Wir müssen jederzeit mit IS-Anschlägen rechnen. Guido Steinberg

Hass bleibt Hass bleibt Hass

Mein Text zum Islamhass von letzter Woche hat hohe Wellen geschlagen. Dabei handelte es sich um ein Experiment. Und die Ergebnisse bestätigen die Vermutung, dass Islamhasser und Antisemiten denselben Impuls teilen.

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Ja, ich gebe es gerne zu: Die Kolumne von letzter Woche war geklaut, wenn man es so sagen will. Zumindest baute sie zum großen Teil auf Versatzstücken aus dem Text „Überlegungen zur Judenfrage“ von Jean-Paul Sartre auf, in dem dieser sich ganz kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit der Handlungsmotivation von Antisemiten auseinandersetzte – und einen auch heute noch anerkannten Erklärungsansatz entwickelt. Mein Ziel war es, die Impulse derjenigen, die sich wahlweise als „Islamkritiker“ oder gar ganz offensiv als „Islamhasser“ bezeichnen, zu überprüfen. Treibt sie wirklich die Angst? Sind sie in der Lage, zwischen Islamismus, Islam und einzelnen Muslimen zu differenzieren?

Meine Hypothese war klar: Sie sind es nicht. Vielmehr greift bei den Islamhassern, die sich bei „PI-News“ und in den Kommentarspalten der etablierten Medien, in der AfD und bei Pegida sammeln, derselbe Impuls, wie bei Antisemiten. Es geht nicht um die Bewahrung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sondern um die Herabwertung von Menschen, die zu gewissen Minderheiten gehören, und zwar aus einem fremdenfeindlichen Impuls heraus. Und der braucht genauso wenig einen Grund wie der Antisemitismus.

Von Emotionen vernebelte Sinne

Die Reaktionen hier und auf den verschiedenen Facebook-Seiten, wo die Kolumne besprochen wurde, waren enorm. Mehrere Hundert Kommentare, die meisten davon ablehnend, große Klickzahlen – in der letzten Woche nur übertroffen von Alexander Wallaschs Ode an die Reichsbürger – sprechen eine deutliche Sprache: Das Thema wühlt auf. Und dankenswerterweise scheint die Emotionalität manchen Kommentatoren dermaßen die Sinne zu vernebeln, dass sie fröhlich über das von mir hingehaltene Stöckchen gesprungen sind, ohne zu prüfen, ob sich dahinter vielleicht ein Abgrund befinden könnte.

Ein Kommentator unter dem Pseudonym JeanFairtique orakelte etwa: „Da hat wohl der muslimische Praktikant die Feder gezückt?“, womit er versuchte, die inhaltliche Debatte zu umgehen und stattdessen über eine Unterstellung den Text zu diskreditieren. Dass nicht der muslimische Praktikant, sondern der Philosoph Stichwortgeber für die Zeilen war, blamiert den Kommentator eigentlich schon hinreichend. Aber viel spannender ist doch die Frage, was sein Beitrag eigentlich insinuiert: Dürfte ein muslimischer Praktikant sich also nicht über die menschenfeindlichen Ausfälle der Islamhasser auslassen? Oder wäre er damit gleich weniger glaubwürdig? Um Argumente, das wird deutlich, scheint es JeanFairtique nicht zu gehen.

Hass ist keine Diskussionsgrundlage

Einer meiner treuesten Fans, hier unterwegs unter dem Pseudonym derblondehans, ließ es sich nicht nehmen, mir „Rassismus“ zu unterstellen und fragte: „Was um aller Welt, hat ‚Judenhass‘ nun mit dieser Kolumne zu tun?“ Die Frage dürfte inzwischen beantwortet sein. An anderer Stelle zeigte er aber noch einmal deutlich, wie das Gedankenmodell der Islamhasser aussieht.

„Ich bitte Sie, C.G., wer liebt den Islam? Wer liebt Scharia, Ehrenmord, Steinigung, Auspeitschung, usw., … umgekehrt, C.G., wem es missfällt, sich von den Mohammedanern als Ungläubigen, als Menschen zweiter Klasse, weil nicht seiner Religion zugehörig, zum ‚Dhimmi‘ diskriminiert zu werden, wird von den Mohammedanern zum Feind erklärt, wird gehasst, den es, letztendlich, zu töten gilt.“

Nun, keine Ahnung, wer den Islam liebt. Muslime vermutlich, aber auch da sicher nicht alle. Oder liebt jeder Christ seine Kirche? Und ich weiß auch nicht, welcher normale Mensch die Scharia oder Ehrenmorde liebt. Ich kenne eine Menge Muslime, von denen trifft das auf niemanden zu. Und dass ich von diesen diskriminiert worden wäre: Nicht ein einziges Mal ist das vorgekommen. Damit möchte ich gar nicht sagen, dass es das nicht gibt, auch im Namen des Islam. Aber ich bin eben doch in der Lage zu differenzieren und nicht den einzelnen Menschen alleine auf Basis seiner Religionszugehörigkeit herabzuwürdigen, sondern ihn an seinem Verhalten zu messen. Derblondehans und seine Freunde können das nicht – weil sie es nicht wollen. Damit diskreditieren sie sich als Gesprächspartner. Hass ist keine Diskussionsgrundlage.

Intoleranz und faule Vergleiche

Cleo schrieb, vermutlich in Ablehnung meines Textes, dass „jedem Atheisten und Agnostiker […] der Islam auf den Sack gehen“ sollte. Denn: „Alles andere wäre nicht normal.“ Da hat sie wohl grundsätzlich recht. Und mir persönlich geht der Islam zwar nicht unbedingt „auf den Sack“, aber ich kann mit ihm ähnlich wenig anfangen wie mit allen anderen Religionen auch. Das ändert aber nichts daran, dass ich anderen zugestehe, ihren Glauben auszuleben und sogar für diesen zu werben. Wenn jemand allerdings glaubt, er müsste diesen über das Grundgesetz oder die Menschenrechte stellen, ist meine Toleranz zu Ende. Hass muss ich dann aber noch lange nicht empfinden.

Ein Thomas Fuegner tauchte gleich an mehreren Stellen auf, um seine Begründung für seinen Islamhass publik zu machen. Dumm nur, dass seine Beispiele nichts mit dem Islam zu tun hatten. Er gibt an, dass „ach so bereichernde ‚Was kuckssu?, und BÄMM! Ins Gesicht!‘ schon am eigenen Leibe“ erlebt zu haben. An anderer Stelle ist die Rede von „Türkengangs“. Brutale Jugendgangs mit dem Islam gleichzusetzen, das ist im besten Falle dumm, im schlimmsten bösartig – zumal man davon ausgehen kann, dass Thomas Fuegner sich alleine vom Äußeren der Angreifer leiten ließ und sie nicht nach ihrem Glaubensbekenntnis gefragt haben dürfte. Ist der Ku-Klux-Klan das Christentum? Oder Anders Breivik? Vermutlich nicht. Die Logik wäre aber mit der von Thomas Fuegner identisch.

Rechte Primitivbürger im Pro-Israel-Mäntelchen

Dass Thomas Fuegner allerdings kein „besorgter Bürger“ ist, dem das alles ein wenig über den Kopf wächst, sondern vielmehr jemand, der offensiv eine menschenfeindliche Ideologie vertritt – öffentlich –, zeigt ein Blick auf sein Facebook-Profil. Zwischenzeitlich prangte dort die „Flagge des geheimen Deutschland“, ein Erkennungszeichen der Neuen Rechten, die in großer Zahl auch auf den Pegida-Demos zu sehen ist. Fuegner schrieb mir noch ins Stammbuch: „Eine solch pausbäckige küchenpsychologische Analyse der Islamkritiker hat gerade noch gefehlt“, was ich direkt an ihn zurückspiele: Eine solch pausbäckige und dumme Erklärung für Rassismus hat gerade noch gefehlt.

Dabei war der Herr unter den Kommentatoren bei Weitem nicht alleine mit seinem offensichtlichen Fremdenhass, der weit über „Islamhass“ hinausgeht. Auch bei anderen waren regelmäßig zahlreiche rechtsextreme Organisationen und Publikationen verlinkt. Wenn diese Leute Gründe brauchen, um Fremdes zu hassen, dann braucht Putin auch Gründe, um sich die Krim völkerrechtswidrig anzueignen – und die Sonne Gründe, um aufzugehen.

Natürlich durften auch die Empörungsschreie darüber nicht fehlen, dass ich Islamhass nicht als legitime Meinung anzuerkennen bereit bin. Wäre die Empörung genauso groß gewesen, wenn ich geschrieben hätte, dass ich Antisemitismus nicht als legitime Meinung anerkenne? Sicher nicht. Das haben sie inzwischen gelernt, die rechten Primitivbürger, nämlich dass sie mit offenem Antisemitismus nicht weit kommen. Daher hängen sie sich fröhlich ein Pro-Israel-Mäntelchen um – wie „PI-News“ etwa –, um dieses als Deckmäntelchen für ihren Menschenhass zu nutzen. Dass der Zentralrat der Juden von diesen Unterstützern nichts wissen will, ist verständlich. Denn wer, wenn nicht die deutschen Juden, wüsste genau, dass Ressentiment vor niemandem halt macht, wenn es erst einmal losgelassen wurde?

Seite an Seite mit Antisemiten

Dass mir dann noch jemand verklausuliert vorwirft, „den Holocaust zu relativieren“, wundert vor diesem Hintergrund nicht mehr. Fast schon lustig ist in diesem Zusammenhang die Forderung von Martin D Wind. Er ruft zu „Geisteshygiene“ der „The European“-Redaktion mir gegenüber auf. Ein anderer nennt mich „Verfassungsfeind“ und nennt es eine „Schande“, dass „The European“ mir eine Plattform bietet. Die selbsternannten Kämpfer für die Meinungsfreiheit fordern – zum Teil in der Sprache der Unmenschen – Zensur. Absurd.

Natürlich, und dazu stehe ich ohne Probleme, verkürzt der Text an ein paar Stellen. Dass etwa nicht eindeutig zwischen „Islamhass“ und „Hass auf Muslime“ unterschieden wurde, war in einigen konstruktiven Beiträgen kritisch angemerkt – und mir durchaus auch schon vorher bewusst. An der unglaublichen Geistesarmut derer, die selbst beides verknüpfen und dabei nur stellvertretend ihren Hass auf alles Fremde hemmungslos ausleben, ändert das allerdings nichts. Diese stehen in ihrer Logik unverkennbar an der Seite von Antisemiten. Und damit will ich nicht sagen, dass Muslime die neuen Juden wären. Ganz im Gegenteil: Muslime wie Juden leiden in Deutschland unter Ressentiments. Und als Verteidiger der offenen Gesellschaft darf man nicht ruhen, bis jegliche Art von Pauschalisierung und Diskriminierung der Vergangenheit angehört. Den rechten Primitivbürgern die Maske vom Gesicht zu reißen, kann da nur der erste Schritt sein.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Giesa: Frau Klöckner und der Imam

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