Informationen ohne Filter sind bloß Lärm. Thomas Goetz

Schöpferische Zerstörung

Das grüne Wachstum ist längst Realität, die Vollversorgung mit regenerativen Energien könnte bei anhaltendem Trend bereits 2030 verwirklicht sein. Wer diese Dynamik begreifen will, sollte bei Schumpeter nachlesen.

Der Ökonom Joseph A. Schumpeter hat den Begriff der "schöpferischen Zerstörung“ popularisiert. Schumpeter schreibt in seinem Werk "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“: "Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte … illustriert den gleichen Prozess einer industriellen Mutation …, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft.“

Die Übersetzung der Megathemen Klimaschutz und Nachhaltigkeit in wirtschaftliches Handeln ist im besten Sinne ein Akt der schöpferischen Zerstörung. Wir müssen uns von alten, überkommenen Wirtschaftsweisen verabschieden. Das gilt insbesondere auch für den Motor unserer Ökonomie – die Energieversorgung.

Die regenerative Vollversorgung bis 2030

Die "schöpferische Zerstörung“ hat hier in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen. Die erneuerbaren Energien haben einen nahezu beispiellosen Siegeszug angetreten. Binnen eines Jahrzehnts hat sich der Anteil von Wind, Sonne, Wasser und Biomasse an der deutschen Stromproduktion auf rund 19 Prozent vervierfacht. Schreibt man die aktuelle Dynamik fort, wären wir schon 2030 bei einer regenerativen Vollversorgung angelangt.

340.000 Arbeitsplätze sind bereits in der Branche der erneuerbaren Energien entstanden. Das ist ein Plus von über 400 Prozent seit 1998. Und täglich entstehen neue Jobs. Zum Vergleich: Kernenergie und Kohlebergbau sichern heute nur noch 74.000 Arbeitsplätze.

Allein im deutschen Stromsektor stiegen die Investitionen in erneuerbare Energien 2009 gegenüber dem Vorjahr um 34 Prozent auf 20,4 Milliarden Euro. Die Branche boomt auch in der Krise.
 Dabei stehen die großen Investitionen – zum Beispiel in Windräder auf See – erst noch bevor.

Das grüne Wachstum ist längst Realität

Interessant ist auch, zu beobachten, wie eine andere Erfolgsbranche – die IT-Wirtschaft – beginnt, in Energie zu investieren. So hat Google angekündigt, an der Ostküste der USA einen Windpark zu errichten, der Strom für 1,9 Millionen Haushalte liefern soll. Der Rechnerpark des Internetgiganten verbraucht riesige Mengen Elektrizität. Google will diesen Bedarf künftig mit Ökostrom decken.

Das grüne Wachstum ist längst Realität. Laut einer Roland-Berger-Studie erwirtschafteten Umwelttechnologien 2007 rund 8 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts, bis 2020 wird sich dieser Anteil auf 14 Prozent erhöhen. Weltweit wird sich der Umsatz der Umweltindustrien bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Dabei spielt die Energieversorgung eine Schlüsselrolle. Die Weltmärkte für Solarthermie, Fotovoltaik und Windkraft wachsen um fast 20 Prozent jährlich. Deutsche Unternehmen besetzen in allen Feldern der erneuerbaren Energien hervorragende Marktpositionen. Viele innovative Projekte stehen in den Startlöchern. So können zum Beispiel über die intelligente Vernetzung von Kleinkraftwerken die Schwankungen in der Stromproduktion aus Wind und Sonne ausgeglichen werden.

Erneuerbare Energien, flexible Kraftwerke, neue Stromnetze und Speicher – die "grüne Revolution“ der Energieversorgung ist in vollem Gange. Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung der Bundesregierung für längere Atomlaufzeiten und neue Kohlekraftwerke falsch. Denn die Brücke in das regenerative Zeitalter ist längst errichtet. Mehr Atom und mehr Kohle werden – bleibt es beim Energiekonzept der Regierung – zur Bremse für den grünen Aufbruch.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Max – 23.01.2011 - 11:06

    Artikel wirft nur um sich mit angeblichen Fakten, hat aber wenig Substanz in der Argumentation.
    Zum Beispiel wird mit keinem Wort darauf eingegangen, weshalb innerhalb von kurzer Zeit die Branche so stark gewachsen ist-Subventionen. Zu dem sehe ich die Deutsche Branche immer mehr ins hintertreffen gelangen, wenn man sich u.a. die Solarindustrie ansieht. Deutschland hat dank Subventionen den Anschluss verloren.

  • Theeuropean-placeholder
    TheNik – 23.01.2011 - 19:38

    Wie schön, dass ich wohl nicht der einzige bin, dem dies aufgefallen ist.
    Ich halten den Satz “Schreibt man die aktuelle Dynamik, wären wir schon 2030 bei einer regenerativen Vollversorgung angelangt” für kritisch, u.a. aus den von Ihnen genannten Argumenten.

  • Theeuropean-placeholder
    Wolfgang Stock – 23.01.2011 - 20:13

    Wo ist der Dislike-Knopf?

  • Theeuropean-placeholder
    Thomas R.H. – 23.01.2011 - 20:14

    Auch ich bin kein Freund der Laufzeitverlängerung der AKWs. Was in dem Artikel aber ebenfalls nicht erwähnt wird, sind die enormen NOCH vorhandenen Defizite im Netzbereich und der Speichermöglichkeit des Ökostroms. Energie wird gebraucht, wenn wir einschalten. Weder Sonne, noch Wind kann man an-und ausschalten, und der Wind an der Küste bläst nicht im Schwarzwald…

  • Theeuropean-placeholder
    Hanoi – 24.01.2011 - 08:11

    Die Lösung dagegen sind Speicherkraftwerke (bspw. in alten Tagebauten), ein eurupäisches Supergrid und die Natur selbst (Sonne scheint tagsüber, Wind ist nachts stärker)

  • Theeuropean-placeholder
    neon-golden – 23.01.2011 - 20:34

    Lobbyisten schreiben solche Artikel nur, um weiter Geldströme als Wasser auf ihre Mühlen zu leiten.
    Dies ist ein solcher Artikel.
    Ein bekannter Energielobbyist hier in Berlin hat mir einmal gesagt: Ganz egal ob diese Techniken (Solar, Windkraft etc.) sinnvoll sind, hauptsache die Entwicklungen laufen jetzt in diese Richtung.

    Heißt übersetzt: Bitte den Geldhahn aufdrehen!

    Großangelegte Kapitalvernichtung aus ideologischer Verirrung!

  • Theeuropean-placeholder
    Hanoi – 24.01.2011 - 08:01

    Stichwort Subvention: Da das aber für alle Energieträger in Deutschland gilt (Bergbau insbesondere, aber auch die Forschungsmilliarden und Steuerbefreiungen der ersten Atomjahrzehnte), müsste man das mal sauber gegenrechnen.

    Und dabei berücksichtigen, dass EE keine weiteren Rohstoffe, außer die zur Wartung benötigen.

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