Zweifellos hat es perfekte Morde gegeben, sonst wüsste man ja etwas von ihnen. Alfred Hitchcock

Was ist Armut?

Seitdem mehrere Wohlfahrtsverbände und die Gewerkschaften, aber auch einige Bundesländer und Kommunen in (West-)Deutschland während der 1980er-Jahre dazu übergegangen sind, Sozialberichte zu erstellen, wird heftig darüber gestritten, was unter Armut zu verstehen ist.

Kritiker werfen solchen Dokumenten vor, gar nicht „wirkliche Armut“ zu erfassen, sondern nur die soziale Ungleichheit in einem reichen Land, das – verglichen mit Ländern der sogenannten Dritten Welt, aber auch südosteuropäischen Staaten – einen hohen Lebensstandard für jedermann biete und daher zum begehrten Ziel für Bürgerkriegsflüchtlinge und Elendsmigranten aus aller Welt geworden sei.

Absolute und relative Armut

Kern des Streits, der sich nicht bloß um die Methoden zur Erfassung und Messung von Armut sowie geeignete statistische Datengrundlagen dreht, ist die Frage, ob hierzulande ausschließlich solche Menschen arm sind, die ihre Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung und medizinische Basisversorgung) nicht befriedigen können, oder auch solche, die zwar ihre Grundbedürfnisse befriedigen, sich aber mangels finanzieller Ressourcen nur bedingt am gesellschaftlichen Leben beteiligen können und den allgemein üblichen Lebensstandard weit unterschreiten.

Wer zwischen absoluter, existenzieller bzw. extremer und relativer Armut differenziert, das Problem materieller Unterversorgung also nicht auf eine Schicksalsfrage im Überlebenskampf reduziert, hat die Alltagserfahrung vieler Menschen auf seiner Seite, dass soziale Ächtung schlimmer sein kann als körperliches Unbehagen: Wenn ein Kind, das im tiefsten Winter mit Sommerkleidung und Sandalen zur Schule kommt, von seinen Klassenkameraden ausgelacht wird, leidet es darunter wahrscheinlich mehr als unter der Kälte. Trotzdem existiert Armut für manche Kommentatoren nur dort, wo Menschen total verelenden, vor sich hinvegetieren oder gar wie Vieh auf den Straßen eines Dritte-Welt-Landes verenden.

Aufgrund einer EU-Konvention wird das Ausmaß der relativen Armut in den Mitgliedstaaten bestimmt, indem man die Quote derjenigen ermittelt, die (bedarfsgewichtet) weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Die daraus resultierende Armuts(gefährdungs)quote gibt an, wie weit der untere soziale Rand von der gesellschaftlichen Mitte, anders formuliert: von bürgerlicher Respektabilität, entfernt ist. Nichts anderes bedeutet im Grunde relative Armut. Absolute Geldbeträge wären für einen Vergleich der sozialen Situation in den EU-Mitgliedstaaten ungeeignet, weil die Lebenshaltungskosten stark differieren und man von 500 Euro monatlichem Einkommen in dem einen Land gut leben, in dem anderen jedoch noch nicht einmal ein Zimmer mieten kann. Luxemburg und Litauen sind zwei EU-Länder, wo die Einkommensunterschiede immerhin den Faktor 10 erreichen. Diesen wichtigen Umstand unberücksichtigt zu lassen, hieße letztlich, auf einen realistischen Armuts- und Reichtumsbegriff zu verzichten.

Gegen eine Verengung des Armutsbegriffs

Der „klassische“ Armutsbegriff, welcher von der Antike über das christliche Mittelalter bis zur Neuzeit im Gebrauch war, bezog sich auf die Frage, ob jemand mehr besaß, als er zum Überleben benötigte. Wer dieses Kriterium heute noch anlegt, verschließt sich der Erkenntnis, dass ein moderner Armutsbegriff differenzierter und nuancierter sein muss, weil er mit zu berücksichtigen hat, in welcher Gesellschaft ein Mensch lebt bzw. wie groß der ihn umgebende Wohlstand ist. Es gibt kein zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt gleichermaßen adäquates Maß, das wie eine anthropologische Konstante als Armutsindikator fungieren könnte.

Selbst die Schwelle zur absoluten Armut ist nur schwer zu bestimmen, weil sie z.B. davon abhängt, ob es sich um ein warmes oder um ein kaltes Land handelt, in dem jemand lebt. Wer in Sibirien keinen Pullover besitzt, ist höchstwahrscheinlich arm; wer in Sierra Leone keinen Pullover besitzt, ist deshalb noch lange nicht arm. Fast alle Mangellagen, die nicht sofort zum Tod der davon betroffenen Menschen führen, sind relativ. Man könnte in diesem Zusammenhang von einer sozialwissenschaftlichen Relativitätstheorie der Armut sprechen: Diese ist nie ohne ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld zu begreifen, sondern nur, wenn man das spezifische Verhältnis berücksichtigt, in dem die Betroffenen zu ihren Mitbürgern und deren Lebensweise stehen.

Ein zeitgenössischer Hochhausbewohner, der Arbeitslosengeld II erhält, empfindet Armut mit Sicherheit ganz anders als steinzeitliche Höhlen- oder mittelalterliche Hüttenbewohner, die sich von Wurzeln und Wildbret ernährten. Topmanager, Investmentbanker und Großaktionäre würden sich köstlich amüsieren, wollte man sie nach dem Besitz einer Kutsche oder mehrerer Reitpferde fragen, um herauszufinden, ob die betreffenden Personen zu den Reichen gehören. Arme müssen hingegen noch immer Lumpen tragen, (Leitungs-)Wasser trinken und trocken Brot essen, um als solche gelten zu können. Wie diese Beispiele zeigen, haben sich die Erscheinungsformen der Armut wie auch die des Reichtums tiefgreifend gewandelt, weshalb man heute andere Maßstäbe anlegen muss, wenn man wissen möchte, wer über Letzteren verfügt oder unter der Ersteren leidet.

Dass sich Armut ebenso wenig wie Reichtum nicht in sämtlichen Ländern und zu allen Zeiten über einen Leisten schlagen lässt, vielmehr unterschiedliche Maßstäbe nötig sind, um dem jeweiligen sozioökonomischen Entwicklungsstand angemessen Rechnung zu tragen, stört hierzulande viele, die den Begriff „Armut“ am liebsten so eng fassen würden, dass zumindest in der Bundesrepublik kaum noch davon die Rede sein könnte. So wird der Hartz-IV-Bezug von Kritikern der Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Armut, die sich in den Sozialwissenschaften durchgesetzt hat, als eine „Armut de Luxe“ und die Klage darüber als ein „Jammern auf hohem Niveau“ belächelt.

Umgekehrt wird allerdings ein Schuh daraus: In einer Gesellschaft notleidend bzw. unterversorgt zu sein, in der keiner oder kaum einer viel hat, ist leichter zu ertragen, als in einer Gesellschaft arm zu sein, in der es als „normal“ gilt, dass schon Kinder teure Markenkleidung tragen und ein Smartphone oder ein Tablet besitzen. Da unsere Hochleistungs-, Konsum- und Konkurrenzgesellschaft immer mehr Bereiche ökonomisiert, privatisiert und kommerzialisiert, d.h. beinahe alle Lebensabläufe stärker denn je über das Geld regelt, führt Einkommensarmut heute zu einer größeren sozialen Abwertung, als dies in früheren Geschichtsperioden der Fall war. Je höher das Wohlstandsniveau eines Landes ist, desto niedriger fällt daher der wissenschaftliche und politische „Gebrauchswert“ eines Armutsbegriffs aus, der sich nur auf das physische Existenzminimum bezieht.

Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Am 16. November erscheint im Westend Verlag (Frankfurt am Main) der von Ulrich Schneider herausgegebene Sammelband „Kampf um die Armut. Von echten Nöten und neoliberalen Mythen“ mit einem längeren Beitrag unseres Autors.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Christoph Butterwegge: Armutsbekämpfung: Fehlanzeige!

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