Demnächst wird die Gleichstellungsrichtlinie erzwingen, dass der nächste Bundeskanzler eine Frau wird. Edmund Stoiber

Lasst doch mal den Vati ran

In den Diskussionen um Familienpolitik gehen Väter meistens unter. Warum eigentlich?

Am Sonntag ist es wieder so weit: Muttertag. Wir werden zwar nach wie vor nicht mehr Rente vom Staat, aber zumindest wieder Blumen von der Familie bekommen und Gebasteltes und kalten Kaffee ans Bett und wir werden uns freuen. Immer fällt mir dabei eine Zeile aus dem schwedischen Kinderbuch-Klassiker „Hänschen im Blaubeerenwald“ von Elsa Beskow ein. Am Schluss heißt es dort, als der schön gedeckte Tisch für Mutti liebevoll arrangiert dasteht: „Und die Mutter freute sich so, wie nur Mütter sich freuen können.“

Denn ja, ich empfinde es als Mutter auch oft so. Mein Herz schwappt bis an die Kitschgrenze über angesichts selbst gebastelter Makkaroni-Ketten, verwelkter Blumen in zu großen Vasen, von Regenbogenbildern und allerlei begeistert überreichter Dekoration für all die Fensterscheiben des Hauses, die es von außen nicht unbedingt schöner, aber individuell aussehen lassen.

Ja, wir Mütter dürfen uns an unseren Kindern freuen und wir tun es gern.

Und wie geht es den Vätern?

Schon im Vorfeld des Muttertages ist immer Hochzeit der Mütterthemen. Familienministerin Schwesig beglückte uns vor zwei Wochen mit der frohen Botschaft ihres aktuellen Dossiers, wonach Mütter angeblich sehr heiß drauf sind, früher und länger ihre Makkaroni-Ketten-Kinder gegen den Arbeitsmarkt einzutauschen, um ihr Glück im Büro zu finden. Eine Botschaft, die bei genauerem Hinsehen, freundlich ausgedrückt, eine fromme arbeits- und wirtschaftspolitische Wunschvorstellung ist.

Die „FAS“ brachte vor wenigen Tagen den Text „Wie ich eine glückliche Stiefmutter wurde“ – die Erfahrungen einer Frau, die in einer Patchworkfamilie mit Mann und drei Kindern ihr Glück suchte und fand. Auch sie darf als Mutter glücklich sein – wobei es interessant gewesen wäre, zu hören, wie entsprechend dazu die Geschichte eines Kindes lauten würde, das den Artikel „Wie ich ein glückliches Stiefkind wurde“ verfasst.

Und nur wenige Tage vor dem Muttertag veröffentlichte die Organisation „Save the Children“ ihren jährlichen Bericht zur Frage, wie es um die Lebensumstände der Mütter weltweit steht. Deutschland rangiert hier weit oben, auf Platz acht im Ranking. Vor allem in politischen Krisenregionen herrschen immer noch schwierige Bedingungen, nicht alle betreffen nur Frauen und Kinder.

Auffällig ist: Niemand interessiert die Perspektive der Väter. Leiden denn Väter nicht auch unter Krieg und Naturkatastrophen? Sterben sie nicht auch an der mangelnden Versorgung durch Medizin und Lebensmittel? Trauert nicht auch ein Vater um ein verstorbenes oder getötetes Kind? Die Frauenperspektive auf das Thema „Familie und Gedöns“ lebt trotz Gender-Mainstreaming weltweit weiter. Es gibt kaum Studien über die Befindlichkeiten und Lebensumstände von Vätern. Es interessiert wohl nicht. Wenn wir weltweit für Hilfsorganisationen Spendengelder sammeln, dann in der Regel für die Not von Frauen und Kindern.

Es gibt zwei Vatertage

Akribisch hat dies der Autor Arne Hoffmann in seinem aktuellen Buch „Not am Mann“ mit zahlreichen Fakten untermauert. An der Feminismusfront zählt man ihn dafür zu den sogenannten bösen „Maskulinisten“, den Männerrechtlern. „Väterrechtler“ gehören in die gleiche „antifeministische“ Kategorie. Diese Spezies erlaubt sich, darauf hinzuweisen, dass Männer wohl nicht die gleichen Probleme haben wie Frauen, dafür aber andere. Das reicht schon aus, um in zweifelhaftes Licht zu geraten.

Hoffmanns gesammelte Statistiken zur Benachteiligung und zum schlechten Image von Männern bleiben aber als Kloß im Hals stecken. Eigentlich seltsam in einer Zeit, in der wir Geschlecht als Kategorie eliminieren und nicht nach Geschlechtern unterteilen wollen. In der Opferkategorie sind Frauen, Mütter und Kinder allerdings auf der Siegerseite.

Zeit also, als Mutter einmal die Väter in den Blick zu nehmen, gerade auch angesichts des freudig erwarteten Muttertages. Glückliche Mütter überall, aber haben wir auch glückliche Väter? Denn in einem Land mit einer der besten Versorgungen für Mütter geraten immer mehr von ihnen in eine Schieflage, die ihre Ursache einerseits in einem mütterlich geprägten Familienbild haben und andererseits in einer Rechtslage, die diese Sichtweise einseitig begünstigt.

Am Muttertag dürfen wir Mütter uns also freuen. An unseren Kindern, an unserem Muttersein. Gut in Erinnerung habe ich aber noch die vielen traurigen, wütenden und frustrierten Facebook-Postings von Vätern im vergangenen Jahr, die am Vatertag darum trauerten, dass sie ihre Kinder nicht sehen durften. Manche auch nicht an Weihnachten, manche schon Jahre nicht mehr. Denn abseits vom alkoholgeschwängerten Vatertagsgrillen, das nicht nur Väter, sondern noch viel lieber Vaterschaftsaspiranten gerne in Anspruch nehmen, gibt es auch einen anderen, traurigen Vatertag.

Wer Väter fordert, muss ihnen auch etwas zugestehen

In einem ganz hervorragenden Artikeln hat die „Taz“-Redakteurin Heide Oestreich unter dem Titel „Erzeuger und Geldmaschine“ die Misere in Deutschland zusammengefasst. Väter wollen sich zwar zunehmend auch nach einer Trennung in die Erziehung einbringen, ziehen bei Sorgerechtsfragen statistisch aber in der Regel den Kürzeren. Auf die Spitze getrieben wird es im Unterhaltsrecht: Das Bürgerliche Gesetzbuch wurde von der Realität überrollt. Denn es hat noch gar keine Lösung für das Phänomen, dass immer mehr Väter nach einer Trennung auch Verantwortung übernehmen möchten. Nicht selten bleibt den Vätern nichts anderes übrig, als zu nehmen, was sie kriegen können. Zahlen dürfen sie aber dennoch in vollem Umfang. Paradoxerweise wird der Vater in diesem System finanziell sogar umso mehr ausgenommen, je mehr er sich zeitlich und finanziell um das Kind kümmert – denn seine volle Unterhaltspflicht bleibt dennoch zusätzlich bestehen.

Bevor nun der Aufschrei alleinerziehender Mütter ertönt, die genauso zu Recht auf die Väter verweisen, die sich nach einer Trennung nicht kümmern wollen: Ja, ich weiß, sie haben auch recht. Das macht es ja so kompliziert. Das aktuelle Unterhaltsrecht zwingt die Mütter, wieder sehr früh voll ins Erwerbsleben zurückzukehren, obwohl sie die Hauptlast der Erziehung und Versorgung der Kinder tragen. Inklusive schlafloser Nächte, Kinderkrankheiten und Wochenenden.

Wir wollen also nicht aufrechnen, wem es schlimmer geht, sondern den Blick erweitern und den Umstand zulassen, dass auch Väter ihre Kinder lieben, sie vermissen, sich kümmern wollen und leiden, wenn sie es nicht tun dürfen. Wir Mütter müssen innehalten. Wer Väter fordert, muss ihnen auch etwas zugestehen.

Das ist nicht einmal im Rahmen einer glücklichen Ehe stressfrei. Bei Trennung im Streit wird es sicher nicht einfacher. Zwar stöhnen viele Mütter unter der täglichen Last – Aufgaben abzugeben fällt ihnen aber auch nicht leicht. Mal Hand aufs Herz, liebe Mamis, wie oft schon habt ihr etwas selbst erledigt mit den Kindern, weil Papa das ja „nicht richtig“ macht? Väter erziehen anders als Mütter, das ist kein Problem, sondern Vielfalt. Genau genommen ist es sogar unbezahlbar und unersetzlich, wenn ein Vater sich um seine Kinder kümmert. Ein Sprichwort sagt, er sei der erste Held eines Sohnes und die erste Liebe einer Tochter.

Ich muss gestehen, es ist eine harte Schule, zu erkennen, dass man als Mutter sogar zu ersetzen ist. Dass die Kinder zu Hause mit Papa Spaß haben, während man selbst bei der Arbeit ist, oder dass man gar nicht vermisst wurde, während man weg war. Eine tägliche Erfahrung von Vätern, die man erst zur Kenntnis nimmt, wenn man es als Mutter einmal selbst erlebt. Da haben wir also jahrelang gefordert, dass sich die Väter einbringen, aber wenn sie es tun, schmerzt es zu sehen, dass Papa das Lieblingsessen auch kochen kann und es den Kindern womöglich noch besser schmeckt.

Ein Graben zwischen den Geschlechtern

Mit zunehmenden Trennungs- und Scheidungszahlen wächst auch die Zahl der getrennten Väter, die aber um ihre Zeit mit den Kindern oft kämpfen müssen. Familiengerichte und Jugendämter stehen in der Regel auf der Seite der Mütter und die vorherige Rolle der Väter als Ernährer der Familie schlägt nach der Trennung oft wie ein Bumerang zurück. Denn daraus resultiert die Bewertung, dass die Kinder ja eher an die Mutter gewöhnt sind, sie ergo mehr Zeit mit den Kindern zugesprochen bekommt. Unzählige unglückliche Vätergeschichten habe ich in den vergangenen Jahren mitgeteilt bekommen. Typischer Satz ist: „Ich würde die Kinder ja häufiger nehmen, aber sie will nicht.“

Manche tragen ihre persönlichen Familiengeschichten inzwischen verzweifelt in sozialen Netzwerken zur Schau. Jedes positive Wort über Mütter quittieren sie mit dem Vorwurf, man habe die Väter nicht extra erwähnt. Dies sei wieder typische Frauenpropaganda oder gar Männerhass, wenn man Mütter lobt. Einer schickte mir sogar eine selbstverfasste, juristische Abhandlung darüber, wie man „Samenraub“ strafbar machen könnte. Er war einer von jenen, die zwar zahlen müssen, aber die Kinder nicht sehen können. Viele dieser Väter sind nahezu radikalisiert. Ihre schlechten Erfahrungen mit den Kindsmüttern treibt viele zu Hass auf alles Weibliche. Das darf uns als Frauen nicht gefallen, es ist kein Sieg über die Männer, sondern ein Ausheben des Grabens zwischen den Geschlechtern. Und ihre Zahl wächst.

Wir haben als Frauen unseren berechtigten Zugang zu Männerdomänen gefordert. Wir erwarten, dass sie still beiseite treten in Wirtschaft und Politik, schließlich haben wir auch das Recht, erfolgreich Karriere zu machen. Sie sollen gefälligst ihre Macht- und Kompetenzbereiche teilen, notfalls setzen wir es mit Frauenquoten durch. Doch wo teilen wir als Frauen? Sind wir bereit, den Machtbereich Familie und vor allem Kinder paritätisch zu teilen? Man kann von Frauenseite nicht einfach fordern, dass sich Väter bitte schön mehr einbringen sollen, andererseits aber keine Kompetenzen, Rechte oder finanzielle Sicherheit abgeben.

Das ist hart in der Erkenntnis, wäre aber fair.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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