Ich halte die Polen-Fokussierung für einen Fehler. Erika Steinbach

Volkshochschulkurs Unternehmensgründung

Christian Lindner erklärt einem SPD-Landtagskollegen die Themen Gründung und Scheitern – und wird zum Internetstar. Aber ändert sich nun wirklich etwas?

Es dürfte das bisher meistgesehene Video eines Auszugs aus einer Debatte des Landtags in NRW sein – und eines der am meisten gesehenen politischen in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt: Christian Lindners Antwort auf einen Zwischenruf eines SPD-Kollegen zum Thema Gründen – und Scheitern. Die Reaktionen haben den FDP-Vorsitzenden dabei unvorbereitet erwischt – ihm war nicht bewusst, wie sehr er mit seiner Rede offenbar den Nerv vieler Menschen getroffen hat.

Als jemand, der seit einiger Zeit selbstständig tätig ist – und auch schon ein Unternehmen gegründet und es wieder abgewickelt hat –, weiß ich allerdings, wie sich das anfühlt, wenn man „scheitert“. Ich weiß, wie es ist, mehr Zeit in die Gründungsbürokratie zu stecken als in den Unternehmenserfolg. Und ich weiß, dass es da draußen tatsächlich Menschen gibt, die einen scheitern sehen wollen – oder zumindest überhaupt nicht nachvollziehen können, warum man diese Herausforderung auf sich nimmt, wenn man doch woanders abgesichert nach 40 Stunden pro Woche den Stift fallen lassen könnte. Und ja, auch ich wünsche mir, dass sich daran etwas ändert. Deutschland braucht eine neue Gründerzeit – und dafür bedarf es eben nicht nur der richtigen Infrastruktur und Regeln, sondern auch einer gründerfreundlichen Stimmung.

Die SPD scheint von den Worten der eigenen Ministerpräsidentin wenig zu halten

Die Reaktionen auf Lindners Ausführungen sind ein Statement, das die Politik nicht einfach ignorieren sollte. Es gibt in allen Parteien Menschen, die sich in der Szene auskennen – in manchen Parteien haben sie mehr zu sagen, in anderen weniger. Diesen mehr Raum zu lassen, sie ernster zu nehmen – wie die auch die Netzpolitiker übrigens – müsste die erste Reaktion sein. Zumindest in der SPD-Fraktion in Nordrhein-Westfalen hat man das aber offenbar noch nicht verstanden, versucht man es dort doch mit einem Angriff auf Christian Lindner persönlich – genau wie der traurige Zwischenrufer zuvor.

Man scheint dort von den Worten der eigenen Ministerpräsidentin tatsächlich wenig zu halten. Noch dazu verheddert man sich auch noch in Falschaussagen zu Christian Lindners Biografie – die man mit etwas Recherche ohne Weiteres hätte vermeiden können. So wird von zwei Unternehmensgründungen gesprochen, die beide „gescheitert“ seien. Dabei wird unterschlagen, dass das eine Unternehmen sieben Jahre lang erfolgreich tätig war – der selbst gekaufte Porsche während des Zivildienstes zeigt das deutlich. Mit der Wahl zum Generalsekretär in NRW gab Lindner diese Tätigkeit auf, hatte aber in der Zwischenzeit ein weiteres Start-up gegründet, das in der Hochphase auch von einer Venture-Capital-Firma mit Wagniskapital ausgestattet wurde.

Pikante Aufdeckung? Eher der Neid

Diese Investmentfirma wiederum hatte sich nach gängigen Bedingungen mit Geldern von der KfW eingedeckt, was damals alles andere als unüblich war. Lindner selbst hatte also keinerlei direkte Geschäftsbeziehung mit der staatlichen KfW – was man in der SPD-Fraktion aber nicht zu verstehen scheint. Man spricht vielmehr von „pikanten“ Enthüllungen, die darin bestehen sollen, dass man „aufdeckt“, dass Christian Lindner zum Zeitpunkt seiner Unternehmenspleite schon gut verdienender Landtagsabgeordneter war. Ja und? Sollen nur noch Beamte im Parlament sitzen? Sorry to say, aber der ganze Post riecht ziemlich gallig nach Neid. Und das ist ein Gefühl, das ich gar nicht mag.

Übrigens scheiterten viele Unternehmen am Ende der „Dotcom-Blase“ an mangelnden Anschlussfinanzierungen. Und zwar durchaus auch welche, in deren einstmaligen Geschäftsfeld sich heute sehr erfolgreiche Unternehmen tummeln. Das scheint auch ein Grund dafür zu sein, dass der SPD-Wirtschaftsminister erst vor Kurzem die Fördermöglichkeiten über das EXIST-Programm aufgestockt und erweitert hat. Er würde dem Unternehmer Christian Lindner also vielleicht auch heute noch Geld überweisen, in der Hoffnung, dass er im Erfolgsfall ein Vielfaches davon zurückzahlt und hochqualifizierte Arbeitsplätze schafft. In der SPD-Fraktion in NRW würde man dann vermutlich wieder mit verkniffenem Gesichtsausdruck sitzen und auf ein Scheitern hoffen. Es ist und bleibt noch ein langer Weg hin zu einer echten Gründerkultur, da hilft auch der Erfolg von Christian Lindners Rede alleine nicht. Ein Anfang war es aber allemal.

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