Ich hatte manchmal das Gefühl, ich bin eher Inhaber einer Reparaturwerkstatt. Kurt Georg Kiesinger

Danke Deutschland für deine Willkommenskultur

Ich kann den Teil der Türken, die Deutschland hassen, nicht verstehen. Noch weniger kann ich nachvollziehen, dass gut integrierte Türken kaum Beachtung in deutschen Medien finden, obwohl es gerade jetzt der richtig Zeitpunkt wäre, genau diesen Menschen eine Stimme zu verleihen.

Viele Menschen in Deutschland haben den Eindruck, dass nahezu alle Türken abgeneigt gegenüber Deutschland sind. Das ist auch kein Wunder. Denn in deutschen Medien wird fast ausschließlich über genau diese türkischen Bürger berichtet, die sich eben sehr schlecht integriert haben.

Ich kann den Teil der Türken, die Deutschland hassen, nicht verstehen. Noch weniger kann ich nachvollziehen, dass gut integrierte Türken kaum Beachtung in deutschen Medien finden, obwohl es gerade jetzt der richtig Zeitpunkt wäre, genau diesen Menschen eine Stimme zu verleihen.

Dabei geht es nicht um Politiker, die im Landtag oder Bundestag sitzen, sondern um die einfachen Bürger aus dem Volk. Durch die Medien entsteht die Wahrnehmung als wären die gut integrierten türkischstämmigen Menschen in Deutschland klar in der Unterzahl.

Ich möchte mich beim deutschen Staat bedanken

Das ist für diese Bürger ein Schlag ins Gesicht. Ich gehöre zu ihnen und möchte mich, als einer, der die Türkei und die türkische Flagge liebt, beim deutschen Staat bedanken.

Zudem ist es mir wichtig, Türken, gerade in diesen schwierigen Zeiten, in denen sie vergessen, woher sie kommen und unter welchen Bedingungen Menschen in ihrem Heimatland leben, an das freiheitlich demokratische und einzigartige Leben in Deutschland zu erinnern.

Die Lebensumstände hier haben meine Landsleute, Familie und mich nachhaltig positiv beeinflusst. Zu behaupten, dass das Leben in der Türkei besser sei, das ist unfair und heuchlerisch.
Mein Opa hatte es nicht leicht. Er musste sein Heimatland Türkei verlassen, um der Familie ein Einkommen zu gewährleisten. Die Chance, die ganze Familie in das Zielland Deutschland mitzunehmen, hatte er nicht. Das war in den 60 Jahren. Mein Großvater kam nach Deutschland mit dem Ziel, sich später in der Türkei eine Existenz aufbauen zu können.

Die Rückkehr war geplant. Doch es kam alles anders. Auch mein Opa konnte sich damals nicht vorstellen, dass seine Enkel in der 3. Generation in Deutschland ein Bestandteil dieser Gesellschaft sein werden. Dass sie sich eine Existenz aufgebaut haben und aufbauen. Sicherlich gab es auch für mich Momente im Leben, die mir das Gefühl gaben, diskriminiert zu werden.

Ich habe sehr viel Glück gehabt

Erfahre ich aber wie es Menschen rund um den Globus geht und, dass Flüchtlinge ihr Leben aufs Spiel setzen, um in diesem Land leben zu können, wird mir bewusst, dass ich sehr viel Glück gehabt habe. Glück, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. In einem der demokratischsten und wirtschaftsstärksten Ländern der Welt. Und gerade deswegen möchte ich Deutschland “Danke” sagen.

Danke Deutschland, dass du es meinem Opa ermöglicht hast, hier eine Arbeitsstelle zu finden und damit ihm und seiner Familie ein Leben in Würde ermöglicht hast. Ohne diese Möglichkeit hätte die Familie meines Vaters nicht so ein angenehmes Leben in der Türkei führen können. Mein Opa konnte weder die Sprache, noch kannte er die hiesige Kultur.

Andererseits hatte Deutschland nach dem 2. Weltkrieg kaum Erfahrungen sammeln können, wie die Migranten am idealsten zu integrieren seien. Dennoch wurde aus dieser Zweckgemeinschaft auch ein Stück weit Liebe. Ich höre gerne meinem Großvater zu, wenn er aus dem Deutschland der 60er und 70er erzählt.

Und wenn er es tut, dann immer mit einem Lächeln und leuchtenden Augen. Momente, in denen ich meinem Opa sehr gerne zuhöre und merke, dass auch das damalige Deutschland, ohne Integrationskurse und Integrationsbemühungen, ein tolles Land gewesen ist.

Danke für deine Willkommenskultur

Danke, dass durch deine Willkommenskultur, gepaart mit deiner Wirtschaftskraft, auch meine Eltern nach Deutschland gezogen sind. Dass sie einen Lebensstandard vorgefunden haben, der sie dazu bewegt hat, hier zu bleiben. Ihre Arbeit, ihre Nachbarn und die Vereine, in denen sie aktiv gewesen sind, haben auch meine Eltern positiv geprägt und sie zu gut integrierten Bürgern dieses Land gemacht.
Danke, dass ich durch Erfahrungen und Ausbildung in der Politik, in Vereinen oder in der Schule sehr sensibel bezüglich Menschenrechtsverletzungen bin.

Mein demokratisches Verständnis wäre heute sicherlich ein anderes gewesen, wenn ich nicht in Deutschland aufgewachsen wäre. Ich habe erkannt, wie wichtig es ist, dass die Menschenwürde unantastbar ist, Grundrechte zu achten und allen Menschen mit demselben Respekt zu begegnen.

Dass es auch keine Selbstverständlichkeit ist, die Todesstrafe abzuschaffen, während sie in zahlreichen entwickelten Demokratien immer noch vorhanden ist. Es macht mich stolz in einem Land zu leben, das genau dies geschafft hat.

Und obwohl in vielen muslimischen Ländern die Religionsfreiheit ein Fremdwort ist, wird auch diesen Menschen in Deutschland das Recht, den Glauben frei auszuüben, gewährleistet.
Während in der Türkei alle Kinder und Jugendliche den staatlichen Religionsunterricht besuchen müssen, habe ich in Deutschland selber entscheiden dürfen, ob ich am christlichen Religionsunterricht teilnehmen möchte oder nicht. Mir diese Freiheit einzuräumen, das weiß ich sehr zu schätzen.

Ich bin Dir unendlich dankbar, dass du mir nicht nur in guten, sondern auch in schweren Zeiten geholfen hast. Zeiten, in denen ich krank gewesen bin und miterleben konnte, wie sich deutsche Ärzte und Krankenschwestern sorgenvoll um mich gekümmert haben. Momente, die für mich nicht leicht gewesen sind.

Ich habe gerade in diesen schwierigen Phasen bemerkt, wie glücklich ich eigentlich sein kann, dass ich in einem Sozialstaat, wie Deutschland es ist, lebe. Es gibt Länder auf diesem Planeten, in denen hätte ich das nicht überlebt.

Ich konnte als erster in meiner Familie studieren

Ich bin Deutschland dankbar, dass ich einen tollen Kindergarten in meinem Heimatdorf Böhringen besuchen durfte. Wenn ich heute daran vorbeifahre, weiß ich noch, wie schön diese Zeit gewesen ist. Hier habe ich auch viele Freundschaften im Sandkasten aufgebaut, die ich heute noch pflege.

Ohne meine positiven Erfahrungen im Kindergarten und in der Grundschule hätte ich sicherlich nicht die Chance erhalten, das Abitur zu absolvieren und danach – als erster in meiner Familie – zu studieren. Hochwertigste Ausbildung – und das alles kostenlos.

Ich schätze das sehr und wenn ich sehe, dass in zahlreichen Ländern auf dieser Welt Menschen aus Arbeiterfamilien keine Chance haben, zu studieren, bin ich diesem Land, das mir diese Gelegenheit gegeben hat, mehr als dankbar.

Danke, dass ich die Chance erhielt, beim Deutschen Fußball-Bund, dem größten Fußballverband der Welt, die UEFA B-Lizenz, den Trainerschein, zu absolvieren. Für viele Fußballbegeisterte rund um den Globus ist das ein Traum. Ich konnte diesen verwirklichen.

Dass ich derzeit meinen Doktor absolviere, habe ich als Jugendlicher nicht für möglich gehalten. Zu weit war dieser Wunsch entfernt.

Diesen Traum erfülle ich mir. Natürlich auch durch meinen eigenen Fleiß aber auch viele Lehrer, Professoren und Mitschüler haben mich bei meiner schulischen Ausbildung geprägt. Wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, dass meine Mutter nicht aufs Gymnasium gehen konnte, weil ihr Schulweg zu weit gewesen ist, dann weiß ich, was ich an Deutschland habe.

In Deutschland zu leben, macht mich glücklich

Ich danke Deutschland, dass es offen mit seiner eigenen Geschichte umgeht. Daran habe ich erkannt, dass eine ehrliche, selbstreflektierende Betrachtung ein Zeichen von Stärke ist.

In einem Land aufzuwachsen, das diesen Prozess durchgemacht hat, ist für mich etwas ganz Besonderes. Die Anzahl der Nationen, die so offen mit ihrer Geschichte umgehen, ist sehr gering. Nicht die Gräueltaten aber der ehrliche und schuldbewusste Umgang mit den Ereignissen im 20. Jahrhundert, machen mich glücklich.

Danke, dass ich viele Menschen aus unterschiedlichen Volksgruppen kennenlernen durfte. Freunde, die als politische oder wirtschaftliche Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Aus Tunesien, Mexiko, Marokko, Kroatin, aus dem Kosovo, aus Italien, aus Bosnien, aus Kenia oder Türkei. Die Liste ist unendlich lang.

Durch das Einwanderungsland Deutschland, habe ich Menschen aus aller Welt kennengelernt. Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen, Kulturen, Lebensgewohnheiten oder Sprachen.
Menschen, die geflohen sind, weil sie gefoltert wurden, weil sie unterdrückt wurden oder weil sie nichts zum Essen hatten. Menschen, die glücklich sind, hier zu leben und genauso dankbar sind. Menschen, die gut integriert sind und nicht auffallen.

Unendlich dankbar bin ich Deutschland, dass es dem größten Teil der Menschen hier egal ist, ob ich schwarz oder weiß bin, ob ich Muslim oder Christ bin, ob ich Türke oder Deutscher bin. Dadurch habe ich gelernt, dass das auch mir egal ist.

Quelle: The Huffington Post

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Albert Wunsch, Ruprecht Polenz, Christine Eichel.

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