Jeder kauft es, jeder isst es

von Carl-Albrecht Bartmer29.07.2015Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Die Deutschen verdammen Massentierhaltung, greifen aber an der Wursttheke krÀftig zu. Wir brauchen die industrielle Landwirtschaft.

„So wertvoll wie ein kleines Steak“ – so wurde einmal fĂŒr einen Fruchtjoghurt geworben, heute klingt das wie aus einer vergangenen Zeit. Und so ist es auch. Zumindest wenn man die öffentliche Debatte um Nutztierhaltung und Fleischkonsum in Deutschland verfolgt.

Ob der beworbene Joghurt den ausgelobten, ernĂ€hrungsphysiologischen Maßstab erfĂŒllte, sei dahingestellt. Wichtiger ist ein anderer Aspekt: Der in den 1980er-Jahren verwendete Slogan sah Fleisch als „wertvoll“ an. Undenkbar, dass ein deutscher Lebensmittelhersteller heute mit einer vergleichbaren Botschaft seine Produkte anpreisen wĂŒrde.

Aber auch auf wissenschaftlicher Seite wĂ€chst die Kritik. In einem jĂŒngst veröffentlichten Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates fĂŒr Agrarpolitik (WBA) des Bundesministeriums fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft heißt es: „Der WBA hĂ€lt die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere fĂŒr nicht zukunftsfĂ€hig.“ Das Gutachten geht von einer geringen gesellschaftlichen Akzeptanz der gegenwĂ€rtigen Formen der heimischen Tierhaltung aus. Das mag fĂŒr Umfragen und deren Verwertung in Studien gelten.

Die GrĂ¶ĂŸe des Stalls hat nichts mit dem Tierwohl zu tun

In der RealitĂ€t drĂŒckt sich tatsĂ€chlich die gesellschaftliche Akzeptanz der Fleischproduktion auf denkbar demokratische Weise im Kaufverhalten der Verbraucher aus. Sie greifen an der Fleischtheke und im KĂŒhlregal weiterhin krĂ€ftig zu. Der Fleischverzehr in Deutschland ging in den vergangenen Jahren nur marginal zurĂŒck und liegt mit rund 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr immer noch „auf einem relativ hohen Niveau“, wie selbst die Autoren des Gutachtens konstatieren.

Zugleich stellen die Wissenschaftler zum Kampfbegriff „Massentierhaltung“ erfreulicherweise fest: „Nach derzeitigem Kenntnisstand hat die BetriebsgrĂ¶ĂŸe gegenĂŒber anderen Einflussfaktoren (wie der ManagementqualitĂ€t) einen vergleichsweise geringen Einfluss auf das Tierwohl.“ Mit anderen Worten: Das Wissen und Können der Tierhalter entscheidet. Ein besseres Argument fĂŒr Investitionen in landwirtschaftliche Ausbildung und Studium gibt es nicht.

Wenn gegenwĂ€rtigen Formen der Nutztierhaltung attestiert wird, sie seien „nicht zukunftsfĂ€hig“, dann stimmt das, allerdings nur mit dem Hinweis, dass das eine zeitlose Erkenntnis ist, also schon immer galt. Beispielsweise ist die bis vor einigen Jahren ĂŒbliche so genannte Anbindehaltung von MilchkĂŒhen, bei denen die Tiere mit einer Kette oder einem GestĂ€nge um den Hals fixiert waren, in Neubauten lĂ€ngst den „LaufstĂ€llen“ gewichen. Die damit entstandene Bewegungsfreiheit entspricht dem natĂŒrlichen Fress- und Ruheverhalten der Tiere.

Wir fĂŒhren bisher eine elitĂ€re Scheindebatte

Wie bei der Anbindehaltung existieren zahlreiche Beispiele, die belegen, dass eine nicht mehr zukunftsfĂ€hige Haltungsform durch eine neue, bessere ersetzt wird. Das ist Fortschritt, und der setzt (Agrar-)Forschung voraus. Diese muss ergebnisoffen sein. Lediglich das Ziel ist definiert: eine möglichst nachhaltige Landwirtschaft, einschließlich der damit elementar verbundenen tiergerechten Nutztierhaltung. Ohnehin fĂŒhren wir hierzulande ĂŒber Nutztiere und Fleischkonsum eine elitĂ€re Scheindebatte. Der jĂ€hrliche Fleischverbrauch in der Bundesrepublik entspricht etwa dem weltweiten Nachfragezuwachs im gleichen Zeitraum.

Selbst ein vollstĂ€ndiger Fleischverzicht in Deutschland wĂŒrde, global betrachtet, wenig oder nichts zu den drĂ€ngenden Fragen der ErnĂ€hrungssicherung beitragen. Umgekehrt können Deutschland und andere LĂ€nder der EU durchaus zur WelternĂ€hrung beitragen. Sie sind sogar dazu verpflichtet – wirtschaftlich und moralisch. DafĂŒr bestehen gleich mehrere GrĂŒnde, und einer der wichtigsten ist naturgegeben. Insbesondere Nord- und Mitteleuropa verfĂŒgen ĂŒber ausreichend Wasser. Das ist die Grundlage fĂŒr den nachhaltigen Anbau von Nutzpflanzen, sei es direkt fĂŒr die menschliche ErnĂ€hrung oder eben als Futter.

Wasserknappheit verstÀrkt Fleischimport

Weltweit gibt es viele Regionen mit kritischen Wasserreserven bei einem zugleich hohen Bedarf an (tierischen) Nahrungsmitteln. Dort eine der Nachfrage entsprechende Tierhaltung aufzubauen, ist aus ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten wenig sinnvoll. Menschen und Tiere konkurrieren um das knappe Gut Wasser. Dessen aufwendiger Einsatz gefĂ€hrdet den labilen natĂŒrlichen Wasserhaushalt, das Ganze ist kostspielig und fĂŒhrt im Zweifel zu gesellschaftlichen Verwerfungen vor Ort. Mit der Einfuhr von tierischen Nahrungsmitteln importieren solche LĂ€nder zugleich „virtuelles Wasser“ und schonen ihre eigenen Reserven.

Apropos Importe: Es ist richtig, dass Futtermittel, namentlich Soja, fĂŒr die Tierhaltung eingefĂŒhrt werden. Denn nirgendwo weltweit wird zum Beispiel pflanzliches Eiweiß Ă€hnlich effizient erzeugt wie in SĂŒdamerika. Und trotzdem wird der allergrĂ¶ĂŸte Teil dessen, was in heimischen Trögen landet, hierzulande hergestellt. Deutschland kann den Energiebedarf seiner Nutztiere zu fast 90 Prozent aus inlĂ€ndischer Futtermittelerzeugung decken. Der entsprechende Eiweißbedarf wird zu rund 70 Prozent gedeckt.

Die Futtermitteleinfuhren sind, wie die Exporte von Lebensmittel tierischen Ursprungs, nichts anderes als Ausdruck einer global kooperierenden Landwirtschaft. Weshalb soll dieses, fĂŒr nahezu alle Wirtschaftsbereiche wichtige, arbeitsteilige Prinzip ausgerechnet fĂŒr den Agrarsektor nicht gelten? Eine ideologiefreie Antwort darauf ist bedauerlicherweise nicht in Sicht. Dabei wĂ€re es gerade in der Debatte um die Zukunft der Tierhaltung an der Zeit, wieder eine sachliche und an Fakten orientierte Diskussion zu fĂŒhren.

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