Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe. Margot Käßmann

Die Liberalen und der Anstand

Rainer Brüderle hatte die Chance, in souveräner Weise auf die Vorwürfe der „Stern“-Journalistin zu antworten und einen wertvollen Beitrag zur Debatte zu leisten. Er hat sie vertan und macht damit den Fall doch noch zu einer Causa FDP.

Jeder, der sich im politischen Umfeld ein wenig auskennt, kann Beispiele nennen, in denen Politiker versucht haben – erfolgreich oder nicht – ihre Stellung auszunutzen. Berlin ist wahrlich kein prüdes Pflaster – und als Mitarbeiterin in den Abgeordnetenbüros, Hostess oder auch Journalistin muss man ein dickes Fell mitbringen. Der Ehrlichkeit halber muss man übrigens auch konstatieren, dass das in geringerem Umfang auch für männliche Vertreter gilt. Und ganz sicher beschränkt sich das unangemessene Verhalten grundsätzlich nicht auf FDP-Politiker. Durch den Umgang der Parteispitze mit den Vorwürfen gegen Rainer Brüderle wird es allerdings doch mehr und mehr zu einer „Causa FDP“.

Das dreifache Frauenproblem der FDP

Es gibt bisher niemanden von Rang, der bestreiten will, dass die Beschreibung der „Stern”-Journalistin falsch sei. Man beschränkt sich bei der FDP in der Reaktion darauf, Stil und Zeitpunkt der Veröffentlichung sowie das Verhalten der Journalistin an einer Hotelbar am späten Abend zu kritisieren. Und keine Frage, man darf sich durchaus darüber wundern, was der „Stern” sich bei der ganzen Geschichte gedacht hat. Aber worüber man sich noch viel mehr wundern muss, ist das Verhalten von Rainer Brüderle und den Seinen. Die Frage nach dem Anstand wird dem eigenen Spitzenkandidaten nicht gestellt.

Dabei hat die FDP nachweislich ein Frauenproblem, und zwar im dreifachen Sinne. So schneidet die Partei bei Wählerinnen schon historisch schlechter ab, die Schere ging allerdings bei der letzten Wahl noch weiter auseinander als zuvor schon. Auch beim Anteil weiblicher Mitglieder liegt die FDP ungefähr gleichauf mit der Herdprämien-Partei CSU bei 20 Prozent – und damit ganz am Ende –, was schon den Nährboden für das dritte Problem bereitet, nämlich dass es kaum Frauen in den obersten Führungsgremien gibt.

Der offiziellen Quote verweigert sich die Partei zwar beharrlich, inoffiziell ist die allerdings Teil jeder Vorstandswahl und Listenaufstellung. Je weiter nach oben es geht, desto dünner wird allerdings die Luft. Außer man hat schöne Beine und ein hübsches Lächeln, dann kann man es auch einmal an die Spitze schaffen. Oder aufs Gruppenfoto. „Sie lächeln so nett, kommen Sie doch auch dazu“, heißt es dann gerne. Und es gibt natürlich immer Frauen, die das Spiel mitspielen, weil sie kurzfristig davon profitieren können. Die werden dann natürlich auch sofort nach vorne geschoben, wenn es gilt, die Partei gegen Vorwürfe von Frauenfeindlichkeit zu verteidigen. Dass sie sich dabei vor den falschen Wagen spannen lassen, merken sie eher selten. Auch Silvana Koch-Mehrin musste erst am Ende ihrer politischen Karriere ankommen, um kritische Worte zu finden. Spät, aber nicht zu spät, könnte man meinen.

Ikone der männlichen Chauvinisten

Unpassende bis frauenfeindliche Witze haben schon vor zehn Jahren im rheinland-pfälzischen Landesvorstand regelmäßig für Protest der wenigen anwesenden Frauen gesorgt. Der wurde dann aber von der Altherren-Runde regelmäßig weggelacht. Emanzipation galt dort, wie auch in manchen deutschen Chefetagen, als Thema, über das man sich höchstens amüsieren kann. Nicht wenige junge Frauen zogen sich schon nach dem ersten Parteitag, den sie miterleben durften, wieder zurück. Sie fühlten sich nicht willkommen, beschränkten sich auf eine formale Mitgliedschaft oder traten ganz aus. Die Parteispitze hat das Problem zwischenzeitlich zumindest als solches erkannt und initiierte Coaching-Programme und Netzwerk-Veranstaltungen für Frauen. Der Erfolg hält sich bisher allerdings in Grenzen. Mit der „Affäre Brüderle“ dürfte man sogar noch hinter die Ausgangsposition zurück getreten sein.

Dabei hätte die junge, emanzipierte Garde von FDP-Politikern durchaus die Kraft gehabt, Brüderle in die richtige Richtung zu drücken, ihn zu einer Entschuldigung zu bringen und vielleicht sogar dazu, ein klares Statement gegen jede Form von Sexismus und Diskriminierung abzugeben. Nur wie schon so oft zuvor, murrt man hinter vorgehaltener Hand, aber man springt nicht.

Brüderle hätte die Chance gehabt, mit einem Sinneswandel zur Ikone einer neuen Emanzipationsbewegung zu werden – und dem einen oder anderen Macho zu denken zu geben. Er hat sich allerdings entschieden, es genau andersrum zu handhaben. Nun ist er eine Ikone einer immer weiter zurückgedrängten Schar von männlichen Chauvinisten, die mit Gleichberechtigung und Emanzipation wenig am Hut haben.

Und die Partei, vorneweg ihre Spitzenkräfte wie Philipp Rösler, Christian Lindner und Wolfgang Kubicki, die glaubten, Brüderle noch einmal vor den Karren spannen zu können, um sich im September über die fünf Prozent schleppen zu lassen, müssen nun erkennen, dass sie sich getäuscht haben. Brüderle, dem vorige Woche noch vorgeworfen wurde, dass er nicht bereit sei zu springen, hat durch sein Schweigen denen, die sich an seiner Seite eingefunden haben, den Sattel übergeworfen und lässt sie nun für einen Altherren-Liberalismus in den Sonnenuntergang galoppieren, der eigentlich überwunden werden sollte.

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