I am not convinced. Joschka Fischer

„Ich kann mir vorstellen, Minister zu werden“

Christoph Metzelder spielt seit 2007 bei Real Madrid und wurde dort gleich im ersten Jahr spanischer Meister. Im Interview mit The European erzählt der deutsche Nationalspieler, warum Fußball mehr leisten kann als Politik, wieso er Frank-Walter Steinmeier bewundert und wofür er sich heute schon, ohne einen Ministerposten innezuhaben, politisch einsetzt.

The European: Herr Metzelder, kann ein Fußballer politisch sein?
Metzelder: Wir stehen so in der Öffentlichkeit, dass vieles von dem, was wir tun, bewusst von der Öffentlichkeit wahrgenommen und bewertet wird. Es ist nicht unrelevant, wie man sich als Sportler gibt, was man sagt, welches Auto man fährt oder wie man in einer Partnerschaft lebt. Daraus kann dann schon das eine oder andere „Politikum“ entstehen.

The European: Könnten Sie für eine politische Partei aktiv Werbung machen?
Metzelder: Davon sieht man im Leistungssport großflächig ab. Persönlich kann ich im politischen Diskurs für die eine oder andere Position sein, für die eine oder andere Partei. Zu allererst sind wir aber von Beruf Sportler und möchten als solche wahrgenommen werden. Von uns werden keine Wahlempfehlungen erwartet.

The European: In Kontakt mit Politikern kommen Sie aber schon regelmäßig?
Metzelder: Das ist richtig. Je nachdem, wie interessiert ein Spieler an Politik ist, zieht er aus diesen Begegnungen auch mehr als andere. Von den persönlichen Begegnungen mit Spitzenpolitikern sind mir die mit Bundespräsident Köhler und Kanzlerin Merkel in besonders guter und nachhaltiger Erinnerung. Ich persönlich verfolge das politische Geschehen in Deutschland auch von meiner Wahlheimat Madrid aus intensiv.

The European: Passiert es dann nicht, dass Sie sich doch zu einem deutenden Kommentar zur Tagespolitik hinreißen lassen, wenn Sie Politikern wie Frau Merkel begegnen?
Metzelder: Sportler sein heißt nicht, unpolitisch sein oder sich einen Maulkorb verpassen zu müssen. Also kann und darf ich mich schon äußern. Wir haben aber aufgrund der Öffentlichkeit, die Spitzensportler besitzen, selbst Gelegenheit, in der Gesellschaft Dinge mitzugestalten. Wie einige andere auch habe ich eine Stiftung ins Leben gerufen, die sich für bessere Ausbildungs- und Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche aus finanziell schwachen Elternhäusern einsetzt. Man kann nicht alles auf die Politik abschieben.

The European: Bildung war eines der Themen der Politik im vergangenen Jahr. Der Bildungsgipfel der Kanzlerin, die sie bereits genannt haben, wurde nicht gerade als Erfolg in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Haben Sie den Eindruck, die Politik verpasst den Anschluss in Sachen Bildung?
Metzelder: Die Fragen von Bundes- und Länderkompetenzen, die letztendlich den Bildungsgipfel überschattet haben, waren aus meiner Sicht nicht hilfreich. Wir erleben, dass immer mehr Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen, keine warme Mahlzeit zuhause bekommen und immer mehr in bildungsfernem Umfeld aufwachsen. 40 Prozent eines Hauptschuljahrgangs verlassen die Schule ohne Abschluss. Ob dafür nur der Bund oder nur die Länder Auswege finden dürfen oder nicht doch besser beide zusammen, muss letztlich im Interesse der Kinder und Jugendlichen und nur im Blick auf sie entschieden werden.

The European: Trauen Sie sich ein politisches Amt zu?
Metzelder: In einer Talkrunde hat der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger mir scherzeshalber einen Platz in seinem Kabinett angeboten. Man weiß ja nie was kommt. Im Moment bin ich mit meiner Karriere und meinem Engagement für die Stiftung komplett ausgelastet. Fragen Sie mich in einigen Jahren noch mal.

The European: Welchen Politiker würden Sie gerne einmal kennenlernen?
Metzelder: Frank-Walter Steinmeier. Mir scheint, als habe er nie die Bodenhaftung verloren, als er die Karriereleiter emporgestiegen ist – eine Sache, die er, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann, mit der Kanzlerin gemein hat. Und: Er ist seinem Fußballverein TuS Brakelsiek bis heute treu geblieben. Das imponiert mir als Fußballer noch einmal extra.

The European: Sie setzen sich auch für Ihren Heimatverein den TuS Haltern ein. Verbindet Sie das mit dem Kanzlerkandidaten der SPD?
Metzelder: Ich setze mich für meinen Heimatverein nicht nur aus biographischen Gründen ein, sondern auch, weil ich überzeugt bin, dass schon in den kleinen Vereinen der Grundstock für den Profifußball gelegt wird. Das Thema Jugendförderung spielt dabei auch eine entscheidende Rolle.

The European: Sie haben bereits einmal ein Fernstudium begonnen, dass Sie aus Zeitgründen nicht abschließen konnten. Möchten Sie den Studienabschluss nach Ihrem Karriere-Ende nachholen?
Metzelder: Absolut, ja.

The European: Sie gehören zu den Sportlern, die in der Öffentlichkeit zu ihrem christlichen Glauben stehen. Beeinflusst Ihr Glaube Ihre Haltung zu Politikern und Politik?
Metzelder: Für mich ist der Maßstab guten politischen Handelns die Sorge um den Menschen. Eine Gesellschaft funktioniert nur dann, wenn ein Bewusstsein für das ‘Wir‘ vorhanden ist und eine daraus hervorgehende Bereitschaft, füreinander einzustehen. Dazu muss auch die unumwundene Bereitschaft kommen, die Verdienste des anderen neidlos anzuerkennen. Die Sorge für den ganzen Menschen ist das Zentrum des christlichen Glaubens.

The European: Was heißt das konkret?
Metzelder: Ich habe in meiner Zeit als Messdiener gute Erfahrungen mit Kirche gemacht. Die Kirchen leisten Großartiges, im Krankenwesen, den Sozialdiensten und auch in den Kindergärten und Schulen. Wir unterstützen mit der Christoph-Metzelder-Stiftung deshalb auch ein Projekt der Salesianer Don Boscos. Auf Grundlage meiner positiven Erfahrung mit Kirche kann ich beispielsweise die Diskussion um den Religionsunterricht in Berlin nicht verstehen. Dieses Fach sollte für Schüler ab der achten Klasse gleichberechtigt neben dem Fach Ethik zur Wahl stehen. Werte kann man nicht nur abstrakt darstellen, sie müssen den Jugendlichen auch als gute Handlungsmaßstäbe für ihr Leben nahe gebracht werden. Diesen Überzeugungsüberschuss hat Religion vor dem Fach Ethik.

The European: Kann Fußball etwas leisten, was der Politik verschlossen bleibt?
Metzelder: Sehen Sie zum Beispiel das Spiel zwischen der Türkei und Armenien. Der Fußball hat hier die Brücke schlagen können zwischen zwei Staaten, deren Verhältnis mehr als kompliziert ist. Wir haben mit der WM in Deutschland erlebt, wie sehr der Fußball zu einem Wir-Gefühl ohne Ausgrenzung beitragen kann.

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