Eine Summe von Nullen kann durchaus eine stattliche Zahl ergeben. Guido Westerwelle

Jeder kauft es, jeder isst es

Die Deutschen verdammen Massentierhaltung, greifen aber an der Wursttheke kräftig zu. Wir brauchen die industrielle Landwirtschaft.

„So wertvoll wie ein kleines Steak“ – so wurde einmal für einen Fruchtjoghurt geworben, heute klingt das wie aus einer vergangenen Zeit. Und so ist es auch. Zumindest wenn man die öffentliche Debatte um Nutztierhaltung und Fleischkonsum in Deutschland verfolgt.

Ob der beworbene Joghurt den ausgelobten, ernährungsphysiologischen Maßstab erfüllte, sei dahingestellt. Wichtiger ist ein anderer Aspekt: Der in den 1980er-Jahren verwendete Slogan sah Fleisch als „wertvoll“ an. Undenkbar, dass ein deutscher Lebensmittelhersteller heute mit einer vergleichbaren Botschaft seine Produkte anpreisen würde.

Aber auch auf wissenschaftlicher Seite wächst die Kritik. In einem jüngst veröffentlichten Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik (WBA) des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft heißt es: „Der WBA hält die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere für nicht zukunftsfähig.“ Das Gutachten geht von einer geringen gesellschaftlichen Akzeptanz der gegenwärtigen Formen der heimischen Tierhaltung aus. Das mag für Umfragen und deren Verwertung in Studien gelten.

Die Größe des Stalls hat nichts mit dem Tierwohl zu tun

In der Realität drückt sich tatsächlich die gesellschaftliche Akzeptanz der Fleischproduktion auf denkbar demokratische Weise im Kaufverhalten der Verbraucher aus. Sie greifen an der Fleischtheke und im Kühlregal weiterhin kräftig zu. Der Fleischverzehr in Deutschland ging in den vergangenen Jahren nur marginal zurück und liegt mit rund 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr immer noch „auf einem relativ hohen Niveau“, wie selbst die Autoren des Gutachtens konstatieren.

Zugleich stellen die Wissenschaftler zum Kampfbegriff „Massentierhaltung“ erfreulicherweise fest: „Nach derzeitigem Kenntnisstand hat die Betriebsgröße gegenüber anderen Einflussfaktoren (wie der Managementqualität) einen vergleichsweise geringen Einfluss auf das Tierwohl.“ Mit anderen Worten: Das Wissen und Können der Tierhalter entscheidet. Ein besseres Argument für Investitionen in landwirtschaftliche Ausbildung und Studium gibt es nicht.

Wenn gegenwärtigen Formen der Nutztierhaltung attestiert wird, sie seien „nicht zukunftsfähig“, dann stimmt das, allerdings nur mit dem Hinweis, dass das eine zeitlose Erkenntnis ist, also schon immer galt. Beispielsweise ist die bis vor einigen Jahren übliche so genannte Anbindehaltung von Milchkühen, bei denen die Tiere mit einer Kette oder einem Gestänge um den Hals fixiert waren, in Neubauten längst den „Laufställen“ gewichen. Die damit entstandene Bewegungsfreiheit entspricht dem natürlichen Fress- und Ruheverhalten der Tiere.

Wir führen bisher eine elitäre Scheindebatte

Wie bei der Anbindehaltung existieren zahlreiche Beispiele, die belegen, dass eine nicht mehr zukunftsfähige Haltungsform durch eine neue, bessere ersetzt wird. Das ist Fortschritt, und der setzt (Agrar-)Forschung voraus. Diese muss ergebnisoffen sein. Lediglich das Ziel ist definiert: eine möglichst nachhaltige Landwirtschaft, einschließlich der damit elementar verbundenen tiergerechten Nutztierhaltung. Ohnehin führen wir hierzulande über Nutztiere und Fleischkonsum eine elitäre Scheindebatte. Der jährliche Fleischverbrauch in der Bundesrepublik entspricht etwa dem weltweiten Nachfragezuwachs im gleichen Zeitraum.

Selbst ein vollständiger Fleischverzicht in Deutschland würde, global betrachtet, wenig oder nichts zu den drängenden Fragen der Ernährungssicherung beitragen. Umgekehrt können Deutschland und andere Länder der EU durchaus zur Welternährung beitragen. Sie sind sogar dazu verpflichtet – wirtschaftlich und moralisch. Dafür bestehen gleich mehrere Gründe, und einer der wichtigsten ist naturgegeben. Insbesondere Nord- und Mitteleuropa verfügen über ausreichend Wasser. Das ist die Grundlage für den nachhaltigen Anbau von Nutzpflanzen, sei es direkt für die menschliche Ernährung oder eben als Futter.

Wasserknappheit verstärkt Fleischimport

Weltweit gibt es viele Regionen mit kritischen Wasserreserven bei einem zugleich hohen Bedarf an (tierischen) Nahrungsmitteln. Dort eine der Nachfrage entsprechende Tierhaltung aufzubauen, ist aus ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten wenig sinnvoll. Menschen und Tiere konkurrieren um das knappe Gut Wasser. Dessen aufwendiger Einsatz gefährdet den labilen natürlichen Wasserhaushalt, das Ganze ist kostspielig und führt im Zweifel zu gesellschaftlichen Verwerfungen vor Ort. Mit der Einfuhr von tierischen Nahrungsmitteln importieren solche Länder zugleich „virtuelles Wasser“ und schonen ihre eigenen Reserven.

Apropos Importe: Es ist richtig, dass Futtermittel, namentlich Soja, für die Tierhaltung eingeführt werden. Denn nirgendwo weltweit wird zum Beispiel pflanzliches Eiweiß ähnlich effizient erzeugt wie in Südamerika. Und trotzdem wird der allergrößte Teil dessen, was in heimischen Trögen landet, hierzulande hergestellt. Deutschland kann den Energiebedarf seiner Nutztiere zu fast 90 Prozent aus inländischer Futtermittelerzeugung decken. Der entsprechende Eiweißbedarf wird zu rund 70 Prozent gedeckt.

Die Futtermitteleinfuhren sind, wie die Exporte von Lebensmittel tierischen Ursprungs, nichts anderes als Ausdruck einer global kooperierenden Landwirtschaft. Weshalb soll dieses, für nahezu alle Wirtschaftsbereiche wichtige, arbeitsteilige Prinzip ausgerechnet für den Agrarsektor nicht gelten? Eine ideologiefreie Antwort darauf ist bedauerlicherweise nicht in Sicht. Dabei wäre es gerade in der Debatte um die Zukunft der Tierhaltung an der Zeit, wieder eine sachliche und an Fakten orientierte Diskussion zu führen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Mark Post, Christian Meyer.

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

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