Der Sicherheitsmythos soll Ängste vertreiben. Ken’ichi Mishima

„Pöbeln, beleidigen, bedrohen – alles im Namen der Toleranz“

Mit „Dann mach doch die Bluse zu“ hat sie 2013 den „Social Media“-Hit gelandet. Wir sprechen mit unserer Kolumnistin Birgit Kelle darüber, wie es ist, plötzlich selbst Gegenstand einer Debatte zu sein, und wie sie es mit der politischen Korrektheit hält.

The European: Frau Kelle, woran denken Sie bei dem Satz: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen?“
Kelle: Ich benutze den Satz nicht.

The European: Warum?
Kelle: Entweder ich sage etwas, oder ich sage es nicht. Wer ist denn auch bitte schön die Instanz, die darüber entscheiden darf, was man denn nun sagen darf und was nicht?
Jeder, der die Phrase „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen …“ heute noch benutzt, wird übrigens sofort in die populistische Stammtisch-Ecke gestellt, wahlweise an den politisch korrekten Pranger.

The European: Mit Ihrem Text „Dann mach doch die Bluse zu“ haben Sie offensichtlich sehr vielen Menschen aus der Seele gesprochen.
Kelle: Allerdings und es hat mich selbst ziemlich überrascht. Ich hab ja nichts anderes gemacht als sonst auch: Einfach mal spontan meine persönliche Meinung aufgeschrieben. Offensichtlich war ich damit in einer gewaltigen Mehrheit im Land, die bislang nicht das Gefühl hatte, das öffentlich sagen zu können.

„Ich teile gerne aus, da muss man auch einstecken können“

The European: Was war das?
Kelle: Jeder Mann, der den sogenannten #aufschrei kritisierte, stand sofort in der Macho-Ecke, jede Frau bei den Verräterinnen. Insofern war es wie ein kollektives Aufatmen bei vielen, dass sie mit ihrer Meinung doch nicht so alleine sind, wie sie dachten. Ein Durchbruch der Schweigespirale. Bis heute enthalten übrigens die Hälfte aller Zuschriften, die mich erreichen, die Zeile: „Sie sprechen mir aus der Seele“.

The European: Zuvor waren Sie in der Rolle der journalistischen Kommentatorin, wurden dann als „konservative Mutter“ …
Kelle: … da haben Sie aber eine der hübscheren Umschreibungen meiner Person rausgesucht, es finden sich ja durchaus deutlichere Charakterisierungen …

The European: Sie wurden jedenfalls plötzlich selbst Gegenstand der Debatte. Wie haben Sie diesen Wandel erlebt?
Kelle: Daran muss man sich wohl gewöhnen, wenn man öffentlich klare Positionen hält. Ich teile ja auch gerne aus, da muss man bis zu einem gewissen Grad auch einstecken können. Um also noch mal auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen, was man noch sagen darf.

The European: Ja?
Kelle: Alles! Aber legen Sie sich ein dickes Fell zu und hängen Sie nicht zu sehr an Ihrem Job, wie die Debatte um Mozilla-Chef Eich gerade gezeigt hat. Es ist also gut, wenn man sich seine Meinungsfreiheit leisten kann. Gerade in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter tobt ein wahrer Mob, der oft hinter anonymen Profilen pöbelt, beleidigt, teilweise droht – alles natürlich im Namen der Toleranz. Für mich erstaunlich war, wie wenig differenziert solche Menschen reagieren.

The European: Was ist typisches Verhalten?
Kelle: Sie hören gar nicht zu, wollen gar keine Argumente tauschen, sie wollen mich einfach nur hassen. Gängiges Stilmittel ist dabei, mir falsche Zitate in den Mund zu schieben, mir Meinungen zu unterstellen. Ich könnte ein Heer von Anwälten beschäftigen, um alles wieder gerade zu rücken, aber dann denk ich – was soll man sich aufregen, da back ich lieber Kuchen für meine Kinder, passt auch besser zum Klischee.

„Wer abweicht, wird nicht sachlich widerlegt, sondern sozial geächtet“

The European: Hat die Debatte um Sie Ihre Sicht auf die Medien und die Öffentlichkeit verändert?
Kelle: Es hat mir bestätigt, dass es oft eine große Diskrepanz gibt zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Ich stelle fest, wir reden viel von Toleranz, die meisten bringen aber kaum welche auf, wenn man ihnen nicht sofort zustimmt. Ich stelle fest, dass wir oft nicht mehr Sachfragen diskutieren, Argumente tauschen oder widerlegen, sondern stattdessen die Überbringer der Nachricht köpfen. Hat ein bisschen was vom alten Rom.

The European: Gibt es den typischen Debattenverlauf?
Kelle: Zu den meisten politischen Themen gibt es immer recht schnell eine einzige, tolerierte Meinung. Wer abweicht, wird nicht sachlich widerlegt, sondern sozial geächtet. Nehmen Sie nur mal diesen Waldschlösschen-Appell: Da definieren eine Handvoll Leute, was man zum Thema Homosexualität denken und sagen darf. Wer nicht uneingeschränkt zustimmt, wird als Homo-Hasser gebrandmarkt. Da definieren eine Handvoll Frauen, was Feminismus ist und wer nicht mitzieht, ist „Antifeministin“ – übrigens ebenfalls einer meiner Titel. Die Themenliste ließe sich ausweiten …

The European: Denken Sie heute beim Schreiben mehr darüber nach, was eine Aussage für einen Einfluss auf Ihr Image haben könnte?
Kelle: Welches Image habe ich denn? Allein dazu gibt es geteilte Meinungen, von denen, die mir zustimmen und denen, die mich furchtbar finden. Und dann gibt es noch meine ehrliche Selbsteinschätzung, die ich aber aus Imagegründen nicht verrate. Das Schlimme ist, ich brauch in der Regel gar nicht darüber nachdenken, was die eine oder andere Aussage für eine Reaktion auslöst.

The European: Warum?
Kelle: Ich weiß es schon vorher! Es ist ja nahezu berechenbar geworden, bei welchem Thema man schon beim ersten Wort Schnappatmung auslöst. Ich kann Ihnen allerdings verraten, wenn Sie den Punkt überschritten haben, es allen recht machen zu wollen, lebt es sich viel einfacher.

The European: Haben Sie eine Meinung schon mal nicht öffentlich gemacht, weil sie nicht zu Ihrem Image passt?
Kelle: Und da wollen Sie jetzt eine ehrliche Antwort?

The European: Natürlich!
Kelle: Eigentlich ist es ganz banal: Bevor ich mich als Raucherin über das Rauchverbot in Kneipen öffentlich aufgeregt habe, hab ich noch mal eine Nacht darüber geschlafen. Es gibt ja doch einige, die sehen mich als eine Art Übermutti, umweht wahlweise von Weihrauch oder alternativ dem Duft von frisch gebackenem Apfelkuchen. Rauchen passt da ganz schlecht ins Image und es ist auch noch ein furchtbares Vorbild für meine Kinder. Die schimpfen auch mit mir, aber wenigstens ein Laster braucht der Mensch ja auch.

The European: Wenn Sie in politische Talkshows eingeladen werden, verengt man Sie gerne auf eine bestimmte Rolle. Ist es ein Problem der politischen Debatte, dass nur noch mit Klischees gearbeitet wird?
Kelle: „All the world’s a stage, and all the men and women merely players“ – Shakespeare, den hatten wir einst in Baden-Württemberg als Pflichtlektüre. Will sagen: Jedes gute Theaterstück braucht verteilte Rollen, das ist bei Shakespeare nicht anders als bei Plasberg.

„Sie warf mir also vor, ich sei nett“

The European: Wie sehen Sie Ihre Rolle?
Kelle: Mir wird immer die Rolle der konservativen Spaßbremse zugeteilt und manche sind dann irritiert, wenn ich nicht als graue Maus mit Küchenschürze auftauche. Es ist ja auch viel einfacher, andere einfach in eine Schublade zu stecken, anstatt ihnen erst mal zuzuhören oder sie gar kennenzulernen. Wenn jemand aber wild entschlossen ist, sich sein Klischeebild nicht ausreden zu lassen, können Sie machen, was Sie wollen, die bleiben dabei. Dass muss so eine Art selektive Wahrnehmung sein. Großes Kino war neulich die Diskussion mit der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Sächsischen Landtag.

The European: Was war passiert?
Kelle: Sie warf mir nach meiner Rede vor, ich würde so locker und amüsant reden, ich käme so sympathisch rüber – sie warf mir also vor, ich sei nett. Es wäre ihr lieber gewesen, ich wäre verbiestert und anklagend gewesen, dann hätte sich ihr Klischee voll erfüllt, so betrachtet sie mich wie einen Wolf, der Kreide gefressen hat.

The European: Sehen Sie in Deutschland Tabus: Die Debatte um Political Correctness betrifft auch immer wieder Ihre Arbeit. Wie ist Ihre Beziehung zu dem Wort?
Kelle: Noch ist es ja nicht verboten, seinen eigenen Verstand zu benutzen, insofern: Political Correctness existiert nur für jene, die sich ihr unterwerfen. Ich sehe nicht ein, dass wir die Deutungshoheit über diverse Themen kleinen Minderheiten überlassen, die sich öffentlich zu Rädelsführern aufgeschwungen haben und uns erklären, was wir noch sagen, wie wir uns ausdrücken oder was wir noch denken dürfen. Themen gibt es genug, mit denen Sie sich sofort Feinde machen.

The European: An was für Themen denken Sie da?
Kelle: Argumentieren Sie mal für Atomenergie, dann sind Sie innerhalb von Sekunden ein „Klimaleugner“, wer gegen den Altfeminismus antritt und Männer auch für Menschen hält, ist „Antifeministin“, wer das Adoptionsrecht für Homosexuelle nicht befürwortet, ist „Homo-Hasser“, wer die Sexismusdebatte für übertrieben hielt, der war „Verharmloser“, wer Probleme mit manchen ausländischen Minderheiten anspricht, ist selbstredend ein „Nazi“. Gerade erst hat mich der EKD-Vorsitzende Nikolaus Schneider öffentlich kritisiert für meine Kritik an seinem hübschen neuen Studienzentrum für Genderfragen.

The European: Was haben Sie aus Schneiders Sicht falsch gemacht?
Kelle: Meine Meinung zu Gender-Mainstreaming ist für ihn „populistische Anbiederei“, mein Publikum hingegen „veränderungsunwillige konservative Kreise“. Ich werde mir aber auch weiterhin nicht von Gender-Aktivisten vorschreiben lassen, was ich noch wie schreiben darf und ich werde auch zukünftig nicht täglich meine Weiblichkeit infrage stellen. Ich bin ganz zufrieden mit meinem Leben als sexistische Stereotype; sprich: Mutter, Ehefrau und heterosexuell.

„Wer Denkverbote formuliert, ist am Austausch von Argumenten nicht interessiert“

The European: Karl Popper hat das Paradox der Toleranz so beschrieben: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.“ Das kann man für die Political Correctness verwenden: Wenn wir alles tolerieren, führt das automatisch zu Intoleranz, weil auch diese toleriert werden muss. Man kann es aber auch gegen die Political Correctness verwenden: Wenn wir anfangen, Denkverbote auszuschreiben, führt das am Ende auch automatisch zu mehr Intoleranz?
Kelle: Toleranz setzt zunächst voraus, dass ich überhaupt eine Meinung zu einem Thema habe, sonst kann ich ja gar nicht einer anderen Meinung gegenüber tolerant sein. Sprich: Es stehen sich zwei Meinungen gegenüber und Toleranz bedeutet, auszuhalten, dass man sich möglicherweise nicht einig wird. Daran hapert es derzeit.

The European: Woran machen Sie das fest?
Kelle: Heute gelten Sie bereist als intolerant, wenn Sie einfach nur bei Ihrer Meinung bleiben und Ihren Standpunkt sachlich verteidigen. Wer aber Denkverbote formuliert, ist an einem Austausch von Argumenten nicht mehr interessiert, selbst also intolerant jeder abweichenden Meinung gegenüber. Wobei sich Denkverbote ja nicht durchsetzen, die Gedanken sind frei, ich nehme an, Sie meinen eher Sprechverbote. Und so geht es letztendlich um die Verteidigung von Meinungsfreiheit in dieser Debatte. Was darf ich noch artikulieren, ohne Angst zu haben, in meinem beruflichen oder sozialen Umfeld ausgegrenzt zu werden?

„Zuschriften, die verletzend sein wollen, prallen ab“

The European: Und was darf man noch?
Kelle: Allein schon, wenn Sie überlegen, ob Sie Ihre Gedanken wegen drohender Konsequenzen noch aussprechen sollten, ist die Meinungsdiktatur bereits erfolgreich.

The European: Wo ziehen Sie persönlich die Grenze?
Kelle: Ich halte unsere freiheitliche demokratische Grundordnung für einen fantastischen Rahmen.

The European: Zum Abschluss: Was war das Tief in Ihrer persönlichen Debatte?
Kelle: Ärgerlich finde ich es, wenn selbst etablierte Medien es nicht schaffen, mich wahrheitsgemäß zu zitieren. Die Zuschriften, die verletzend sein wollen, prallen allerdings ab. Das ist oft schon so blöde, dass es fast lächerlich wird. Zuletzt nannte mich ein Leser „Katholikennutte“ und reiht sich damit ein in Zuschriften wie „Du bist unfickbar“, „ewiggestrige dumme Kuh“, ich hätte „Haue verdient“, der Klassiker: „Hexe“, ich sei „die Nichte des Teufels“, eine „Talentdetonation der Dummheit“, wahlweise eine „dümmliche CDU-Bratze“ und natürlich jemand, dem man „das Maul stopfen“ müsse. Also ein buntes Potpourri an tolerantem Denken.

The European: Und was war das Hoch?
Kelle: Dem steht etwa ein Zehnfaches an Zuschriften gegenüber, die mir zustimmen, sich bedanken und, was mich immer wieder berührt, weil es so persönlich ist, die für mich beten.

Die Fragen stellte Thore Barfuss.

Das Gespräch ist Teil einer Gesprächsreihe zur Debattenkultur in Deutschland. Bisher erschienen sind Rainer Brüderle, Thilo Sarrazin und Jörg Kachelmann.

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