Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ist ein Erfolg. Henry Ford

Am eigenen Schopf in den Sumpf

Michael Klonovsky vom „Focus“ antwortet auf die Vorwürfe unseres Kolumnisten. Dabei verliert er jedes Maß und bestätigt den Verdacht, mit dem journalistischen Handwerk so seine Probleme zu haben.

Vor einer Woche habe ich an dieser Stelle die problematischen Ansichten von Michael Klonovsky thematisiert, nachdem dieser mit einem nach journalistischen Maßstäben unsauberen Artikel zum Islam aufgefallen war. Das schlug hohe Wellen.

Zuallererst einmal waren viele Leser, vor allem aber auch Journalisten-Kollegen von Klonovskys Menschenfeindlichkeit geschockt. Andere aber sahen sich berufen, ihn zu verteidigen – allen voran er selbst. Dabei zeigten sich interessante Muster, die irgendwo zwischen drollig und wirr einzustufen sind. Und die vor allem selbst die Vorwürfe, die letzte Woche noch mit einem Fragezeichen versehen waren, ein für alle Mal belegen.

Köstlich ist zunächst Klonovskys Replik auf seinem Blog, in der er, der sich so gerne für seinen virtuosen Umgang mit Sprache feiern lässt, vermutlich aufgrund seines angestauten Hasses auf die Welt das zeigt, was man in der Grundschule „mangelndes Textverständnis“ genannt hätte.

So unterstellt er mir „Strolch“, ich hätte auf Konsequenzen seines Arbeitgebers gegen ihn insistiert. Das ist natürlich totaler Quatsch. Der „Focus“ kann auch weiterhin jeden für sich schreiben lassen, sogar rechtsradikale oder rechtsextreme Spinner, von mir aus auch Punks oder afrikanische Diktatoren, wenn es ihm denn beliebt. Nur muss er dann auch damit leben, dass sich Menschen fragen, wofür der „Focus“ steht und im Zweifel ihre Konsequenzen daraus ziehen. Das nennt man übrigens nicht Zensur, wie jetzt manche wieder schreien dürften, sondern ganz profan: Marktwirtschaft.

Der Möchtegern-Intellektuelle blamiert sich umfassend

Besonders amüsant sind auch die Anfeindungen, die Klonovsky mir persönlich zu Teil werden lässt: Ich sei der „kleine Blockwart vom European“ mit einem durchweg „autoritären Charakter“, ein „Meutenfeigling und Bratenriecher“, der das „Blau- und Braunhemd mit derselben Selbstverständlichkeit [trägt], wie er auf das Bonner Grundgesetz zu schwören fingiert oder einen Turban aufsetzen wird, sollte es jemals opportun sein“. Da lässt es der lustige Herr aber mal richtig krachen – und merkt wieder einmal nicht, wie er sich selbst damit desavouiert.

Zunächst einmal, weil ich ihm gegenüber keine einzige Beleidigung habe fallen lassen. Und außerdem habe ich lediglich Aphorismen zitiert, die Klonovsky in ein Buch hat drucken lassen und zum Verkauf freigegeben hat. Dinge also, von denen man annehmen darf, dass er zu ihnen steht und deren möglichst umfassende Verbreitung wünscht. Dass ich mich mit seinen Auswürfen kritisch auseinandersetze, nennen normale Autoren das Risiko einer Rezension. Klonovsky kommt allerdings mit der „Nazikeule“ – gegen die er selbst in seinem Büchlein anschreibt. Es ist zum Schießen: Meinungs- und Pressefreiheit gilt für deren vermeintlichen Verteidiger immer nur für sie selbst. Das ist so dumm, wie es lustig ist.

Noch spaßiger ist sein Vorwurf, ich sei ein „Mietmaul“, das „wenn schon keine dauerhafte Anstellung, wenigstens ein paar Bienchen bei den Zeitgeistverwesern in den höheren Gehaltsgruppen zu verdienen“ versuche. Zum Kugeln, wenn sich jemand, der bei einem in der rechten Szene als „Mainstream-Medium“ titulierten Blatt angestellt ist, dessen Redakteure regelmäßig als „Lohnschreiber“ beschimpft werden, nun selbst zu denselben Stereotypen gegenüber anderen (also: mir) greift. Vor allem aber zeigt Klonovsky einmal mehr, dass er es mit dem journalistischen Handwerk nicht so hat. Einmal googlen hätte gereicht, um herauszufinden, dass ich mein Geld mit anderen Dingen verdiene. Für diese Kolumne ist niemals auch nur ein Cent geflossen.

Der Möchtegern-Intellektuelle blamiert sich also umfassend, wenn es um einfachstes Handwerk geht. Das dürfte für seinen Job auf lange Sicht fast gefährlicher sein als seine Aphorismen. Und es macht deutlich: Nur weil jemand virtuos mit Worten umgehen kann, taugt er noch lange nicht für mehr. Zumal auch einige der größten Dichter der vergangenen Jahrhunderte plumpe Rassisten und Antisemiten waren, die, würden sie heute noch leben, sicher keine Titelstory im „Focus“ zum Judentum oder Israel schreiben dürften.

Fast jedes Medium leistet sich sein „Rumpelstilzchen“

Auch einige von Klonovskys Verehrern, die ihm in der letzte Woche beigesprungen sind, zersägen sich gerade in brillanter Art und Weise selbst. Der einstmals so lesenswerte Matthias Matussek etwa, Ex-Kulturchef des „Spiegel“, formulierte im Namen der Hochkultur zu meinem Text: „eine ganz eklige und moralisch sowue intelltuell flache Denunziation – man kann nur noch abkotzen über Hysteriker wie diesen Giese, diese Nullnummer…“ (für sämtliche Fehler im Zitat liegt das Urheberrecht übrigens bei Matussek).

Früher hätte mich das getroffen, jetzt muss man es als Adelung empfinden, von diesem selbsternannten Christen so angegangen zu werden, verlegt er sich doch inzwischen auf hochgeistige Artikel wie „Ich bin wohl homophob. Und das ist auch gut so“). Dazu passt dann auch, dass er meinte, mich einen „Wurm“ nennen zu müssen. Die Zeiten, in denen Matussek Maßstäbe im Feuilleton setzte, dürften vorbei sein. Was Maßstäbe in personenbezogenen Ausfällen angeht, schiebt er sich dafür langsam aber sicher an die Spitze der Bewegung.

Immerhin wird er von der „Welt“, bei der man im Gegensatz zur „Focus“-Chefredaktion wohl nicht aller guten Sinne verlustig gegangen ist, spätestens seit dem spätpubertären Homophobie-Ausfall an der kurzen Leine gehalten, wie er selber auf Facebook anprangerte. Was war da passiert? Die Redaktion hatte ihm aus seinen Gedanken zur Buchmesse ein paar nette Worte zu einem Buch herausgestrichen. Man ahnt, welches Buch das wohl war: der inzwischen bekannte Aphorismenband von Klonovsky. Das sagt etwas über das Selbstverständnis der „Welt“. Es sagt aber noch viel mehr über Matussek – und vor allem wirft es einmal mehr einen Schatten auf die „Focus“-Chefredaktion.

Schon aus den Beispielen Klonovsky und Matussek wird übrigens deutlich, dass die Klagen der AfD und ihrer rechten Anhängerschaft, die „Mainstream-Medien“ würden keine anderen Meinungen zulassen, ziemlicher Humbug sind. Fast jedes Medium leistet sich – noch – sein „Rumpelstilzchen“. Dass sich das vielleicht bald ändern wird – Fest bei der „BamS“ und wohl auch Bettina Roehl bei der „WiWo“ schreiben dort nicht mehr – hat allerdings wohl weniger damit zu tun, dass für andere Meinungen kein Platz mehr wäre, sondern vielmehr mit der Radikalisierung der Protagonisten.

Vermutlich dachte Fest – genau wie Klonovsky – die Zeit, seinen islamophoben Gedanken freien Lauf zu lassen, sei nun endlich gekommen. Aber das sahen Leser, der Presserat und auch seine Chefs anders, die sich öffentlich deutlich distanzierten. Was jemand denkt, ist ganz alleine ihm überlassen. Was jemand schreibt, das betrifft im Zweifel aber das Ansehen des gesamten Mediums. Genauso wenig wie in einer neurechten Zeitschrift liberale Meinungen Platz finden, ist in Medien der Mitte Platz für rassistische Stereotype aller Art. Das hat mit Zensur nichts zu tun, sondern war schon immer so. Die Freiheit von Presse heißt eben auch, dass man sich einen eigenen Markenkern zulegen und diesen gegen Übergriffe einzelner Redakteure oder Autoren verteidigen darf.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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