Der Hitler-Code

von Birgit Kelle29.10.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Das ZDF-Morgenmagazin entschuldigt sich bei seinen Zuschauern fĂŒr ein vermeintlich braunes Hemd des Moderators. Geht’s noch?

Wer es bislang noch nicht wusste: Hoffmann von Fallersleben muss der erste Nazi gewesen sein. „Liebe in allen Farben“ heißt das alte Volkslied, das er gemeinsam mit Ernst Richter 1842 veröffentlichte. Darunter auch diese Strophe:

bq. Braun, braun, braun sind alle meine Kleider,

bq. braun, braun, braun ist alles, was ich hab’.

bq. Darum lieb’ ich alles, was so braun ist,

bq. weil mein Schatz ein Landwirt ist.

Eine Ode an die braune Farbe. Geht’s noch? Man sagt, diese verdĂ€chtigen Zeilen aus altem Liedgut werden heute noch in KindergĂ€rten als Sing- und Tanzlied aufgefĂŒhrt. Das setzen die unseren Kindern vor, haben die denn gar kein Gewissen? Sehen die denn alle kein Morgenmagazin im ZDF? Gestern “veröffentlichte die Redaktion der Sendung auf Facebook eine Entschuldigung()”:https://www.facebook.com/morgenmagazin?fref=ts an seine Zuschauer mit folgendem Wortlaut:

bq. Aufgrund einiger Zuschauer-Hinweise zur Kleidungswahl unseres Moderators Jochen Breyer möchten wir kurz aufklĂ€ren, dass sein olivgrĂŒnes Hemd auf dem Bildschirm tatsĂ€chlich braun wirkte, dies aber von Jochen Breyer natĂŒrlich keinesfalls beabsichtigt war. Wir entschuldigen uns fĂŒr den entstandenen Eindruck.

Was ist mit Nutella-Essern?

Ja, liebes ZDF, das war wirklich fĂ€llig. Ich hoffe auch sehr, dass es fortan bei den Zuschauern im Studio keinen braunen Kaffee mehr gibt, nicht dass eine der Kameras aus Versehen in eine Tasse schwenkt und das auch noch im Bild festhĂ€lt. Ab sofort aus SicherheitsgrĂŒnden nur noch grĂŒnen Tee. Denn das weiß man doch: Braun gleich Nazi. Und damit stehen wir alle mit einem Bein im rechtsradikalen Sumpf, auch diejenigen, die es gar nicht ahnten.

„Braun, braun, braun, sind alle meine Kleider, weil mein Schatz ein Landwirt ist.“ Ist das vielleicht ein subtiler Code? Alle Landwirte auch Nazis? Was ist mit Nutella-Essern? Unser Glas ist vor Verfassen dieses Textes entsorgt worden. Ich werde das den Kindern sicher erklĂ€ren können. Braune Haare, oh Mann, das sind ganz schön viele. Auch Nazis? Wenn man sich einmal auf die Suche macht, ist die trĂŒgerische braune Farbe ĂŒberall.

Nazifreie Zone im ZDF, das sollte unbedingt Schule machen auch bei den anderen Sendern. Gut, RTL muss dann ab sofort „Bauer sucht Frau“ einstellen, denn vermeintliche Nazis auf Partnersuche will doch wirklich keiner sehen. Die Bratensoße am Sonntag: Weg damit! Braune Soße geht gar nicht! Außerdem ist vegan sowieso gesĂŒnder und das ist hauptsĂ€chlich grĂŒn, also eine politisch korrekte Farbe.

Die verrĂ€terische Farbe ist ja lĂ€ngst nicht alles, was uns eindeutig als Rechtsradikale entlarvt. Unsere ganze Mathematik steht auf dem Spiel! “Hatte nicht erst im Mai der Waschmittelhersteller Procter & Gamble die Auslieferung der Ariel-Sonderedition „88“ stoppen mĂŒssen()”:http://www.huffingtonpost.de/2014/05/09/ariel-hitler-88-waschmittel_n_5292917.html? Hatte mal wieder keiner nachgedacht bei den Amis, aber auf den antifaschistischen Widerstand im Netz war wie immer Verlass. Die Werbung mit dem WM-Nationaltrikot, auf dem „Ariel“ und die Zahl „88“ stand, wurde ebenfalls sofort eingedampft. „Ariel“, das klingt doch schon wie „Arier“, und der Hinweis auf „neue Konzentration“ beim Waschen, kann nur als bewusste Provokation gewertet werden. „88“, weiß doch jeder, außer Procter & Gamble, das ist der Hitler-Code.

Zweimal der achte Buchstabe im Alphabet, HH fĂŒr „Heil Hitler“. 88 geht also auch nicht mehr, wir rechnen nur noch mit politisch korrekten Zahlen. Alle Rechenaufgaben in GrundschulbĂŒchern mit der Zahl 88 mĂŒssen nun eliminiert werden. Es ist allerdings gut zu wissen, dass das OLG Brandenburg bereits im Jahr 2005 festgestellt hatte, dass die Verwendung der Zahl 88 „nicht unbedingt strafbar“ sei. Damit sind die Hausaufgaben meiner Kinder gerettet, sollte sich doch mal aus Versehen die unaussprechliche Zahl einschleichen.

Wasserstoffblond kann auch schön sein

Vielleicht könnten wir es auch wie die Franzosen machen, bei denen ist die Zahl 88 bereits eine Matheaufgabe in sich: „quatre-vingt-huit“, alias „vier mal zwanzig plus acht“, geht doch! Allerdings ist auch hier das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Was ist mit SS? Zweimal der neunzehnte Buchstabe: „1919“. Muss das Jahr 1919 jetzt aus den GeschichtsbĂŒchern? WĂ€re ein bisschen schade, zumal wir Frauen am 19. (sic!) Januar 1919 das volle Wahlrecht erhalten haben und das wollen wir ja nicht zurĂŒckgeben. Aber man kann nicht vorsichtig genug sein und Vorbeugen ist besser als das Nachsehen haben.

Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit dem unschuldigen Argument, es ist ja nicht alles schlecht, was braun ist. Das kennen wir doch schon als alten Trick mit den Autobahnen und um die DDR mit Spreewaldgurken und RotkĂ€ppchensekt schön zu reden. Wenn, dann mĂŒssen wir konsequent sein. Man munkelt, Claus Kleber sei heute schon beim Frisör gesichtet worden. Wasserstoffblond kann ja auch schön sein.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Statt Zuwanderungsromantik lieber richtige Politik

FĂŒr viele BeschĂ€ftigte sind Kontrollverlust durch Kontrollverzicht und Staatsversagen in der AuslĂ€nderpolitik tĂ€gliche LebensrealitĂ€t. Deshalb sind viele Kolleginnen und Kollegen stinksauer ĂŒber diese Art von Politik. Und wĂ€hlen gar nicht mehr oder eben anders. Beides ist ihr gutes Recht.

Wie ein PrÀsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und auslĂ€ndischen Freunde der Ukraine ist entsetzt ĂŒber den Ausgang der ukrainischen PrĂ€sidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und GeschĂ€ftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflĂŒchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in BrĂŒssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erlĂ€utert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und ParlamentsprĂ€sident, sowie den Hohen Vertreter der EU fĂŒr Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grĂŒnen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der ĂŒber dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu