Das Netz führt nicht zu mehr Demokratie, sondern zu mehr Partizipation. Zeynep Tufekci

Deutschland grünt

Die Energiewende wird kompliziert. Was müssen wir tun, wenn die AKW planmäßig vom Netz gehen sollen? Effizienzsteigerungen sind eine Konsequenz, eine dezentrale Stromversorgung ebenfalls. Klar ist: Der Staat ist gefragt.

Fukushima habe die Welt verändert, erklärte die Bundeskanzlerin. Die Frage ist nur wie und für wen? Bisher sah es eher aus, als würde sich unsere Wahrnehmung nach dem Erschrecken immer nur kurz verschieben, ehe sie wieder im gewohnten Gefüge einrastet. Möglicherweise sind wir nach Ablauf des Moratoriums in der Kernenergie geistig ja auch schon wieder zur Normalität zurückgekehrt und haben die jüngsten „Weltveränderungen“ ebenso wie die vorherigen vergessen. Schließlich hat die Sicherheit der deutschen Atomkraftwerke durch Fukushima weder zu- noch abgenommen. Und doch ist die Ausstiegspolitik derzeit so aktuell, dass ihre Befürworter nie bessere Chancen zur Verwirklichung hatten.

Der Staat muss die Schwächen des Marktes kompensieren

Doch wie können wir Nachhaltigkeit garantieren und gleichzeitig den Ansprüchen der Schwellenländer gerecht werden? Auf anderen Gebieten würde daraus eine Frage des Preises, die letztlich der Markt beantworten müsste. Der Energiesektor, der dank seiner Rolle als Versorger seit jeher Gegenstand staatlicher Einflussnahme und Regulierung ist, funktioniert anders. Er verlangt, dass der Staat die Schwächen des Marktes bezüglich Umweltverträglichkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit kompensiert. So gesehen, war der staatlich geförderte Ausbau der Kernenergie eine Reaktion auf die Ölkrisen in den 1970er- und 1980er-Jahren. Doch seitdem sind die Energiemärkte dereguliert worden und erfordern marktwirtschaftliche Instrumente, um die nächste Technologiegeneration, wie Wind- und Solarenergie, vorzubereiten.

Schon vor Fukushima wurde die Atomkraft als emissionsfreie Brückentechnologie angesehen; aber wenn jetzt der rasche Ausstieg verlangt wird, müssen die Steuerzahler entweder die derzeit noch teuren alternativen Energien oder den erhöhten Kohlendioxidausstoß der Kohleversorgung in Kauf nehmen. Eine weitere Lösung wären integrierte Systemlösungen. Es gibt Schätzungen von ABB, nach denen durch den Einsatz intelligenter Drehzahlregelung bei elektrischen Antrieben der Stromverbrauch um bis zu 60 Prozent reduziert werden kann. Gerade wir Deutschen, die wir schon bei der flächendeckenden Mülltrennung zu den Umwelt-Vorreitern in Europa gehören, sollten in der Lage sein, zu Spitzenlastzeiten Strom zu sparen, indem wir Waschmaschine, Trockner und Staubsauger nur dann einschalten, wenn Energie aus erneuerbaren Energien billig verfügbar ist.

Die Zukunft ist dezentral

Eine weitere Option wäre die dezentrale Energieerzeugung. LichtBlick hat das Ziel, hunderttausend „Zuhause-Kraftwerke“ zu installieren und auf die Weise eine Erzeugungskapazität von 2.000 Megawatt zu generieren. Gegenüber der Kernenergie haben solche dezentralen Energielösungen immerhin den Vorteil, sicher zu sein, denn der erzeugte Schwarmstrom, der in die öffentlichen Netze eingespeist wird, würde die Ausfälle einzelner Einheiten überbrücken.

Um den schnellen Atomausstieg möglich zu machen, heißt es daher, an einer Vielzahl von Hebeln gleichzeitig anzusetzen und die Vor- und Nachteile verschiedener Technologien ohne moralischen Druck zu diskutieren: Energiepolitik muss emanzipatorisch sein. Dazu gehört, Energieeffizienz stärker in das Energiekonzept zu integrieren, die Forschung zu stärken und gleichzeitig Modellregionen zu fördern, wie es jetzt auf kommunaler und regionaler Ebene schon bei Smart Grid und Elektromobilität geschieht. Gleichzeitig kann sich Deutschland dem Zieldreieck Effizienz, Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit nur im Verbund mit den europäischen Nachbarstaaten und in europaweiter Abstimmung nähern. Im zunehmend integrierten EU-Binnenmarkt für Elektrizität und Gas löst der Alleingang Deutschlands die Probleme nicht.

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