Was anderes sind also Reiche, wenn ihnen Gerechtigkeit fehlt, als große Räuberbanden? Augustinus

Düsteres aus Thilostan

Des einen Leid ist des anderen Freud – während die SPD-Granden eilig auf größtmögliche Distanz zu Thilo Sarrazin gehen, fühlt sich auch die Kanzlerin zur Kritik berufen. Denn die literarische Amokfahrt des früheren Finanzsenators lässt ganz neue, parteipolitische Winkelzüge zu.

Es kommt eigentlich nie vor, dass die Bundeskanzlerin in aller Öffentlichkeit ihre Einschätzung einer Neuerscheinung auf dem Sachbuchmarkt kundtut. Vergangene Woche hat sie es getan, noch bevor das Werk überhaupt im Handel war. Die Regierungschefin ließ wissen, dass sie Thilo Sarrazins Thesen zur Migration für “äußerst verletzend und diffamierend” halte. Die polemischen Bemerkungen würden sie nicht kaltlassen. Das kann man Merkel ohne Weiteres abnehmen. Doch sie ist gleichzeitig gewieft genug, die Debatte für eine kleine parteipolitische Attacke zu nutzen. Merkel weiß, dass der SPD-Mann Sarrazin die Sozialdemokraten in die Bredouille bringt. Also bohrt sie mit ihrer Kurzrezension in der Wunde und CDU-Kollege Ruprecht Polenz legt nach: In der Union wäre kein Platz für Sarrazin. Autsch, das sitzt.

In der Republik herrscht Alarmstimmung

Ein Empörungstsunami ist über Deutschland hereingebrochen. Die düsteren Nachrichten aus Thilostan – die Muslime werden in zwei Generationen die Macht in einem verdummten Staat übernommen haben – sind ein Selbstläufer. Kaum ein Thema bringt die Republik so in Rage wie die Integration. Wenn dann noch ein rhetorischer Scharfrichter und -macher sich der Sache annimmt, herrscht in der Republik Alarmstimmung.

Die hat auch die Sozialdemokratie erfasst. Der Volkswirt mit rotem Parteibuch bricht mit vielem, was den Genossen heilig ist. Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner hat die Befindlichkeiten in einer Besprechung des Sarrazin-Buches “Deutschland schafft sich ab” so formuliert: “Lustvoll verächtliche Formulierungen, herablassende kritische Bewertungen abzugeben, das ist mehr, als für unsere Partei erträglich ist, für die Toleranz und Aufklärung, Gerechtigkeit und Solidarität immer Fundamente unserer Überzeugung waren.” Diese Einschätzung darf man getrost als Parteilinie verstehen. Sigmar Gabriel hatte die Richtung vorgegeben: "Wenn Sie mich fragen, warum der noch bei uns Parteimitglied sein will – das weiß ich auch nicht.“

Doch den Gefallen eines Austritts wird Sarrazin “seiner” Partei kaum erweisen. Er sieht sich selbst als meinungsstarken Mahner, aber keinesfalls als gefährlichen Parteischädiger, der den sozialdemokratischen Boden mit Springerstiefeln mutwillig zertrampelt. Hat er anderes von sich gegeben als die vielen Male zuvor in den vergangenen Monaten? Auf 464 Seiten ausgewälzt, liegen seine populistischen Thesen jetzt vor. Ein Aufguss. Reicht der als Grundlage für ein erneutes Ausschlussverfahren?

Problematische Polemik, jedoch kein Rassismus

Im März hatte eine Schiedskommission festgestellt, dass die Äußerungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators und heutigen Bundesbankers nicht rassistisch und damit kein Verstoß gegen die Satzung seien. Seine Polemiken halte man zwar für problematisch, "doch sie können auch nützlich sein“, hieß es. „Die SPD muss solche provokanten Äußerungen aushalten.“

Muss sie das? Vielleicht. Anderenfalls droht weiteres Ungemach: Sarrazin könnte zum Opfer einer angeblichen Multikulti-Gesinnungspolizei verklärt werden. Die Zustimmung für seine Thesen ist groß. Allerdings ist offenkundig, dass der Sarrazenenbekämpfer – bewusst oder unbewusst – an sozialdemokratischen Grundfesten rüttelt. Vielen Genossen gilt er als Martin Hohmann der Partei. Dessen Rede vom jüdischen “Tätervolk” hat Angela Merkel noch in schlechter Erinnerung. Es kostete sie viel Mühe, Hohmann loszuwerden. So etwas kann einen selbst und die Partei eine Zeit lang schwächen. Und setzt die SPD nicht gerade zu einem kleinen Höhenflug an? Da kann ja ein bisschen Piesackerei durchaus hilfreich sein.

Leserbriefe

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    Fritz-Martin Piepenbrink – 30.08.2010 - 19:27

    Wahrnhemung schafft Wirklichkeit. Aber manchmal ist die Wirklichkeit eben trotzdem anders. Unerwünscht. Was aber nichts daran ändert, wie sie ist. Ob Thilo die Wirklichkeit richtig darstellt, weiss ich nicht, denn ich habe das Buch (noch) nicht gelesen. Allerdings sollte wir uns in unserer Republik darauf verständigen, reflexhaft gegen etwas oder gegen jemanden zu sein (Muslime oder Volksverhetzer, je ach Perspektive), als vielmehr für die Werte einzustehen, die uns wichtig sind. Zum Beispiel für Freiheit. Die sich nun mal nicht mit der Scharia verträgt, aber durchaus mit der Äußerung kontroverser Meinungen. Oder zum Beispiel für Bildung für alle. Was nicht bedeuten kann, dass Töchter von Vätern mit Migrationshintergrund nicht am Schwimm- oder Aufklärungsunterricht teilnehmen dürfen. Was aber durchaus bedeuten sollte, dass wir jene Väter zwingen, entweder unsere Werte- und Rechtsordnung anzuerkennen, oder sich in einen Kulturkreis zu begeben, der ihrem Glauben entspricht. Das bedeutet ganz sicher Auseinandersetzung. Die sucht Thilo Sarrazin. Das ist wunderbar. Weil es das Wesen der Demokratie ist.

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    Martin Hohmann – 31.08.2010 - 10:52

    “Dessen Rede vom jüdischen “Tätervolk” hat Angela Merkel noch in schlechter Erinnerung.” Reden Sie seine Rede. Welcher Intelligente Mensch käme auf die absurde Idee einen “Tätervolks”??? Ach ja, Goldhagen… Wer die Rede nicht als Verteidigungsrhetorik kapiert hat mit der das Wort “Tätervolk” als sinnleer entlarvt wird, und auch Walsers Paulskirchenrede als Anti-Semitisch begreift, gehört schon zu dem neuen, dummen Deutschland vor dem Sarrazin warnt.

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    Werner Geismar – 02.09.2010 - 14:12

    Da haben wir den Salat -
    Sarrazin hat muslimische Ahnen!!!

    Würde man Herrn Sarrazin in einen Kaftan stecken und auf einen beliebigen Basar setzen, ginge er rein äußerlich total gut als Muselmane durch. Das Äußerliche von Herrn Sarazien hat selbstredend seine genetische Entsprechung, leitet sich doch seine Name von den Sarazenen ab, einer Bezeichnung, die besonders im Zeitalter der Kreuzzüge für Muslime gebräuchlich war. „Besonders in Frankreich und der Schweiz ist noch heute der Familienname Sar®asin bzw. Sar®azin verbreitet,… Vorläufer solcher Namen ist im Mittelalter ein in den lateinischen Quellen seit dem 11. Jh. vielfach dokumentierter Name oder Beiname Saracenus in vielen Fällen wegen einer „sarazenischen“ Herkunft des Trägers…. Gegenwärtig prominentes Beispiel in Deutschland ist Bundesbankvorstandsmitglied und SPD-Politiker Thilo Sarrazin…“ (Wikipedia). Gut zu wissen, wenn man Anhänger seiner Thesen ist und den Intelligenzquotienten von Herr Sarrazin richtig einschätzen möchte….Tja, da erinnert man sich doch gerne an die gute alte deutsche Volksweisheit: „Dumm geboren und nichts dazugelernt!“

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    Teuber andreas – 17.09.2010 - 23:33

    Wie primitiv imDenken muss mann sein um von einem Namen Intiligenz abzuleiten? der Mann hat sich mit Sicherheit mehr Gedanken über seine Äußerungen gemacht als manch anderer.
    Frei nach dem Motto wer gar nichts tut macht keine fehler, wer wenig tut macht wenig fehler, wer viel tut
    macht viele Fehler.
    Ich bin Deutscher mit vielen ausländischen Freunden und trotdem bin ich ein befürworter der Thesen die allerdings nicht auf eine befölkerungsgruppe beschränkt sein sollte sondern für alle zum nachdenken über ihr verhalten im eigenen Persönlichem Raum anregen sollte.

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    Juergen – 08.09.2010 - 21:49

    Warum wird hier eigentlich immer das politisch überkorrekte “Wikipedia” zitiert? Man sollte zum Ausgleich und auch zwecks einer gewissen Objektivität die gleichen Suchwörter in “Metapedia” eingeben. Wiki-These und Meta-Antithese ergeben dann die Synthese bzw. die Wahrheit.

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    Zombie1969 – 23.04.2011 - 13:21

    Es kam wie es kommen musste. und das ist aufgrund der Fakten die Sarrazin vorlegte auch gut und richtig so. Es hat noch nie etwas genutzt den Boten der schlechten Nachrichten zu schlagen anstatt die Missstände anzugehen. Nun bleibt zu hoffen man beseitigt die Missstände endlich anstatt sich weiter auf Sarrazin einzuschiessen der sich ohnehin in den verdienten Ruhestand begeben wird.

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