Von den meisten Menschen wird Gott als eine Art Kundendienst betrachtet. Ilona Bodden

„Die Orgel ist eine Science-Fiction-Geschichte“

Der Organist Cameron Carpenter will der Kirche die Orgel entreißen. Im Gespräch mit Alexander Görlach redet er über die körperliche Gewalt des Instruments und den einzigen Ort der Welt, wo eine Pfeifenorgel wirtschaftlich Sinn ergibt.

The European: Herr Carpenter, viele Menschen halten die Orgel für ein eigenartiges Instrument. Sie auch?
Carpenter: Auch für mich ist die Orgel ein seltsames Instrument – sie ist sehr widersprüchlich und dennoch sehr mächtig. Ich glaube, es ist immer schwierig, etwas auf Anhieb zu verstehen, wenn man es mit einem so komplexen Stück ­Geschichte zu tun hat. Etwas, das sich kulturell gesehen auf so viele Dinge bezieht. Deshalb halten wir Ausschau nach Stereotypen oder einfach zu kontrollierenden Vorstellungen, damit wir ­sagen können: Das ist es, was die Orgel ausmacht. Aber das ist tatsächlich unmöglich, weil die ­Orgel im Prinzip eine Science-Fiction-Geschichte ist.

The European: Das müssen Sie erklären.
Carpenter: Es ist eine Geschichte, in der die Maschine der Star ist und nicht die Person. Und diese Maschine­ ist im Grund genommen eine Zeitmaschine: Wenn wir die Orgel hören und spielen, erleben wir ein ­Gefühl, welches über hunderte Jahre aufgebaut wurde.­ Die Orgel ist wirklich der Klang der Zukunft.

The European: Wenn die Maschine der Star ist, macht das den Organisten nicht zu einem bloßen Diener der Orgel?
Carpenter: Überall auf der Welt glauben Menschen das. Und indem sie sich dem nicht widersetzen, helfen­ ­Organisten dabei, die Idee aufrecht zu erhalten, dass die Orgel ein eigenes, lebendes Objekt ist. Dabei ist sie doch in der Realität ein Medium für den Organisten. Gleichzeitig muss man sehen, dass die Identität von Organisten eng mit der Religion verbunden ist, was zu einer Situation geführt hat, die es mit keinem anderen Instrument geben könnte.

The European: Welche Situation ist das?
Carpenter: Die Leute glauben, dass man sich dem Instrument mit einer gewissen Geisteshaltung oder ­Gemütsverfassung nähern muss – in diesem Fall Demut. Demut an sich ist natürlich nicht falsch. Es ist nur so: Wenn ein Instrument zugehörig zu einem bestimmten Glauben betrachtet wird, dann gibt es natürlich gewisse Grenzen. Nicht nur in Bezug darauf, wofür Orgel-Musik genutzt wird und wofür sie genutzt werden könnte. Sondern vor allem in Bezug auf die Menschen, die Orgel spielen – was vielleicht sogar schädlicher ist.

The European: Was macht die Orgel als Instrument einzigartig?
Carpenter: Die Vielfältigkeiten des Instruments. Das kann nicht von jedem beliebigen anderen sogenannten „Mainstream-Instrument“ – wie dem Klavier oder der Geige – gesagt werden.

The European: Mainstream-Instrumente?
Carpenter: Die Geige, die wir heute benutzen, war schon immer – mehr oder weniger – die gleiche. Ein im Prinzip ähnliches Saiten-Instrument, dessen Ton stets auf die gleiche Weise erzeugt wird. Das trifft auf die Orgel nicht zu.

The European: Wie sind Sie mit der Orgel in Berührung ­gekommen?
Carpenter: Nicht durch die Religion. Mich zog das Aussehen der Orgel an. Aber die erste seelische Wirkung war ihre große Macht und Gewalt. Etwas, das an sich nicht unbedingt unheimlich war, aber sehr mächtig. Als ich sie das erste Mal spielen hörte, diese sehr große Orgel, die eine solche Menge an Energie hatte, da fühlte ich mich durch sie körperlich bedroht – auf einer instinktiven Ebene, nicht auf einer intellektuellen.

The European: Die meisten Menschen würden etwas, von dem sie sich bedroht fühlen, aus dem Weg gehen.
Carpenter: Als Künstler ist es eine sehr anregende Erfahrung. Man wird herausgefordert, sich dieses Wesen zu Nutzen zu machen. Dennoch wehre ich mich gegen die Vorstellung, dass wir spielend leicht definieren können, was eine Orgel ist. Eine meiner Missionen ist es, bis zu einem gewissen Grad die akustische Umgebung zu überwinden – oder die Vorstellung, dass die akustische Umgebung Teil der Orgel sein muss. Ein sehr radikaler Gedanke und einer der Gründe, weshalb wir eine internationale Tour-Orgel bauen, die 2014 auf den Markt kommt.

The European: Die erste Orgel ohne Pfeifen. Was macht sie so anders?
Carpenter: Sie ist die Weitererzählung einer ­Geschichte, eine Weise, darüber zu sprechen und Emotionen zu fühlen, wie es sie vorher noch nie gegeben hat. Die Orgel bekommt die Gelegenheit, wieder ein wünschenswerter Teil der größeren Infrastruktur des kommerziellen Musikmachens zu sein. Eine Pfeifenorgel in der Konzerthalle ergibt wirtschaftlich fast nie Sinn. Es gibt nur einen Platz auf der Welt, wo sie das tut.

The European: Und das wäre wo?
Carpenter: In der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles. Die Identität der Orgel ist so ein wichtiger Teil der Visualität des Gebäudes, welches ästhetisch eine Kreuzung aus so vielen Dingen ist: Nämlich aus der Idee dieses revolutionären Architekten und aus einem Platz in Amerika, wo eine Show oder Darbietung keinen Konflikt zwischen hoher und niederer Kunst bedeutet.

The European: Was sind die Gründe dafür?
Carpenter: Das Wunder von Los Angeles ist, dass es keinen Unterschied zwischen altem und neuem Geld gibt – im Gegensatz zu Europa. Das ist auch eine der tollen Sachen an Berlin. Wie Klaus Wowereit ­gesagt hat: Berlin ist arm, aber sexy. Ähnlich wie in Los Angeles gibt es natürlich auch in Berlin ­reiche Menschen. Aber der wirtschaftliche Standard ist niedrig, weil er nicht auf dem Bankwesen beruht. Berlin ist nicht Frankfurt oder München.

The European: Die Berliner Gesellschaft musste nach 1990 ganz neu geschaffen werden. Wie in Amerika konnte man seine Träume verwirklichen.
Carpenter: Ja, und man kann sich ausdenken, wer man sein will. Erstens ist nicht jeder aus der gleichen Stadt wie man selbst. Zweitens – noch wichtiger – kann man den Menschen entkommen, die denken, dass sie wissen, wer man ist. In Los Angeles gibt es keine Unterschiede zwischen hoher und niederer Kultur. Die Linien sind verschwommen – was großartig ist für jemanden wie mich, der gewisse Dinge anders machen will.

The European: Weshalb sind Sie dann nach Berlin gekommen?
Carpenter: Weil ich wirklich etwas Neues ausprobieren wollte, nachdem ich für mehr als zehn Jahre in New York gelebt hatte. Jedes Mal, wenn ich nach Berlin kam, erstaunte mich die lockere, zwanglose Stimmung. Ich habe sofort gedacht, dass die Stadt und ich gut zusammenpassen würden.
The European: Zurück zur Orgel. In Deutschland neigen wir dazu, Orgelmusik als E-Musik zu betrachten. Wird die digitale Orgel das ändern?
Carpenter: Alles, was ich mit Sicherheit über die digitale Orgel sagen kann, ist, dass sie etwas tun wird, was meiner Meinung nach kulturell immer gut ist: Barrieren niederreißen und Klischees widerlegen – auf unmittelbare Weise.

The European: Warum?
Carpenter: Die digitale Orgel wird dem Instrument eine neue Zukunft geben, indem sie ihm dabei hilft, auszubrechen – nicht nur aus der Kirche selbst, sondern aus unserer Vorstellung, dass das Instrument sich in der Kirche befinden muss. Denn das Instrument ist einfach ein Medium, das benutzt wird. In diesem Sinne ist es nicht mehr Kirche als eine Klarinette, eine Geige oder ein Didgeridoo.

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

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