Mir sind Kopftuchmädchen lieber als Arschgeweihmädchen. Peter Gauweiler

„Lautes Getöse wäre zu einfach gewesen“

Wie vertont man die europäische Urkatastrophe? Mit ihrem Album „Lament“ bringt die Berliner Kultband Einstürzende Neubauten den Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf die Bühnen Europas. Frontmann Blixa Bargeld sprach mit Max Tholl über die Allgegenwärtigkeit des Krieges und die Überflüssigkeit der Band.

The European: Herr Bargeld, was bewegt jemanden im Jahr 2014, ein Konzeptalbum wie „Lament“ zu veröffentlichen?
Bargeld: Da muss man etwas ausholen. Wir wurden im Herbst 2011 von der Region Flandern gefragt, ob wir eine Komposition erstellen könnten, die dann im Herbst 2014 als Auftakt zu den Gedenkfeiern an den Ersten Weltkrieg aufgeführt werden sollte. Wir haben also kein Album, sondern eher eine Performance, ein Bühnengeschehen geschaffen. Das Album ist bloß der Niederschlag, der Detritus des Ganzen. Es ist nur das Dokument einer Performance und kein für sich stehendes Konzeptalbum.

The European: Sie würden das Album also nicht als neues Album der Einstürzenden Neubauten bezeichnen?
Bargeld: Nein, würde ich nicht.

The European: Denken Sie denn, dass das Album auch so wahrgenommen wird?
Bargeld: Es ist mir wichtig, darüber zu informieren, damit später niemand enttäuscht ist. Auf der Tour, die wir gerade spielen, spielen wir nur „Lament“ – keine alten Sachen. Wer sich das erhofft, wird nicht auf seine Kosten kommen. Ich will das von vornherein klarmachen, sonst gibt es später bittere Tränen.

The European: Ist Ihr Kultstatus ein Hindernis, wenn man ein Projekt wie dieses angeht, das nichts mit dem Rest Ihres Schaffens zu tun hat?
Bargeld: Es gibt sicherlich einen Erwartungsdruck und dem will ich mit dieser klaren Positionierung zum Album entgegenwirken.

The European: In „Kriegsmaschinerie“, dem ersten Stück des Albums, heißt es im Begleittext: „Der Krieg bricht nicht aus, war nie gefangen oder angekettet“. Leben wir im konstanten Krieg?
Bargeld: Was mich bei der Berichterstattung über den Krieg – und davon gibt es momentan ja leider sehr viel – immer schon gestört hat, war der Begriff des „Ausbruchs“. Krieg bricht nicht aus, der Krieg ist ja nicht die Pest oder ein Inhaftierter. Der Krieg ist immer da, manchmal bewegt er sich nicht und bleibt stumm, aber er ist immer da. In „Kriegsmaschinerie“ wird auf der Bühne ein Leviathan aus Metallstücken zusammengebaut und die Geräusche davon sind das auf dem Album Gehörte. Der Text ist ein Begleittext – expressionistische deutsche Lyrik im Grunde.

The European: Was hat Sie an dem Thema Erster Weltkrieg gereizt?
Bargeld: Es war mir nie ein Wunsch oder Verlangen, über den Ersten Weltkrieg oder Krieg im Allgemeinen zu schreiben.

The European: Wieso haben Sie das Projekt dann nicht abgelehnt, als es an Sie herangetragen wurde?
Bargeld: Bei mir stand es lange auf der Kippe. Wir reisten dann nach Diksmuide in Flandern und haben uns die Schützengräben und Soldatenfriedhöfe angeschaut. Danach haben wir als Band votiert, ob wir dieses Projekt angehen wollen oder nicht.

The European: Haben Sie mit Ja oder Nein gestimmt?
Bargeld: Weder noch – ich habe mich enthalten. Es war aber der Wunsch der Band, sich des Projekts anzunehmen, also haben wir es gemacht. Einfach war es nicht. Nach einer Woche wollte ich schon hinschmeißen.

The European: Wieso?
Bargeld: Ich habe mich gefragt, ob ich mich wirklich ein halbes Jahr oder länger mit diesem Thema beschäftigen will. Das kann anstrengend sein und die Psyche belasten. Auf dem fertigen Album sind noch sehr viele Stücke drauf, die das Thema weitgehend von mir fern halten.

The European: Weil viele der Lieder Neuinterpretationen alter Lieder sind oder auf Briefen oder Texten basieren, die nicht von Ihnen stammen?
Bargeld: Ja, das hat mir auch enorm geholfen. Trotzdem habe ich mit Haut und Haar in dieses Projekt investiert und musste Sachen wie „How did I die?“ schreiben.

„Die Erinnerungsmühle lief auf Hochtouren“

The European: Können Sie die Faszination, die die „Urkatastrophe“ heute umgibt, nachvollziehen?
Bargeld: Ich weiß gar nicht, ob es eine Faszination für den Ersten Weltkrieg gibt, aber es ist klar, dass in einem Gedenkjahr wie diesem mehr Fokus darauf gelegt wird. Die Erinnerungsmühle lief ja schon letztes Jahr auf Hochtouren. Es war also absehbar, dass zu dem Zeitpunkt, an dem wir mit unserer Show die Bühnen betreten, schon Etliches zertrampelt wurde. Wir wollten also ein paar Nischen finden, die noch nicht zigfach beleuchtet wurden.

The European: Das Album tut das ja in gewissem Maße, indem es einzelne Schicksale, wie das des belgischen Autors Paul van den Broeck, der freiwillig in den Krieg zog, um sich ein eigenes Bild davon zu machen, beleuchtet.
Bargeld: Das große Narrativ ist weitläufig bekannt, die kleinen Schicksale hingegen oft unbeleuchtet. In Diksmuide liegt zum Beispiel der Sohn von Käthe Kollwitz begraben, der sich auch freiwillig für die Front gemeldet hatte. Das ist auch etwas, was mir nicht klar wird, was ich nicht verstehe: dass so viele Intellektuelle sich freiwillig in diesem Krieg engagiert haben.

The European: Max Weber, Robert Musil und Thomas Mann, zum Beispiel, werden heute selten als Kriegsverherrlicher betrachtet, doch waren zu ihrer Zeit Befürworter der militärischen Konfrontation.
Bargeld: Oder Otto Dix! So viele gebildete Menschen! Ich kann das nicht nachvollziehen. Natürlich muss man hinzufügen, dass viele, die freiwillig eingetreten sind, das am Anfang taten, als man dachte, es würde nur ein Wanderausflug nach Frankreich werden. Als das Ausmaß des Kriegs dann erkennbar wurde, hielten viele sich bedeckt. Trotzdem schwer nachzuvollziehen, dass so viele großartige Künstler den Krieg propagiert haben oder sogar freiwillig gekämpft haben.

The European: Wie kompliziert war es für Sie, den Ersten Weltkrieg – der ja recht gut dokumentiert ist – zu vertonen?
Bargeld: Schwierig, denn obwohl er gut dokumentiert ist, fehlt es an Tondokumenten. Die einzigen Aufnahmen liegen in Berlin und sind Edison- oder Wachswalzen. Danach kam die Schallplatte und damit wurde es viel einfacher, Geräusche zu dokumentieren.

The European: Wir sind es gewohnt, über den Ersten Weltkrieg zu lesen oder Filme zu schauen. Durch Musik lässt er sich aber schlecht abstrakt darstellen, oder?
Bargeld: Weiß ich gar nicht. Ich habe so ehrlich daran gearbeitet, wie es nur geht. Die Grundidee während des ganzen Prozesses war aber, dass es kein rein musikalisches Projekt, sondern ein Bühnenprojekt ist. Da denkt man viel mehr in Sequenzen und Bildern und das macht es wieder einfacher. Bei einem normalen Album ist die Reihenfolge der Stücke oft egal – hier gab es aber eine klare Struktur, die wir streng befolgt haben. Wir waren ja gewissermaßen an die Chronologie des Krieges gebunden: von den Vorbereitungen, über Siegeshymnen, bis hin zu den Soldatenfriedhöfen oder den Heimkehrern.

„Wie albern wäre es, zu versuchen, ihn zu imitieren?“

The European: Eignen sich die Neubauten gut für ein solches Projekt? Die Zerstörung war stets Leitmotiv Ihrer Alben und der Erste Weltkrieg bietet sich da natürlich als Thema an – auch wenn es vielleicht um eine andere Zerstörung geht.
Bargeld: Ich wusste von vornherein, dass ich die Gleichung Einstürzende Neubauten = Krach = Krieg nicht bedienen wollte. Wir mussten um jeden Preis lautes, kriegerisches Getöse vermeiden. Das wäre zu einfach gewesen. Tom Waits beschrieb es einst so oder so ähnlich: „We have to tell a horrible story beautifully“. Das war unsere Maxime, nicht irgendwelches Getöse.

The European: Kommt Ihnen das Getöse von damals heute manchmal komisch vor?
Bargeld: Nein.

The European: Können Sie die destruktive Kraft, die im Erstlingswerk „Kollaps“ steckt, heute noch nachvollziehen?
Bargeld: Ja.

The European: Wollen sich ihr aber nicht mehr hingeben?
Bargeld: Sagen wir es so: Ich kann es nachvollziehen und höre mich dann, wie ich vor 20 Jahren war. Ich kann den jungen Blixa Bargeld verstehen, aber wie albern wäre es, zu versuchen, ihn zu imitieren?

The European: Unterschied sich der Arbeitsprozess an diesem Album wesentlich von dem an einem regulären Neubauten-Album?
Bargeld: Normalerweise geht viel Zeit dabei drauf, neue Klänge oder Instrumente zu erforschen. Da tun sich dann oft Türen auf, die uns in neue Richtungen treiben. Hier war der Weg vorgegeben.

The European: Sie haben aber stets behauptet, dass gerade das Chaos, die Unsicherheit, wo es hingeht, Sie an der Arbeit reizt.
Bargeld: Hätten wir so gearbeitet wie sonst, hätten wir das Album nie rechtzeitig fertigstellen können. Daher mussten wir mit uns bekannten Instrumenten wie Rohren arbeiten, bei denen wir wissen, wie sie klingen. Wir mussten auf Altbewährtes setzen.

The European: Man könnte fast vom ersten altmodischen Einstürzende-Neubauten-Album sprechen.
Bargeld: Könnte man wohl, aber es ist ja, wie gesagt, kein Neubauten-Album.

„Was früher Band war, ist heute Apple Garage Band“

The European: Stört es Sie, dass es Deutschland so gut geht?
Bargeld: Wieso sollte es?

The European: Die Neubauten entstanden damals in einem Deutschland, das von Kaltem Krieg und gesellschaftlichen Spannungen gekennzeichnet war. Heute scheinen viele dieser Probleme gelöst.
Bargeld: Sehe ich anders. Vielleicht haben sich die Probleme hierzulande beruhigt, andernorts brodeln sie. Als wir an „Lament“ arbeiteten, spitzte sich die Lage in der Ukraine zu und auch in anderen Ländern wie dem Irak fing es an zu kriseln. Diese Konflikte sind aber keine neuen Konflikte, sondern nur die Fortsetzung der alten. Der Erste Weltkrieg ging nie vorbei, sondern mündete in den Zweiten und später in den Kalten Krieg. Heute tun sich wieder alte Konflikte auf. Wenn man sich die „Nicky-Willy Telegrams“, basierend auf einem Briefwechsel zwischen dem deutschen Kaiser und dem russischen Zaren, anhört, kann man auch daran denken, dass das auch die „Vladi-Angie Telegrams“ sein könnten.

The European: Wäre es für Sie denkbar, eine Band wie die Neubauten im heutigen Deutschland zu gründen?
Bargeld: Ich weiß nicht – und das ist keine Ignoranz – wie man heute in Deutschland eine Band gründen würde. Ich weiß nicht, wie das gehen soll. Natürlich gibt es noch Musik, die neu und innovativ ist, aber ich wüsste einfach nicht, wo ansetzen. Als wir anfingen, waren wir an einem sehr seltsamen Ort zu einer sehr seltsamen Zeit: West-Berlin in den 1980er-Jahren. Heute fehlt diese Konstellation vielleicht. Die Musiker von heute müssen völlig neue Strategien entwickeln und andere Schlachten schlagen. Nicht zuletzt um das Konzept der Band an sich.

The European: Wie meinen Sie das?
Bargeld: Die Band ist eine Antiquität. Die Band kann schlecht versammelt vor dem Computerbildschirm sitzen. Was früher Band war, ist heute Apple Garage Band. Alles muss kleiner, billiger und komprimierter werden.

The European: Hören Sie viel Musik?
Bargeld: Mäßig viel.

The European: Was?
Bargeld: Vieles. Ich muss aber sagen, dass ich nicht informiert bin. Viele zeitgenössische Musik geht komplett an mir vorbei.

The European: Sie haben einmal behauptet, dass es gut sei, dass 99 Prozent der Musik schlecht ist, weil es das eine Prozent gute Musik noch besser macht.
Bargeld: Die guten Jahre sind die, in denen 99 Prozent der Musik schlecht ist. Das stimmt.

The European: Abschließend – wie viel Blixa Bargeld steckt in den Einstürzenden Neubauten?
Bargeld: Sehr viel.

The European: Wie viel Einstürzende Neubauten steckt in Blixa Bargeld?
Bargeld: Auch sehr viel – glaube ich.

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