Was nützt ein Dementi des Giftes, wenn es schon wirkt? Günter Grass

Der analoge Kandidat

Joachim Gauck ist ein Relikt der analogen Zeit – kein Wunder, dass gerade die Netzgemeinde über seine Nominierung erbost ist. Sieben Gründe gegen den sogenannten Konsenskandidaten.

Nein, Joachim Gauck kann nicht der Bundespräsident meines Herzens sein. Ich habe an jedem Tag der Woche einen guten Grund, ihm mein Vertrauen nicht zu geben – und keiner davon hat mit seiner früheren Tätigkeit als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde zu tun.

Gauck ist jemand, der erstens Thilo Sarrazin als „mutig“ lobt, der zweitens die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan für „gerechtfertigt“ hält, der drittens Hartz IV als „richtig“ bezeichnet und damit Kinderarmut ignoriert, der viertens die Occupy-Bewegung, die gegen die Macht der Finanzmärkte kämpft, als „unsäglich albern“ abqualifiziert, der fünftens Wikileaks das Recht abspricht, Geheimdokumente zu veröffentlichen, aber die anlasslose Speicherung aller Telekommunikations-Verbindungsdaten („Vorratsdatenspeicherung“) beschönigt, der sechstens die Bespitzelung meiner Partei durch den Inlandsgeheimdienst Verfassungsschutz legitimiert und der schließlich siebtens einen Staatsakt für die Opfer des Neonazi-Terrors abgelehnt hatte.

Gerechtigkeit gehört zur Freiheit

Herr Gauck ist für mich deshalb keineswegs der unabhängige „Vermittler zwischen Regierten und Regierenden“, als der er sich selbst stilisiert. Es handelt sich bei ihm viel eher um jemanden, der bei wichtigen gesellschaftspolitischen Debatten sehr einseitig Stellung bezieht und der mit jeder dieser Äußerungen die Gesellschaft weiter spaltet.

Zu Recht hat Friedrich Schorlemmer festgestellt, dass zur Freiheit, über die Herr Gauck überzeugend reden könne, aber auch die Gerechtigkeit gehört, und dass ihn manche von Gaucks Äußerungen über die Schwachen der Gesellschaft geradezu empören.

Die anderen Bundestagsparteien haben in der Art einer Allparteienkoalition mit ihrem unwürdigen Geschacher außerdem bewiesen, dass sie die Linkspartei, die immerhin bundesweit fünf Millionen Wählerinnen und Wähler politisch repräsentiert und z.B. in Thüringen 2009 mehr als ein Viertel der Wählerstimmen errungen hat, ausgrenzen wollten.

Einen, nicht spalten

Der Kandidat wurde unter aktiver Ausgrenzung nominiert und er persönlich beherrscht die Kunst der Ausgrenzung bedauerlicherweise selbst sehr gut, wie seine Äußerungen zeigen. Dabei spürt er offenbar nicht einmal die Verletzungen, die er damit auslöst.

Zudem kann ich mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass, so wie die Medien Christian Wulff hoch und wieder runter geschrieben haben, jetzt kritische Sichten auf Joachim Gauck eher unerwünscht sind. So ist es vor allem die Netzgemeinde, die sich an seiner Person reibt und mich zu der Feststellung veranlasst: Joachim Gauck ist ein analoger Kandidat für eine analoge Welt, dem offensichtlich die digitale Welt eine völlig fremde zu sein scheint. Auch deshalb ist er kein Kandidat der Zukunft.

Es wäre gut, wenn es neben Herrn Gauck eine Kandidatin oder einen Kandidaten gäbe, die oder der wirklich die gesamte Gesellschaft repräsentieren kann. Jemand, der eint und nicht spaltet.

Leserbriefe

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    derblondehans – 23.02.2012 - 13:04

    … ich wäre für Wolf Biermann, Hr. Ramelow. Der weiß zu einen und Linke zu bändigen. Oder?

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    YaPo – 23.02.2012 - 13:49

    Ach Herr Ramelow, das sind doch alles alte Kamellen.. Biedern Sie sich nicht der Internet-Shitstorm-Gemeinde an und lassen Sie Gauck erstmal was sagen, wenn er gewählt ist! Und: einfach mal nachrecherchieren, was Gauck wirklich zu all diesen Themen gesagt hat:
    http://blog.karlshochschule.de/2012/02/20/gauck-in-der-filterbubble-oder-wie-wir-lernten-den-kontext-zu-ignorieren/

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    Karlsblog ist längst widerlegt. – 23.02.2012 - 23:56

    http://www.ruhrbarone.de/kein-grund-zur-aufregung-die-gauck-debatte-in-den-sozialen-netzwerken/

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    Karola – 24.02.2012 - 15:48

    Immer wieder das Gleiche:“ach lassen se den doch erst mal machen”. Da möchte ich Sie mal sehen, in einem Krankenhaus, wenn der Doktor laufend falsche Diagnosen stellt und Symptome einfach ignoriet: “Ach, lassen den doch einfach machen, der lebt sich schon ein”.

    Verantwortungsloser geht es wirklich nicht, wenn man die Demokratie, die Politiker und die Demokraten ernst nehmen will.

    “Ach, lassen Sie den doch erst mal machen” zeigt, dass Sie Demokratie nicht verstanden haben. Es geht nicht ums “machen” es geht um sein Sein, seinen Charakter, seine Ehrlichkeit, seine Glaubwürdigkeit, seine Integrität=Makellosigkeit, Unbestechlichkeit, und die hat Gauck nicht.
    In diesem Amt geht es um Würde, Ausstrahlung und die o.a. Werte.

    Gauck ist ein Phrasendrescher, der sich in Phrasen ergiesst – sonst nichts.
    Ein Mann, der nicht mal fähig ist, in seinem persönlichen, privaten Leben Ordnung zu schaffen, wie soll dieser Vorbild für die Menschen sein ?
    Ein Mann, der Aua schreit und jammert, wenn sein überhöhtes, explodierendes Ego angekratzt wird und kein Gefühl für die Leiden anderer hat – verbal-äusserlich sicher, er hat ja Reden und Verführen gelernt – aber doch keine Veränderungen für Besserungen einfordert, kann kein Präsident für’s ganze Volk sein.

    Er ist der Präsident der Neoliberalen Agendapolitik. Und das heisst: Zürück ins feudalistische Mittelalter. Auch im Privatleben, wo Fürsten und Könige Erst-zweit-oder noch mehr Frauen hatten Kein Problem für neoliberale. Das Mittelalter lässt grüßen. Die Eliten können sich freuen, die Masse aber wird in Ketten gelegt, so wie jetzt schon hier und besonders schlimme in GR zu sehen.

    Die Demokratie wird mit Gauck verabschiedet und sinkt in eine postdemokratische Phase, nicht nur ökonomisch, sondern auch ideell, im privaten Bereich.

    Ob unsere Kindeskinder dann noch die Möglichkeit haben, schreiben und lesen zu lernen, weil alles privatisiert und zu teuer und kein Geld für Arme vorhanden ist, ist keine Frage mehr sondern, wenn es so weitergeht, deren Zukunft.

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    Archie2 – 26.02.2012 - 17:40

    Halllooo Karola, in der Demokratie ist freie Meinungsäusserung zu respektieren. Das man es nicht allen recht machen kann ist logisch und gehört dazu. Aber so einen Quatsch habe ich lange nicht gelesen. Für Sie wäre es am besten die Diktatur oder den
    Kommunissmus hier einzuführen, dann hätten auch Sie nichts zu sagen. Der Mann ist noch nicht im Amt und schon machen Sie ihn nieder. Er hat einen Lebensgefährtin! So what! Westerwelle hat einen Lebensgefährten! Auch hier so what. Tolleranz nicht nur gegen unsere Schwestern und Brüder aus dem Ausland sondern auch unter uns Deutschen ist gefragt. ende der ansage.

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    Gus – 02.03.2012 - 17:00

    Es ist ein Unterschied Herr Westerwelle hat einen Lebensgefaehrten, aber Herr Gauck ist verheiratet und hat ne Freundin, schaetze da liegt der Unterschied. Herr Gauck ist verheiratet und spart dadurch Steuern Her Westerwelle hat nen Lebensgefaehrten und zahlt Steuern. Das eine ist Betrug das andere ist in Ordnung.

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    Citoyen – 23.02.2012 - 13:57

    Herr Ramelow kritisiert, dass Gauck nicht der Kandidat für eine digitale Zukunft sei. Bin sehr (!) gespannt, welchen digitalen Profi die Linkspartei als Konkurrenz zu Gauck nominieren und ins Rennen schicken wird!

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    TTA_GGG – 23.02.2012 - 14:03

    Nur mal so als Vergleich: Die größte Facebookgruppe zur Unterstützung Gaucks hat fast 30.000 Mitglieder. Die von Bodo Ramelow 900. Wenn Herr Gauck analog ist, was ist dann Herr Ramelow?

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    blaubärkuchen – 23.02.2012 - 14:17

    Schade: Der Einzige, der nicht mit der Zeit geht, ist der Autor dieses Beitrags. Mit den eingangs genannten Vorwürfen ist er ca. 3 Tage zu spät. Denn sie wurden inzwischen widerlegt.

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    Listior – 24.02.2012 - 13:06

    Echt, die Vorwürfe wurden widerlegt? Bestenfalls wurden sie relativiert. Es ist nach wie vor nicht zu begrüßen, beispielsweise die Leistung eines Herrn Sarrazin, unter Billigung durch die SPD rechtes Gedankengut in der berühmten “Mitte der Gesellschaft” salonfähig(er) zu machen, auch noch mit dem Prädikat “mutig” zu adeln und ihm dadurch, bewusst oder unbewusst, Schützenhilfe zu leisten. Nach wie vor ist Gauck ein konservativer Marktgläubiger mit tendenz zu reflexhftem Kommunistenfraß, der einem Senator McCarthy zu gesicht gestanden hätte. Sein Verhältnis zur Linken ist weder ein Empfehlungs- noch ein Ausschlussgrund. So oder so kann man der Linken nicht vorwerfen, in ihrer Beziehung zu Gauck nicht über den eigenen Schatten springen zu wollen, solange man es Gauck nicht ebenfalls vorwirft.

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