Nur mit Gedankenspielen kommen wir der Wahrheit kritisch nahe. Juli Zeh

Der Einwanderer Geist

Die Vergangenheit Deutschlands ist geprägt von Einwanderungsgeschichten, die das Land und die Gesellschaft ungemein bereichert haben, meint Chris Pyak.

Die Krupp-Krankenanstalten in Essen. Fünf junge, koreanische Krankenschwestern kommen aus dem großen Eingangsportal. Ihre Gesichter strahlen. Arm in Arm, fünf junge, schöne Frauen aus Korea. Voller Elan laufen sie auf die Kamera zu. Klick.

Es ist das Jahr 1963. Die deutsche Wirtschaft brummt. Die Fabriken arbeiten rund um die Uhr, die Kraftwerke laufen unter Volllast. Jede helfende Hand wird gebraucht. In diesem Jahr hat Deutschland ein Anwerbeabkommen mit Korea unterzeichnet. Über 10.000 junge Krankenschwestern sind gekommen. Dazu tausende junger Männer, die in den Fabriken und unter Tage schuften. In Korea gibt es keine Arbeit, darum sind sie zu uns gekommen, statt tatenlos herumzusitzen.

Der Immigrant Spirit

Fast forward: 50 Jahre sind vergangen. Wir schreiben das Jahr 2015. Das alte Foto mit den koreanischen Krankenschwestern ist mein Bildschirmschoner. Was wohl aus ihnen geworden ist? Die Krankenschwestern sind längst im Ruhestand. Sie haben ihr Leben lang hart gearbeitet, sich kontinuierlich weitergebildet in diesem anspruchsvollen Beruf. Sie haben eisern gespart, um sich ihre Träume erfüllen zu können und dabei immer die Augen offengehalten: wenn es eine Gelegenheit gab, sich zu verbessern, dann haben sie diese genutzt.

50.000 Deutsche koreanischer Abstammung leben heute in unserem Land. Sie sprechen Deutsch als Muttersprache, studieren an der Universität und sind erfolgreich in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung. Ihr Erfolg ist der beste Beweis für den Fleiß und die Disziplin ihrer Eltern und Großeltern. Ihrem „Immigrant Spirit“ – dem Einwanderergeist. Nicht Bildung oder Herkunft hat sie erfolgreich gemacht, sondern diese Geisteshaltung.

• Optimismus. Sie vertrauen auf ihre Fähigkeit, sich eine bessere Zukunft aufzubauen.

• Tatkraft. Sie warten nicht auf Erlaubnis. Sie machen einfach.

• Mut. Wer jedes Risiko vermeidet, erreicht nichts im Leben. Sie gehen Risiken ein, um voran zu kommen.

• Ausdauer. Von Hindernissen lassen sie sich nicht aufhalten. Sie beißen die Zähne zusammen und arbeiten hartnäckig auf ihr Ziel hin.

• Offenheit. Sie schließen Kontakt mit vielen Menschen und bauen Beziehungen auf gemeinsamen Werten auf. Und nicht auf Herkunft.

Und last but not least:
Kooperation. Sie leisten einen Beitrag zur Gesellschaft. Und machen Europa erfolgreicher.

Das ist der „Immigrant Spirit“, die Geisteshaltung von Einwanderern, die Erfolg für alle Beteiligten schafft. Machen wir uns diese Haltung zu Eigen. Denn wir sind alle Einwanderer in ein fremdes Land. Dieses Land heißt Zukunft und es wird völlig anders als die vertraute Heimat „Vergangenheit“.

Mit oder ohne Einwanderung: Die Zukunft verlangt Veränderung. Das wird anstrengend, oft ungewiss. Wir werden hart arbeiten und ständig lernen. Aber mit dem „Immigrant Spirit“ werden wir erfolgreich. Wir schauen auf unser Leben zurück und fühlen Stolz.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Chris Pyak: Die Ratte und der Geist

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