Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Na dann, viel Glück Frau Merkel

Und wieder einer weniger: Christian Wulff wirft hin. Was nun? Eine Direktwahl würde die vielbeschworene Vision von mehr Bürgernähe ein Stück weit Realität werden lassen. Leider kommt es dazu nicht.

Stopp. Halt. Einen Moment Ruhe, bitte. Deutschland ist wieder einmal ein Staatsoberhaupt vorzeitig abhanden gekommen. Da wird es ja wohl möglich sein, kurz mal in den Stand-by-Modus zu wechseln und eine Denkpause einzulegen. Und dann versuchen wir’s mal mit Fantasie. Man stelle sich also vor, in rund 30 Tagen tritt die Bundesversammlung nicht zusammen, wird kein Nachfolger für Christian Wulff gekürt, und das Amt des Bundespräsidenten bleibt somit unbesetzt. Was würde passieren? Richtig: nichts. Deutschland bliebe das, was es ist – eine gefestigte Demokratie mit Rechtssicherheit, Gewaltenteilung und einer relativ offenen Gesellschaft. Nur eben ohne Staatschef. Hand aufs Herz, würde irgendjemand irgendetwas ernsthaft vermissen? Die Frage beantwortet sich nach dem Wulff-Desaster, dem damit einhergehenden Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust im Grunde von selbst. Das Amt, es hat sich in den Augen vieler überlebt.

Eine Direktwahl wäre einer säkular gesinnten Republik würdig

Welch ein Unsinn, könnte man jetzt einwenden. Das ist doch realitätsblinde Spinnerei. Selbstverständlich wird es auch künftig einen Bundespräsidenten geben. Wer sonst soll den Integrator geben? Wer sonst soll zwischen Volk und Regierung eine Brücke bauen? Wer sonst soll über Parteigrenzen hinweg als Ideengeber für eine moderne Gesellschaft fungieren? Wer sonst soll durch die Welt jetten und für dieses tolle Land werben? Okay, mag alles richtig sein. Also ein neuer Versuch, den Rücktritt als Fortschritt zu nutzen. Dieses Mal mit noch viel größerer Fantasie.

Was wäre zum Beispiel, wenn die Bundesversammlung gar nicht zusammenkommen bräuchte, weil der deutsche Staatschef ab sofort direkt vom Volk bestimmt werden soll? So könnten es die im Bundestag vertretenden Parteien beschließen und damit dem Staatswesen einen großen Dienst erweisen. Denn dann hätten wir sie endlich, die viel beschworene Bürgernähe, die basisdemokratische Beteiligung des Wählers an wichtigen politischen Entscheidungen. Das wäre einer säkular gesinnten Republik würdig. Und der Gewählte verfügte zudem über eine völlig neue Form der Legitimation. Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Respekt – all das müsste ein Kandidat vorweisen können, wenn er ins Schloss Bellevue einziehen wollte. Derart ausgestattet mit einem Höchstmaß an Reputation fiele es einem Staatsoberhaupt deutlich leichter, als Volksvertreter gesellschaftspolitische Entwicklungen anzustoßen oder voranzutreiben.

Feilschen um das Staatsoberhaupt

Doch genug geträumt. Deutschland hält an einem Bundespräsidenten fest, der nach Schema F von einer kleinen Gruppe Auserwählter ins Amt gehoben wird. Alles wie gehabt. Auch das Feilschen um einen Nachfolger. Wulff hatte seine Rücktrittserklärung noch nicht beendet, da kursierten bereits die ersten Namen. Und Angela Merkel, die qua Amt und Macht das Vorschlagsrecht besitzt, beeilte sich zu betonen, dass sie bereits nach einem geeigneten Kandidaten Ausschau halte.

Gesucht wird jemand – jenseits von Günther Jauch und Margot Käßmann –, der in der Bevölkerung als ehrlich und integer gilt. Außerdem sollte er oder sie konsensfähig sein, sprich: irgendwie über den Parteien stehen. Das heißt, die Opposition (einschließlich der Linkspartei) muss mit ins Staatsoberhaupt-Boot geholt werden. Na dann, viel Glück, Frau Bundeskanzlerin. Denn weder Norbert Lammert, Klaus Töpfer, Joachim Gauck noch Wolfgang Schäuble, Thomas de Maizière oder Ursula von der Leyen drängen sich wirklich auf. Ganz abgesehen davon, ob überhaupt einer der Genannten Lust auf diesen Job hat. Deshalb ist Merkel dreierlei zu wünschen: Ruhe, Mut und Fantasie. Nur so hat sie die Chance, den Fehlgriff Wulff vergessen zu machen. Unser Dank wäre ihr sicher.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ernst Elitz, Malte Lehming, Christoph Giesa.

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen und Sie sind an Debatten interessiert? Bestellen Sie jetzt den gedruckten „The European“ und freuen Sie sich auf 160 Seiten Streitkultur. Natürlich versandkostenfrei.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Aus der Debatte

Nach Christian Wulffs Rücktritt

Gute Fragen, schlechte Fragen

Big_8fd662985b

Für ihre Recherchen im Fall Wulff sind Redakteure der „Bild“-Zeitung nun mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet worden. Zu Recht? Das kommt darauf an, ob man die richtigen Fragen stellt.

Small_f204f7e402
von Ernst Elitz
14.05.2012

Gauck hat Quälpotenzial

Big_279b411e4a

Von vielen wurde Gauck als bester Kandidat gehandelt, jedoch im gleichen Atemzug ausgeschlossen: Die Kanzlerin würde damit eine Niederlage eingestehen. Dabei kann Merkel mit dem Vorstoß für den Bürgerrechtler der Opposition eins auswischen.

Small_ff9281afe5
von Malte Lehming
18.02.2012

Wer, wenn nicht Gauck

Big_0a361fcc8f

In der Nachfolgerfrage kann es nur eine Antwort geben: Joachim Gauck. Mit seiner Wahl würde die Politik zeigen, dass sie Fehler eingestehen und daraus lernen kann.

Small_af5a878e52
von Christoph Giesa
18.02.2012

Mehr zum Thema: Bundespraesident, Christian-wulff, Ruecktritt

Kolumne

Medium_651b175fd6
von Thore Barfuss
18.02.2014

Kolumne

Medium_9b4edd6026
von Christoph Schlegel
16.02.2013

Kolumne

Medium_69f9a5dd40
von Alexander Görlach
12.02.2013
meistgelesen / meistkommentiert