Nicht der Staat bedroht Freiheit und Sicherheit, sondern der Rechtsbrecher. Wolfgang Schäuble

Schicksalswahl für die AfD

Vor einigen Monaten hoffte die Alternative für Deutschland in Hamburg noch auf den Durchbruch in Westdeutschland. Nun steht gleich die ganze Existenz auf dem Spiel. Was ist da los?

Es ist nicht allzu lange her, da traf sich die AfD-Führung zu einer Pressekonferenz in Berlin. Im Osten war man gerade mit wehenden Fahnen in drei Landesparlamente eingezogen und Hans-Olaf Henkel triumphierte vor der anwesenden Hauptstadtpresse, auch in Hamburg habe man einen Professor – einen „Experten“, wie er ihn nannte – als Spitzenkandidaten.

AfD im Sturzflug – dank Bernd Lucke

„The future was wide open“, wie es in einem schönen Songtext heißt. Doch seitdem ist die AfD im Sturzflug – und in Hamburg droht nun nicht der Durchbruch, sondern der Totalschaden. Und das nicht, obwohl Bernd Lucke sich auf dem Satzungsparteitag durchgesetzt zu haben scheint – sondern genau deswegen.

Davon abgesehen, dass ich davon überzeugt bin, dass es sich sowieso nur um einen vordergründigen Sieg Luckes handelte, wie ich an anderer Stelle beschrieben habe, muss die Wahl in Hamburg nach diesem nun auch als Abstimmung über Lucke gedeutet werden, hat er sich doch mit seiner Ein-Sprecher-Strategie selbst ins Schaufenster gestellt und im Zweifel einer Niederlage auch zum Abschuss freigegeben.

Doch der Effekt eines möglichen Scheiterns beschränkt sich nicht auf Lucke. Einer von dessen namhaftesten Unterstützern ist Hans-Olaf Henkel – ebenfalls Hamburger und damit ebenfalls mit in der Lotterie. Beide zusammen gelten als Förderer und Unterstützer des Hamburger Spitzenkandidaten Jörn Kruse. Und der wiederum tut alles, aber wirklich alles, um die AfD in der Hansestadt voll vor die Wand fahren zu lassen.

Dubioses AfD-Personal

Zunächst schaffte es Kruse nicht (oder wollte es nicht schaffen), einen Zustrom von Ex-Freiheit-Mitgliedern zu verhindern. Mit Jens Eckleben ist eines von diesen sogar auf der Liste zu finden – die disziplinarischen Maßnahmen gegen ihn als Reaktion auf seine islamfeindlichen Äußerungen, die auch zu Austritten führten, waren nur vorübergehender Natur.

Maßgebliche Protagonisten der Schill-Partei hat Kruse auch ins Boot geholt – was verwundert, weil er seine Hamburger doch nicht für so wirr halten kann, dass sie denselben dummen Fehler innerhalb von 15 Jahren zweimal machen. Und auch sonst hat Kruse kein Händchen für Personal bewiesen, ist doch Claus Döring, ein Anhänger von HoGeSa und Mitbegründer der Hamburger AfD, immer noch Parteimitglied.

Der Döring, der von den Hooligan-Ausschreitungen in Köln nichts mitbekommen haben will, dafür aber von einem „Kölner Kessel dieser linksgrünen Bananen-Diktatur“ fabulierte, die Führung der Hamburger AfD einen „autistischen Gutsherren-Vorstand“ und Kruse einen „Amok laufenden Vorsitzenden“ nannte.

Zu alldem kommt nun, nur wenige Tage vor der Wahl, auch noch der Bergedorfer AfD-Kandidat Dr. Ludwig Flocken, der bei der MVgida-Demo in Schwerin geschichtsvergessenen Quatsch von sich gab – und das schon angekratzte Bild der „bürgerlichen“ AfD weiter in den Schmutz zieht.

Mit Nazi-Vergleichen über die Fünf-Prozent-Hürde?

Den Gegendemonstranten rief er zu: „Bei uns brauchen die Eliten euch als Fußvolk, um die Menschen zusammenzuschlagen und einzuschüchtern. Ihr seid die neue SA, gesteuert und bezahlt von unseren Steuergeldern aus dem Familienministerium.“ Um dann noch einen draufzusetzen und namentlich auf die SPD-Familienministerin bezogen zu schwurbeln: „Weil seit einem Jahr auch Verfassungsfeinde im Auftrag der Regierung prügeln dürfen, heißt ihr auch Leibstandarte Adolphine Schwesig.“ Dümmliche Hitler-Vergleiche scheinen sich langsam zu einer Spezialität der AfD zu entwickeln. Ob das auf Dauer als Rezept funktioniert, um über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen? Die NPD dürfte das aus Erfahrung verneinen.

Die Umfragen sehen die AfD in Hamburg inzwischen übereinstimmend auf der Kippe. Kruses peinlicher Versuch, mithilfe eines AfD-Aktivisten die Medien hinters Licht zu führen, hat den Abwärtstrend weiter verstärkt – und lässt inzwischen immer mehr Menschen zweifeln, ob die AfD überhaupt irgendeines ihrer vorgeblichen Prinzipien noch hochzuhalten gedenkt. „Mut zur Wahrheit“ dürfte als Slogan in Hamburg zumindest nicht mehr ziehen.

Zukunft der „Altherren-Experten“ ungewiss

Inzwischen wurde die Partei sogar von der FDP wieder überholt – die denkbar größte Demütigung für die selbsternannte „Altherren-Experten-Versammlung“ rund um Kruse, Lucke und Henkel. Scheitert die AfD in Hamburg also? Und scheitert damit die Partei dann insgesamt?

Das wäre sicher zu weit gegriffen. Aber wenn das Ergebnis deutlich hinter dem der Ostlandesverbände, wo Luckes Gegenspieler sich schon wieder formieren, zurückbleibt, wird der Beschuss alsbald wieder einsetzen. Wer alles auf eine Karte setzt – Lucke und Hamburg – der sollte wissen, dass er ziemlich nackt dasteht, wenn diese nicht sticht. Sonntag, ab 18 Uhr, beginnt in der AfD wieder das Messerwetzen. Luckes „Sieg“ auf dem Parteitag zwei Wochen zuvor dürfte dann wieder in Vergessenheit geraten. Und täglich grüßt das Murmeltier …

Hinweis: Am 3.2. ist ein eBook von Christoph Giesa zur AfD bei Hanser erschienen.
Christoph Giesa und Liane Bednarz
Deutschland dreht durch – Die Wahrheit über die AfD
76 Seiten
Hanser Box
ePUB-Format
3,99 €
ISBN 978-3-446-24894-6

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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