschlichen Partnern stattfinden, werden die Erwartungen und Beurteilungen anderer weniger wichtig für die Entwicklung sexueller Identität. Das führt zu mehr Verkehr und weniger Liebeskummer, aber auch zu weniger Leidenschaft.

Deutschland, rette uns vor diesem Sex

Fortpflanzung verlagert sich vom Schlafzimmer ins Labor und Krankenhaus. Dadurch, dass die menschliche Fruchtbarkeit weiter steil abnimmt, werden weniger Kinder durch Geschlechtsverkehr gezeugt und via Vagina entbunden. Die vormals übernatürliche jungfräuliche Geburt wird zunehmend alltäglich, da zwischen Geschlechtsverkehr und Schwangerschaft keinerlei Zusammenhang mehr besteht.

Diese Zukunftsvision erscheint Ihnen ein wenig düster? Stellen wir uns doch ein positiveres Szenario vor: den großen globalen Kollaps. Völlige Katastrophe. Ob ausgelöst durch schmelzende Gletscher, einen nuklearen oder biologischen Krieg, wirtschaftlichen Zusammenbruch, einen Asteroiden-Einschlag, das Ebola-Virus, den Eurovision Song Contest oder eine Kombination aus all diesen und anderen Faktoren: Der Zusammenbruch der westlichen Zivilisation ist möglicherweise das Beste, was unserer Sexualität passieren kann.

Nach dem Kollaps der konsumorientierten und konkurrenzbetonten Geisteshaltung – welche momentan einen Großteil des menschlichen Denkens dominiert – wären wir frei, eine Gesellschaft aufzubauen, die sich mehr im Einklang mit unserer prä-agraischen Herkunft befände. Diese wäre charakterisiert durch Wirtschaften, die auf dem Prinzip des Teilens basieren statt auf dem des Hortens. Einer Politik des Respekts statt der Macht sowie einer Sexualität der Intimität statt der Entfremdung.

Natürlich wünsche ich mir keinen globalen Zusammenbruch. Aber wenn unser Zug mit Volldampf auf einen Abgrund zurast, dann wäre eine Entgleisung jetzt besser, als bis zum bitteren Ende auf den Schienen zu bleiben. Aus meiner Perspektive – Los Angeles im Jahr 2012 – scheint die Stoßkraft, die zu unserer immer größeren Entmenschlichung führt, unaufhaltsam.

Aber da Sie diese Worte in Deutschland lesen, befinden Sie sich in einer Nation, die versucht, diese fehlgeleitete Politik mit weisen, vorwärts gedachten Investitionen in alternative und effizientere Energien, allgemeine Gesundheitsvorsorge und nachhaltige Landwirtschaft umzukehren. Seltsam, das als Amerikaner zu sagen, aber: Bitte, Deutschland, führe uns in eine bessere Zukunft.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jakob von Uexküll, Ben Scott, George Friedman.

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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