Ich sage laut, was jeder heimlich denkt. Nicolas Sarkozy

Grün vor Augen

Linksflügler gegen Rechtsflügler, Realos gegen Fundis, Frauen gegen Männer: Bei den Grünen wird wieder gestritten. Um Inhalte geht es dabei jedoch nicht. Es gilt noch immer das Motto: Lieber streiten statt regieren.

Die Grünen gehen derzeit mal wieder einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen nach: Sie streiten sich. In aller Öffentlichkeit und wie gehabt mit geradezu selbstzerfleischender Inbrunst. Wer darf die Partei als Spitzenkandidat in den Bundestagswahlkampf 2013 führen, lautet die aktuelle Machtfrage. Und da wird munter aufeinander eingeschlagen, daran wird der Parteitag Ende April wohl wenig ändern: Linksflügler gegen Rechtsflügler, Realos gegen Fundis, Frauen gegen Männer. Mit Inhalten hat dieses abstruse Gerangel natürlich herzlich wenig zu tun. Dafür umso mehr mit Profilierungssucht, Eigensinn und Missgunst. Ego-Shooter-Geballere, das offenkundig dem Ansehen der Partei schadet. 185 Stimmen weniger bei der Wahl im Saarland und die Grünen wären kläglich an der Fünfprozenthürde gescheitert. Bundesweit rangieren sie im Moment mit elf Prozent sogar hinter den Piraten. Dabei könnte es so leicht sein, den Zoff rasch zu beenden: Einfach auf die nun anvisierte Urwahl (deren Prozedere ohnehin noch völlig unklar ist) der Doppelspitze verzichten und einen einzigen Herausforderer für Schwarz-Gelb küren: Jürgen Trittin.

Ohne Mitgliederentscheid wird es nicht vonstattengehen

So weit waren die Grünen bereits vor einigen Monaten. Selbst die Realos hatten sich mit dem Gedanken angefreundet, den linken Fraktionschef als alleinigen Kandidaten ins große Rennen um die Wählergunst zu schicken. Wohl wissend, dass sich das Modell der Doppelspitze überlebt hat und Trittin wohl am ehesten in der Lage ist, der Kanzlerin Paroli zu bieten. Doch Parteichefin Claudia Roth machte die Idee einer schlagkräftigen Einserspitze kurzerhand zunichte, indem sie ihre Bereitschaft zur Kandidatur bekannt gab.

Damit war klar: Ohne Mitgliederentscheid wird es nicht vonstattengehen. Denn Roth erfüllt zwar die immer noch bei vielen Altvorderen als heilig geltende Frauenquote, gehört aber wie Trittin zum linken Flügel. Das wiederum bringt die Realos in Zugzwang, einen der ihren zu nominieren. Nur wen? Cem Özdemir als zweiter Parteichef scheint sich diese Aufgabe selbst nicht zuzutrauen. Renate Künast wiederum gilt nach ihrem Desaster bei der Wahl in Berlin als „verbrannt“, im internen Machtgefüge hat sie deutlich an Einfluss eingebüßt. Dennoch ist letztendlich nicht ausgeschlossen, dass sie als Realo und Frau Bestandteil einer künftigen Doppelspitze sein wird – damit die politische Arithmetik stimmt.

So weit, so unsinnig und längst vergangenen Zeiten verhaftet. Denn bekanntermaßen entscheiden in Deutschland vor allem Personen und Persönlichkeiten Wahlen. Programme und Programmatik gelten dagegen eher als uninteressant, auf jeden Fall aber nicht als ausschlaggebend. Insofern kann es bei den Grünen nur einen Spitzenkandidaten geben: Jürgen Trittin. Der 57-Jährige ist in seiner Partei nicht nur in Sachen Macht, Taktik und Erfahrung unbestritten die Nummer eins, sondern er verkörpert auch den Weg der Grünen in Richtung gesellschaftspolitische Mitte.

Noch vor nicht allzu langer Zeit galt der hochgewachsene Mann politischen Gegnern wie Parteikollegen als rotes Tuch. Trittin, der Mann mit Bolzenschneider und Mao-Bibel. Trittin, der Ökodiktator. Trittin, der Kader-Kommunist. Trittin, der Rabauke. Trittin, der Hochmütige. Doch heute zollen ihm sogar erklärte Widersacher Respekt. Man lobt seinen politischen Instinkt, schätzt Beharrungsvermögen und Leidenschaft oder hebt sein Geschick beim Schmieden von kühl kalkulierten Bündnissen hervor.

Trittin kann Rot- und Schwarz-Grün

Dass der einstige Bürgerschreck inzwischen zumindest geachtet wird, hat er sich selbst zu verdanken. Denn Trittin hat sich über die Jahre wandlungs- und lernfähig gezeigt – ohne alle Prinzipien eines grünen Linken gleich mit über Bord zu werfen. Auf seine Art ein Wertkonservativer, der im dunklen Dreiteiler auch nach außen sichtbar zeigt, dass er die Gepflogenheiten des politischen Betriebs schätzen gelernt hat. So etwas verschafft Glaubwürdigkeit, bis weit hinein in die bürgerliche Mitte. Ein Pfund, mit dem man bei Wahlen getrost wuchern kann. Das gilt gleichermaßen für Trittins mittlerweile beträchtlich ausgeprägtes finanzpolitisches Know-how. Euro-Krise, Schuldenberge, Rettungsschirme oder Staatshaushalt – der große Grüne hat sich als Kenner der Materie einen Namen gemacht, ist selbst in Wirtschaftskreisen wohlgelitten.

Und noch etwas spricht für Trittin als alleinigen Spitzenkandidaten: Er kann Rot-Grün, aber eben auch Schwarz-Grün. Klar, ihm wäre ein Regierungsbündnis mit den Sozialdemokraten lieber. Die Schnittmenge ist einfach größer. Einerseits. Andererseits gibt die SPD gegenüber dem potenziellen Koalitionspartner allzu gerne und allzu oft den Oberlehrer. Das macht Gespräche auf Augenhöhe ziemlich schwierig. Vielleicht wären Verhandlungen mit Angela Merkel wesentlich einfacher. Der Atomausstieg, bis vor Kurzem noch eines der größten ideologischen Hindernisse für ein Bündnis mit der Union, ist nach dem Fukushima-Schock vereinbarte Sache. Bei anderen umstrittenen Fragen könnte eine gute Portion Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten womöglich rasch Wunder wirken. Und wenn ein Bündnis mit den Schwarzen tatsächlich zustande käme, dann doch lieber mit einem ausgewiesenen Linken als Vizekanzler. Einer, der aus Sicht der Grünen authentisch und schlagkräftig der Regierungschefin Kontra geben kann.

Aber bis dahin hat die Partei noch genügend Zeit, sich mit überflüssigen Personaldebatten und einer antiquierten Doppelspitze selbst zu schaden. Am Ende werden die Grünen, von eigener Hand geschwächt, 2013 womöglich sogar leer ausgehen und auf der Oppositionsbank sitzen bleiben. Mit einem Fraktionschef namens Jürgen Trittin, von dem doch alle wussten: Yes, he can. Nur gelassen haben sie ihn nicht. Schließlich gilt das immerwährende Motto: lieber streiten als regieren. Da wird einem ganz grün vor Augen.

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