Wenn der Mensch nur noch Multitasking macht, dann kommt er nicht mehr zum Nachdenken. Frank Schirrmacher

Wein her, es ist zum Weinen

Nach dem Tabak kommt der Alkohol. Nach den Alkopops kommt der Wein. Eine Welt ohne Weinkultur ist nicht mehr unmöglich. Ein Aufruf zum Widerstand.

Nach dem Tabak kommt der Alkohol. Kommissare und Beamte der Europäischen Union machen sich daran, eine neue Prohibition vorzubereiten, ein totales Alkoholverbot. Unmöglich, sagen Sie? Unmöglich ist gar nichts mehr. Reden wir in 20 Jahren weiter. Bei keinem Glas Wein.

Da werden sich viele finden, die gleich begeistert schreien: “Ja, bitte macht das!” Grünwähler vereint mit Gesundheitsfetischisten vereint mit Rauschgegnern vereint mit Sparfüchsen, die um das Gesundheitsbudget fürchten, vereint mit Spaßfreien, die alle vom Spaß befreien wollen, weil nur der Nüchterne pragmatisch sein kann. “Es kommen Scheißzeiten”, sagte mir gestern ein erfolgreicher Wiener Wirt. Ich fürchte, er hat recht.

Alles Zetern wird wenig helfen

Freilich will ich nicht, dass Kinder und Jugendliche sich mit Alkopops bis zur Bewusstlosigkeit zudröhnen; sicher will ich, dass man gegen die “Jeder-Schnaps-ein-Euro”-Kneipen vorgeht; mit Bestimmtheit fordere ich den Gesetzgeber dazu auf, die Ausnüchterungszelle wieder einzuführen – das bislang beste Medikament zur Entwöhnung.

Man kann jetzt über den Verfall der Kultur jammern, vor allem der Trinkkultur, die Südeuropa (dazu gehören auch Bayern und Bawü) seit jeher prägt. Südeuropa ist ohne Wein nicht vorstellbar. Doch wer sieht, wie sich vor allem die Italiener widerspruchslos den neuen Regeln von Nation und Union ergeben, der darf auch annehmen, dass selbst in Italien ein Alkoholverbot durchgeht. Auch ohne Berlusconi an der Spitze des Staates.

Alles Zetern wird wenig helfen: Weltweit ist eine Gemeinschaft von schwarzmalenden Gesundheitsaposteln auf dem Vormarsch, die ihren Ranzen von der Ökonomieberater-Lobby gefüllt bekommen. Gesünder leben schont das Volksvermögen. Der Raucher (heute), der Alkoholkonsument (morgen), der Wein- und Biertrinker (übermorgen): Sie alle sind Schädlinge der gesunden Gesellschaft. Auf das läuft es hinaus.

Nun könnte man die alten Rituale wiederholen, die schon beim Rauchen nicht gefruchtet haben. Besser wäre aber, man zieht sich auf die Kulturfront zurück. Denn dieses Bollwerk kann die anrückende Armee der Freudlosen nicht überwinden.

Auf zum Kulturkampf!

So muss die kommende Debatte über Alkoholverbote zum Kulturkampf stilisiert werden. Und zum Identitätskrieg. Es geht nicht an, dass ideologisch beeinflusste Regelwerke in den jahrhundertelang erprobten Umgang mit leichten und Freude stiftenden Drogen eingreifen, nur weil unterbeschäftigte und überbezahlte Beamte ihr Ego stärken wollen.

Und man muss hoffen, dass es weiter Menschen gibt wie den französischen Landwirtschaftsminister, der in Brüssel auf eine erste Diskussion vor etwa zehn Jahren den legendären Spruch fallen ließ: “Bei einem Alkoholverbot treten wir aus der Union aus.” Das war damals ein Schuss vor den Bug. Jetzt, zehn Jahre später, sind in den weinproduzierenden Ländern andere Minister im Amt. Schleimer und Schwitzer.

Und deswegen ist nichts unmöglich. Man muss den Widerstand vorbereiten. Noch ist Zeit. Nicht mehr viel.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Peter – 25.08.2010 - 14:15

    Aha, nach dem Tabakverbot kommt also ein Alkoholverbot, interessant. Nur – es gibt kein Tabakverbot, nirgends in Deutschland und nirgends in Europa. Weder Alkohol noch Tabak werden in Europa jemals verboten, es gibt auch keinerlei Bestrebungen in dieser Hinsicht. Beides ist völlig absurd und reine Phantasie.

  • Theeuropean-placeholder
    Nansy – 26.09.2010 - 18:35

    Absurd und reine Phantasie?
    Die WHO zum Beispiel fordert, die Steuern so zu gestalten, dass die Preise eine abschreckende Wirkung haben. Die Verfügbarkeit von Alkohol soll eingeschränkt werden. Als geeignete Maßnahmen werden restriktive Verkaufzeiten gefordert, Beschränkung der Verkaufsstellen: Abgabe nur über staatliche Monopole oder staatlich kontrollierte Läden. “Freiwillige” Werbe-Selbstbeschränkungen (als erster Schritt) bis hin zu kompletten Werbe-Verboten durch die Regierungen. Ach ja, Warnhinweise auf Flaschen wurden auch schon genannt.
    Übrigens führt die WHO in Ihren Papieren neuerdings den Nonsens-Begriff “Passivtrinken” ein, analog zum “Passivrauch”. Einfach mal nach Passivtrinken googlen.

  • Theeuropean-placeholder
    Jürgen Frey – 25.08.2010 - 15:33

    Naja, so abwegig ist der Artikel leider nicht.
    Ich finde auch, dass sich in unserer Gesellschaft eine Tendenz zur Ökodiktatur und Genußbevormundung zu entwickeln scheint. Da ist eine Gruppe von bionadetrinkenden “Zopfnazis” auf dem Vormarsch, die alles versteht, außer Spaß.

    Diese Bio-Elite erklärt gerne jedem mit erhobenen Zeigefingern, wie und warum die Uhr tickt – ob man es hören will oder nicht.
    Wenn dieses Miesmachen dann nicht fruchtet, fährt man die Ellenbogen aus und macht Stimmung, um das, wovon man die Anderen nicht überzeugen kann, endgültig zu verbieten.
    Aber in erster Linie ist das natürlich nur gut gemeint, damit man die “Anderen” vor ihrer eigenen Unbelehrbarkeit rücksichtslos schützen kann. (Siehe das Rauchverbot in Bayern.)

    Ich selbst rauche und trinke nicht und habe den Eindruck, dass der Himmel über Berlin oft lange nicht so blau ist, wie ein Großteil der Menschen darunter. Aber nur weil ICH für mich weiß, dass ICH das nicht will, will ich daraus kein Dogma für alle machen.

    Denn ich freue mich theorethisch zwar als Nichtraucher über saubere Luft in Kneipen und Cafés und selbstverständlich bin ich froh, wenn ich weder dort noch woanders von Betrunkenen angepöbelt werde.

    Allerdings stelle ich in der Praxis fest, dass um mich herum mittlerweile dieselben genußverbitterten und weichgespülten Langweiler sitzen, wie ich.
    Und auf eine solche Gesellschaft von gleichgeschalteten Spaß- und Lebensfreudebremsen habe ich dann doch keine Lust. Genuß gehört eben auch zum Menschsein dazu und die, die genießen können, sind meistens die angenehmere Gesellschaft. ;-)

  • Theeuropean-placeholder
    Peter – 25.08.2010 - 20:41

    Ich habe bislang noch keine “bionadetrinkenden Zopfnazis” getroffen und halte deren Existenz für eine reine Erfindung. Herr Frey, Sie scheinen ja im Gegensatz zu mir Bionade zu trinken, meine Sache ist das nicht so sehr. Aber jeder wie er will. Gibt es auch nur ein einziges Beispiel, wo in den letzten Jahren ungesunde Lebensmittel oder -weisen verboten wurden? Nur damit ich mal ein klitzekleine Idee von der angeblichen “Ökodiktatur” bekomme.

    Ich kenne nur die Rauchverbote in geschlossenen Räumen, weder Verbote des Tabakkonsums im allgemeinen, noch Alkoholverbote, Verbote von fetthaltigen Speisen etc. Und Rauchverbote in geschlossenen Räumen werden deswegen von vielen Menschen für gut befunden, weil eben Giftstoffe in hoher Konzentration in die Atemmluft gelangen und somit auch Unbeteiligte schädigen können.

    Sollte irgend jemand mal ernsthaft ein generelles Rauchverbot vorschlagen, werde ich (obwohl Nichtraucher) zu den ersten gehören, die gegen eine solche Beschränkung der individuellen Freiheit auf die Straße gehen. Die Gefahr sehe ich aber überhaupt nicht im geringsten.

  • Theeuropean-placeholder
    charly – 26.08.2010 - 18:19

    Ich kenne einige Bionadetrinker, von denen hat aber nur einer einen Zopf und keiner von denen ist ein Nazi! Mit denen sitze ich öfters mal zusammen bei ein paar Whiskeys oder dem einen oder anderen Fläschchen Wein. Dabei vermissen wir eigentlich keine Lebensqualität. Tut mir auch leid, wenn Sie das langweilig finden, dass wir nicht bis zum Keuchhusten rauchen und nicht besoffen von der Bank fallen. Und nochmal: Nazis sind wir bestimmt nicht, Sie Gutmensch!

  • Theeuropean-placeholder
    Jürgen – 26.08.2010 - 22:40

    @charly:
    Ok, ich habe mich geirrt und polemisiert: auch mit kurzen Haaren und Alkohol können manche alles verstehen, außer Spaß.

  • Theeuropean-placeholder
    Jürgen Frey – 25.08.2010 - 21:32

    @Herr Peter:

    Z. B. Sebastian Frankenberger. Leute wie er machen mobil, und geben nicht eher Ruhe, bis sie ihre dogmatische Lebensweise allen auf’s Auge gedrückt haben. Ihnen es dabei egal, ob die Gastronomie, die sie vorher und jetzt nach dem Rauchverbot wohl auch nicht groß besuchen werden, leidet. Hauptsache sie haben “ihren” Kampf gewonnen.
    Das sind Leute, die Rauchern noch nicht einmal ihre Raucherkneipen gönnen, da geht es nur ums sture Prinzip, mehr nicht.

    Aber ich habe im Grunde oben schon alles gesagt. Sie haben ihre Meinung, meine halten sie sowieso für “Schmarrn”. Was bringt es also, hier noch mehr Zeit zu verschwenden? Wenn, wie im Artikel oben steht, 20 Jahre ’rum sind, dann spricht man sich nochmal, bei keinem Glas Wein – und Bionade ist dann bestimmt auch verboten worden, weil Zucker drin ist.

  • Theeuropean-placeholder
    Peter – 26.08.2010 - 03:58

    Ich weiß nicht, ob Herr Frankenberger Bionade trinkt oder nicht, ich kenne ihn nicht. Was er außer dem Rauchen in geschlossenen Räumen noch verbieten will, weiß ich auch nicht, vielleicht haben Sie da aber mehr Informationen. Und gezwungen worden ist auch keiner, mit Ja zu stimmen.

    Ich bin mir sicher: sollte ich so lange leben und meine Gesundheit es zulassen, werde ich auch in 20 Jahren noch mein Weißbier genießen oder auch mein Glas Wein. Nicht so schwarz sehen, es gibt keinen Grund!

  • Theeuropean-placeholder
    uniquolol – 26.08.2010 - 00:31

    Keine Angst!
    Kein Mensch möchte dieses Volk in nüchternem Zustand erleben, auch nicht die Brüsseler Bürokraten oder die grünen Ideologen…

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