Diäten wirken immer nur so lange, wie man sie einhält. Daniel Küblböck

Perspektivwechsel

Eine neue Biografie zeigt eine ganz andere Seite unseres Bundespräsidenten. Mit den Erkenntnissen dürften Gauck und Bürger gleichermaßen leben können.

Joachim Gauck hätte es selbst in der Hand gehabt, die gerade erschienene Biografie „Träume vom Paradies“ zu verhindern. Er hätte seinen langjährigen Vertrauten, seinen ehemaligen Pressesprecher Johann Legner, 2012 nur mit ins Bundespräsidialamt nehmen müssen, und das Buch wäre vermutlich niemals geschrieben worden. So kamen bei Johann Legner Zeit und auch eine gewisse Enttäuschung zusammen – und er begann, seine Beobachtungen zu notieren. Als Bürger darf man für Gaucks Entscheidung nun fast dankbar sein, gewinnt man doch Einblicke, die sonst verborgen geblieben wären.

Das Buch ist tatsächlich weit mehr als eine bloße Biografie einer bekannten Persönlichkeit. Die hätte es im Falle Gauck auch nicht mehr gebraucht: Zwei autorisierte Werke und Gaucks eigenes Buch haben die groben Lebenswege des Pastors aus Mecklenburg längst dokumentiert. Dazu kommen zahllose Presseartikel. Was Legners Buch lesenswert macht, sind seine persönlichen Beobachtungen und seine auf umfassenden Recherchen basierenden Erkenntnisse. Diese helfen einem nicht nur, Gauck besser zu verstehen, sondern liefern auch eine neue, andere Perspektive auf das Leben in der DDR, die Zeit der Wende sowie die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Diktaturen auf deutschem Boden.

Weder Revolutionär noch Mitläufer

Spannend sind besonders die Innenansichten aus den Anfangstagen der Gauck-Behörde. Dass etwa Helmut Kohl kein besonderes Interesse an einer umfassenden Aufarbeitung der SED-Herrschaft hatte und stattdessen lieber wie sein Vorbild Adenauer die SED- und Stasi-Leute ohne großes Aufheben in staatliche Organe übernommen hätte – wie es einst bei vielen Nazis geschehen war, war zumindest mir nicht bewusst. Ebenso wenig wie der Fakt, dass Gauck durchaus – man mag das opportunistisch nennen – einige ehemalige Stasi-Mitarbeiter in seiner Behörde beschäftigte. Aus pragmatischer Sicht war das wohl richtig. Für diejenigen, die das Regime zu Fall gebracht und zuvor unter genau diesen Leuten gelitten hatten, dürfte sich das allerdings relativ zynisch angefühlt haben.

Gauck war niemals ein Revolutionär. Gauck war aber auch kein Mitläufer. Gauck konnte sich immer schon an allen reiben, was die Beschreibung „Einzelgänger“ auf den ersten Blick nicht unzutreffend erscheinen lässt. Gleichzeitig braucht Gauck Menschen um sich herum, die ihm Struktur geben, weil er sonst wohl in seinem selbst geschaffenen Chaos versinken würde. Gauck ist eitel. Aber wer ist das nicht? Gauck war immer aufstiegsorientiert. Nachkriegsgeneration eben. Gauck zweifelt, Gauck probiert sich aus. Er bindet sich und löst sich, er sucht jahrzehntelang nach seiner Rolle. Auf dem Weg zur Präsidentschaft geht er immer wieder Kompromisse ein, das Theologiestudium etwa. Als es darauf ankommt, greift Gauck zu, setzt auch einmal die Ellbogen ein. Irgendwie ist Gauck wie Deutschland, und Deutschland wie Gauck – so kam es mir bei der Lektüre zumindest vor. Es gibt schlechtere Beschreibungen für ein Staatsoberhaupt.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Johann Legner hätte der Präsidentschaft von Joachim Gauck tatsächlich gut tun können. Das glaubt er vermutlich selbst, zumindest kann man das zwischen den Zeilen erahnen. Und ich glaube das auch. Die mangelnden Konturen, die an den ersten Jahren von Gaucks Amtszeit kritisiert werden, vielleicht sogar eine gewisse Mutlosigkeit, das hat sicher auch damit zu tun, dass sich Gauck zunächst eher mit risikoscheuem Personal umgeben hat. Allerdings, und auch das ist ein Teil der Wahrheit, den Legner selbst nicht verschweigt, hat Gauck alleine schon damit, dass er größere Fehler vermieden hat, dem Amt seine Würde zurückgegeben. Und das vermutlich im letzten Moment, bevor sie ganz verloren war.

Bei aller Kritik, und das ist das eigentliche Kompliment für Joachim Gauck, bestreitet Legner zu keinem Zeitpunkt, dass der aktuelle Bundespräsident die richtige Person, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort ist. Ein Mensch mit Ecken und Kanten in Bellevue – der „Bürger Gauck“, wie er sich gerne selbst nannte – ist sich auch nach seiner Wahl treu geblieben, ohne zu großspurig aufzutreten. Meistens zumindest. Bisher mutet er vor allem den Bürgern eine Menge zu, wie Legner beobachtet. Die Debatte über eine stärkere militärische Präsenz Deutschlands ist ein Beispiel dafür. Das irritiert einige, auch mich. Aber ist es nicht auch das, was wir uns von unserem Staatsoberhaupt wünschen? So wie es derzeit aussieht, könnte ja durchaus noch eine zweite Amtszeit folgen. Vielleicht steht diese ja dann im Zeichen der Zumutungen für die Politik? Themen dürfte es auch aus Sicht von Joachim Gauck genügend geben.

Johann Legner
Joachim Gauck – Träume vom Paradies – Biografie
ISBN: 978-3-570-10162-9

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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