Streitende sollen wissen, dass nie der eine ganz recht hat und der andere ganz unrecht. Kurt Tucholsky

Frau Klöckner und der Imam

Es war einer der Aufreger der letzten Woche: ein Imam soll Frau Klöckner den Handschlag verweigert haben. Gibt es etwa Islamisten im beschaulichen Idar-Oberstein? Oder ging es um etwas anderes? Eine Spurensuche.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das Schmuckgeschäft des 2. Vorsitzenden der islamischen Gemeinde von Idar-Oberstein direkt neben der Geschäftsstelle der CDU liegt. Darauf angesprochen lächelt Inayat Khan Quazi, der aus Pakistan stammt und seit 30 Jahren in Deutschland lebt, etwas unglücklich. Eigentlich sei die Beziehung zur CDU und auch zu Frau Klöckner immer gut gewesen. Dass nun ein Handschlag, der nicht stattgefunden hat – und von dem es verschiedene Erzählungen gibt, die sich leicht, aber doch fundamental unterscheiden – für bundesweite Schlagzeilen sorgt, macht außer der CDU-Spitzenkandidatin und ihrem Wahlkampfteam wohl keinen so recht glücklich.

„Ich liebe Jesus Christus!“

Je länger man mit Quazi spricht, desto schwerer kann man sich vorstellen, dass er etwas mit einem radikalen Geistlichen zu tun haben könnte. Seine Frau trägt kein Kopftuch, seine Schwestern haben alle einen Universitätsabschluss. Er selbst wirbt dafür, das Gemeinsame der Religionen zu betonen, und nicht das Trennende. Als Kind besuchte er eine christliche Missionarsschule und schwärmt noch heute davon, was er dort gelernt hat, ohne, dass dabei sein Glaube eine Rolle gespielt hat. „Ich liebe den neuen Papst“, sagt er, weil dieser auf Dialog setzt. Und: „Ich liebe Jesus Christus, denn er ist unser Prophet.“ Wo hört man so etwas einmal von den vorgeblichen Verteidigern des christlichen Abendlands? Quazi ist nach deutschen Maßstäben irgendwo zwischen liberal und konservativ einzuordnen, fundamentalistisch ist an ihm allerdings nichts. Doch wie steht es mit dem Imam?

Obwohl dieser bereits seit rund sieben Jahren seinen Dienst in der einzigen Moschee von Idar-Oberstein tut, ist er bisher nicht negativ aufgefallen. Anlässlich der Anschläge auf Charlie Hebdo fand er in seiner Predigt klare Worte, was auch Quazi wichtig ist, wie er damals gegenüber der Nahe-Zeitung betonte. Man achte sehr genau darauf, was in der eigenen Moschee gepredigt werde. Und der Imam sei zwar konservativer als er, aber auf keinen Fall menschenfeindlich oder in irgendeiner Form radikal. Das bestätigen auch nicht-muslimische Flüchtlingshelfer, Männer und Frauen, die mit dem Imam zusammenarbeiten. Seine Hilfe und seine diplomatische Art werden dort geschätzt. Mehr als einmal hat er geholfen, durch Sprachkenntnisse, vor allem aber auch durch Geschick und Autorität, Konflikte mit und unter Flüchtlingen zu schlichten.

Frauen nicht die Hand geben

Irgendwie wirken Julia Klöckners Reaktion auf den nicht stattgefundenen Handschlag – verweigert wäre wohl die falsche Beschreibung, kam es doch nicht einmal zu dem Versuch – immer seltsamer, je länger man sich in Idar-Oberstein umhört. Das von ihr im Rahmen der Debatte ins Gespräch gebrachte Integrationsgesetz für Flüchtlinge würde für den Imam nicht gelten, der zwar aus Marokko stammt, aber seit vielen Jahren in Deutschland lebt, mit einer Deutschen verheiratet ist und einen deutschen Pass hat. Auch der überwiegende Teil der Mitglieder der islamischen Gemeinde in Idar-Oberstein hat keinen Flüchtlingshintergrund. Die meisten leben als Geschäftsleute bestens integriert seit langem in der Stadt und Umgebung. Das letzte Mal, dass es Probleme gab, war mit dem Vorgänger des jetzigen Imams – einem deutschen Konvertiten, der recht radikale Positionen vertrat – und von dem man sich daher auch trennte.

Darüber hinaus dürfte auch das von Julia Klöckner angestrebte Gesetz nicht regeln, wer wem die Hand geben muss. Das würde dem Grundgesetz widersprechen. Man kann die Position des Imams, Frauen nicht die Hand geben zu wollen, für rückständig halten. Ich persönlich tue das. Dann muss man dasselbe allerdings auch für Moslem- und Hindu-Frauen tun, die Männern nicht die Hand geben. Und man muss es genauso für diejenigen Unionspolitiker tun, die Homosexualität für eine Krankheit halten oder sich gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe einsetzen. Und vor allem muss man es der katholischen Kirche gegenüber tun, die Weiheämter immer noch ausschließlich männlich besetzt.

Auf der islamkritischen Welle surfen

Dass Julia Klöckner gerade über die verantwortlichen Kirchenoberen schon einmal gesagt hätte, sie seien im falschen Land, wie sie es in Richtung des Imams getan hat, ist nicht überliefert. Und vermutlich liegt genau dort der Hund begraben: es geht der Landtagsspitzenkandidatin vermutlich weniger darum, die liberale Gesellschaft zu verteidigen, als vielmehr darum, ihren Vorsprung in den Umfragen auf Kosten der schwächelnden AfD auszubauen. Dazu bietet sich das Surfen auf der derzeit rollenden islamkritischen Welle offensichtlich an. Und das Wahlkampfteam um Julia Klöckner dürfte nur auf einen Anlass gewartet haben, mit dem man genau das relativ unbeschadet tun kann. Dass die Schubladenpläne für ein Integrationsgesetz auf diesen Fall nun ungefähr so gut passen, wie wenn die Grünen als Antwort auf den VW-Abgasskandal nun Tempo 100 auf allen deutschen Autobahnen fordern würden, interessiert in der derzeitigen aufgeheizten Atmosphäre offensichtlich kaum jemanden. Von einer Ministerpräsidentin in Spe hätte ich mir ein verantwortlicheres Handeln gewünscht.

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