Die Welt ist so groß, dass alle Irrtümer darin Platz haben. Rudolf Augstein

Planetenrettung auf deutsch

Die Energiewende könnte unser erfolgreichstes nationales Projekt sein. Höchste Zeit, stolz darauf zu sein.

Deutschland, Weltmeister 2014 – Das wäre ein Traum. Bald steht die deutsche Nationalelf in Rio auf dem Grün. Voller Hoffnung für unsere deutsche Mannschaft werden wir unsere Fahnen ausrollen und WM-Lieder singen, die Krake Paul befragen, Klose und Poldi bejubeln, und uns beim Tor für Deutschland in den Armen liegen. Die WM und „für Deutschland sein” vereint unser Land. Nach jedem gewonnenen Spiel haben wir dass Gefühl, stolz unsere Fahne schwenken zu dürfen. Das ist nicht selbstverständlich für uns.

Die anderen Länder schauen etwas verwirrt drein, nicken aber verständnisvoll, wenn wir sie mit ernster Stimme auf unser gespaltenes Verhältnis zum Nationalstolz und die deutsche Geschichte hinweisen.

Neben dem Fussball gibt es inzwischen ein anderes Projekt, auf dass wir stolz sein können. Mit etwas Geschick, Hartnäckigkeit und Hoffnung schaffen wir auch hier den Weltmeistertitel zu ergattern: Die Energiewende.

Hoffnung generieren

Gewichtig und unübersichtlich kommt sie daher, Strompreise steigen und der ehemalige Bundesumweltminister Peter Altmaier sprach gar von mehr als einer Billion Euro Kosten. Warum taugt dann also ausgerechnet die Energiewende als gemeinsames nationales Projekt? Warum sollen wir Schwarz-Rot-Gold für Grün schwenken? Jede Gesellschaft braucht Hoffnungen und Perspektiven, aber gerade die? Kann neben dem Runden in dem Eckigen die Energiewende eine einigende Vision sein, die für unsere Werte und Marschrichtung steht?

Wir sind als Deutsche an einem Punkt, an dem wir uns über unsere globale Vorreiterrolle im Energiebereich bewusst werden können und müssen. Wer jetzt mit den Augen rollt, sollte sich bewusst werden, dass eine gelungene Energiewende nicht nur eine gesellschaftliche Aufgabe, sondern auch ein höchst egoistisches Projekt ist: Es geht um die nachhaltige Energieversorgung für uns und für die kommenden Generationen, also darum, eine möglichst optimale Lebenssituation für jeden einzelnen von uns zu schaffen. Schaffen wir keine Unabhängigkeit von der Atomkraft und den fossilen Brennstoffen, werden die Folgekosten erheblich grosser sein als jeder Investitionsaufwand, den wir jetzt betreiben.

Deutschland ist aus verschiedenen Gründen dafür geeignet, die Energiewende als nationale Aufgabe zu bewältigen, und mit ihr Hoffnung zu generieren:

  • Wir sind dafür. Ob Mülltrennung, Fahrrad fahren, bewusst einkaufen oder aufs Biosiegel achten: Wir haben ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Umwelt. Wir stehen der Energiewende deshalb nicht nur offen, sondern unterstützend gegenüber. 2012 hielten 93 Prozent der Deutschen laut einer TNS Infratest-Umfrage den verstärkten Ausbau der Erneuerbaren Energien für „wichtig” bis „ausserordentlich wichtig”. Grünes Denken und damit die Energiewende sind teil der deutschen Mentalität.
  • Wir hoffen. „Alles, was in der ganzen Welt geschieht, geschieht in Hoffnung” hat Martin Luther gesagt. Nach dem repräsentativen Hoffnungsbarometer 2013 sieht die Mehrheit der Deutschen die Erschließung neuer Energiequellen und die erfolgreiche Bekämpfung des Klimawandels als wichtige gesellschaftliche Hoffnung an. Wahre Hoffnung ist die auf das schwer, aber realistisch erreichbare Gut. Das ist die Energiewende in jedem Fall.
  • Wir investieren – und können es auch. Innovation bedeutet Investition, Ausprobieren und Misserfolge. Deutschland ist eines der wenigen Länder, welches die Schlagkraft und finanziellen Mittel besitzt, um eine Entwicklung erneuerbarer Energien voranzutreiben und neue Systeme zu testen und zu entwickeln. Mit dieser Fähigkeit kommt eine Verantwortung, der wir gerecht werden können. In was sollten wir investieren, wenn nicht in unsere zukünftige energetische Versorgung?
  • Wir sind gut in der Umsetzung. Sicherlich gibt es immer wieder Gründe, wachsam zu sein – doch eine schrittweise Umsetzung, wie sie dieses „Herkulesprojekt“, wie unsere Bundeskanzlerin es nennt, erfordert, entspricht unserer deutschen Seele. Systematisch und unaufgeregt (wenn auch beim Fussball als „leidenschaftslos“ interpretiert) setzen wir unsere Ideen um: Die bisherige erfolgreiche Umsetzung ist von Experten bestätigt. Die Vorgabe, bis 2020 35% des Stroms aus erneuerbaren Energien zu erstellen, wird nach den Prognosen bereits 2016 erfüllt.
  • Wir können der Sache gerecht werden. Und das geht nur mit gemeinsamer Kraft von Politik, Wirtschaft und Bevölkerung. Eine ungerechte Behandlung stört diese wichtige Zusammenarbeit. Die demokratische Abwicklung und Bürgerbeteiligung ist deshalb ein kritischer Punkt für die bisher erfolgreiche Umsetzung. Das ist nicht nur für uns, sondern auch in unserer Vorbildfunktion für andere Staaten wichtig.
  • Wir sind ein anerkanntes Vorbild. Deutschland hat sich als derzeitige EE-Nr.1 mit Projekten wie IRENA und der Initiierung des Clubs der Energiewendestaaten weiter als globaler Vorreiter profiliert. Diese grüne Vorbildstrategie verzeichnet Erfolge: Das EEG wurde über 65 Mal von anderen Ländern adaptiert, über 85 Mrd. Euro wurden 2012 in den Entwicklungsländern in erneuerbare Energien investiert. Das ist wichtig, weil gerade der rapide zunehmende Energiebedarf und CO2-Produktion in den Entwicklungsländern ein grosses Risiko in der Erderwärmung darstellt.
Nicht der Verantwortung entziehen!

Die europäische und internationale Zusammenarbeit ist im Kampf für den Klimaschutz unabdingbar. Es geht nicht um den nationalen Alleingang, sondern darum, die anderen mitzureissen. Wir brauchen das Supergrid in Europa, denn Effizienz in der Stromerzeugung hört nicht an den Landesgrenzen auf: Nur ein integriertes Konzept wird am Ende den Erfolg bringen. Wir können unseren Weg besonders in unserem Wirkungsbereich, also national, und in Kooperation, wie z.B. mit Frankreich festgelegt, beschreiten. Nur vereinigt können wir ein Zugpferd dieser Bewegung sein. Je erfolgreicher wir die Energiewende in Deutschland durchsetzen, desto mehr andere Länder werden folgen und um unsere Expertise bitten. Bei der Investition in die Zukunft geht es um eine grosse Chance, eine wichtige Zukunftsbranche für Deutschland zu erschliessen.

Wir haben eine grosse Aufgabe vor uns, nicht nur als Deutsche, sondern auch als Bewohner dieses Planeten. Lasst uns uns dieser Verantwortung nicht zu entziehen, sondern uns ihr hoffnungsvoll und mutig stellen. Wir können das Wort Deutschland weiter positiv zu besetzen; Fussball und Autobau mit leuchtendem Grün zu ergänzen. Und vielleicht werden wir Weltmeister. Olé!

Catriona McLaughlin ist Ko-Autorin von 7 Tugenden Reloaded – Zukunftsmodelle des Thinnk Tank 30 / Deutsche Gesellschaft des Club of Rome

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Justin McCurry, Sylvestre Huet, Stefano Casertano.

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