Die Macht der Menge muss auch in einem mächtigen Programm umgesetzt werden. Alison Smale

Etwas mehr Schärfe, bitte!

Im Streit um „sexuelle Vielfalt“ in baden-württembergischen Lehrplänen melden sich weitere kritische Stimmen. Das passt der grün-roten Landesregierung gar nicht.

Nein, Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch ist wirklich nicht gut drauf. Da wollte man das neu eroberte Ländle als Paradies für Fortschritt und Toleranz ausbauen und jetzt gerät die Debatte völlig aus den toleranten Fugen.

Der geplante Lehrplan für Baden-Württemberg unter besonderer Berücksichtigung von „sexueller Vielfalt“ in allen Fächern droht statt zum Vorzeigeprojekt zum größten Desaster der grün-roten Landesregierung zu werden. Nachdem mit Petitionen und Demonstrationen bereits seit Monaten Eltern die idyllische Ruhe im Süden der Republik empfindlich stören, hat sich nun der Landeschef des Philologenverbandes Bernd Saur in die Debatte eingeschaltet und warnt im „Focus“ unter der Überschrift „Schamlos im Klassenzimmer“ davor, Kinder „nicht vertretbaren Übergriffen durch entfesselte, öffentlich komplett enttabuisierte Sexualpädagogen“ auszusetzen. Weiter: „Themen wie Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive Gruppensex-Konstellationen, Lieblingsstellung oder die wichtige Frage ‚Wie betreibt man einen Puff?‘ sollen in den Klassenzimmern diskutiert werden“, so Saur in deutlichen Worten.

„Beträchtlicher Schaden“

Zeit wurde es ja, die Fakten über die Inhalte möglichen Unterrichtsmaterials liegen bereits lange auf den Tischen der Lehrer, bislang hatten sie sich aus dem Diskurs aber merkwürdig still zurück gehalten. Nur die Lehrergewerkschaft GEW tat sich mit besonderem Eifer im Thema hervor. Die Broschüre des hauseigenen Arbeitskreises „AK Lesbenpolitik des Vorstandsbereichs Frauen“ wurde nach öffentlicher Kritik zwar zurückgezogen, bedenklich ist allerdings, dass sie in dieser Form überhaupt entstanden ist und Pädagoginnen ihren Inhalt allen Ernstes für adäquates Unterrichtsmaterial hielten. Das Internet vergisst nicht, sie ist immer noch hier einsehbar

Jetzt heizt also der Philologenverband die Debatte mit an und der zuständige Minister ist brüskiert. Als oberster Dienstherr schrieb Andreas Stoch an seinen Untergebenen Lehrer Bernd Saur: „Mit ihrem Kommentar tragen Sie wesentlich zu einer Verschärfung des öffentlichen Diskurses bei.“ Ja genau, das tut er und das ist auch gut so. Nun fordert die SPD-Landtagsfraktion den Vorstand des Philologenverbands in Baden-Württemberg auf, sich vom eigenen Vorsitzenden Saur zu distanzieren. Solange dies nicht geschehe, werde die Fraktion nicht mehr mit dem Verband reden, teilte Fraktionschef Claus Schmiedel mit.

Ja, das ist ja Höchststrafe! Die SPD-Fraktion will nicht mehr mit den Philologen reden, denn es sei ein „beträchtlicher Schaden“ in der Öffentlichkeit entstanden. Das sollte die Philologen im Land sicher sehr beeindrucken, ging als Schuss aber nach hinten los, denn der Bundesverband solidarisierte sich sogar inhaltlich. Passt aber wunderbar ins Schema, denn mit den über 200.000 Unterzeichnern der Petition gegen den Lehrplan will die SPD-Fraktion ja auch nicht reden. Und mit den tausenden Demonstranten gegen den Lehrplan, die sich zuletzt am vergangenen Sonntag in Stuttgart trafen, ebenso wenig. Vielleicht stampft man in der SPD-Fraktion auch noch trotzig mit dem Fuß auf, dann sind wir endgültig im politischen Kindergarten angekommen.

Spermaschlucken und Analverkehr

Die Bildungsexpertin der Grünen, Sandra Boser, reagierte hingegen mit den Worten: „Was Bernd Saur von sich gibt, ist ekelhaft.“ Nein Frau Boser, das ist nicht ekelhaft, das ist jetzt neuerdings Bildung. Vielleicht sollten Sie einfach mal nachschlagen, was in den bereits heute existierenden Unterrichtsmaterialien drin steht. Hier bekommen Sie einen Überblick ganz umsonst von mir geschenkt. Und hier hat sich die „FAZ“-Kollegin Antje Schmelcher ebenfalls eingehend mit dem Thema befasst.

Der Philologenverband verschärft also die Debatte? Na wunderbar, es ist höchste Zeit dafür. Die Strategie, sämtliche Gegner dieses Bildungsplans in eine homophobe, extreme oder gar fundamentalistische Ecke zu stellen, geht nicht mehr auf – es sind inzwischen zu viele in der Strafecke versammelt. Gerade kommt die Lehrerschaft dazu.

Also, liebe Frau Boser, wenn Sie der Meinung sind, es sei ekelhaft, wenn Erwachsene öffentlich über Spermaschlucken, Dirty Talking, Oral- und Analverkehr und sonstige Sexualpraktiken inklusive der überlebenswichtigen Frage „Wie betreibt man einen Puff?“ reden – warum sind sie bereit, unsere Kinder mit diesen Themen zu belästigen?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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