Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Ingeborg Bachmann

Was kommt, wenn Familie geht?

Früher lernte man es anhand von Geschwistern. Nebenbei. Heute werden Babys in Schulen gebracht, um Kindern Empathie, Rücksichtnahme und emotionale Intelligenz beizubringen. So weit ist es schon gekommen.

An einer Bremer Oberschule werden in einem neuen Projekt seit vergangenem November Babys als Empathie-Trainer eingesetzt. Einmal im Monat kommt ein Säugling mit seiner Mutter in die Schulklasse auf Besuch. Es sind Schulen in sozialen Brennpunkten. Die Kinder haben es oft nicht einfach. Sie spielen mit dem Baby, beobachten, wie es von Monat zu Monat wächst, wie es sich entwickelt, was es Neues dazugelernt hat.

Beobachten Stimmungsschwankungen, lernen zu deuten, was das Kind will, Gesichter lesen, was ihm gefällt, was es nicht mag. Die Klassen freuen sich auf den Besuch, die Lehrer berichten über große soziale Erfolge. Selbst die größten Rabauken der Klassen schmelzen demnach wie Butter in der Sonne, sobald ein Baby sie anlacht. Initiiert hat das Projekt die Organisation „Roots of Empathy“ aus Kanada, die das Projekt inzwischen in zahlreiche Länder weitergetragen hat. Kostenfaktor allein für das Bremer Projekt: 100.000 Euro.

Familienersatzstücke überall

Nein, ich will das nicht schlechtreden. Wenn es hilft, Kinder verstehen zu lassen, wie ihre Mitmenschen denken, wie sie fühlen, was sie brauchen, wie man am nettesten miteinander umgeht, dann ist das gut. Es gibt aber zu denken, dass wir so etwas überhaupt brauchen an unseren Schulen, in unserer Gesellschaft. Offenbar schreitet die Zerstörung der Familie schneller voran, als man glaubt. Nun bringen wir Familienersatzstücke in die Schule, um den Kindern Erfahrungen zu vermitteln, die sie früher ganz nebenbei in den eigenen Familien gehabt hätten. Heute nicht mehr.

Und man könnte einwenden, es sei ein bisschen übertrieben, sich so viele Gedanken über ein paar Babys in ein paar 5. Klassen zu machen. Leider ist es aber nur ein weiteres Stück in einem großen Puzzle, das sich als Konzept inzwischen durch unsere gesamte Familien- und Gesellschaftspolitik zieht. Dass wir Familie schlechtreden, ihre Mitglieder als austauschbar bezeichnen und dann mühsam Ersatz schaffen – mit in der Regel hohem finanziellen Aufwand – um das Verlorengegangene künstlich wieder aufzubauen.

Wir arbeiten also nicht daran, das Bewährte zu stärken, sondern schaffen lieber Ersatzstrukturen, die aber doch immer nur das sein werden, wie der Name es schon sagt: Ersatz für das fehlende Original. Doch was kommt, wenn Familie geht?

Wir lagern Familie aus

Die Mutter soll heute nicht mehr zu Hause sein, sondern berufstätig, dafür haben wir jetzt Tagesmütter, die wir bezahlen. Die Väter fehlen zunehmend in den Familien, es gibt immer weniger männliche Vorbilder, dafür haben wir jetzt das Programm „Mehr Männer in die Kitas“. Die Kinder haben keine Geschwister mehr, dafür sollen sie jetzt Sozialkompetenzen in der Krippe und in Spielgruppen aller Art lernen. Familien essen immer weniger gemeinsam an einem Tisch, dafür wird das jetzt in kleinen Tischgruppen in der Ganztagsschule vollbracht. Kinder lernen nichts mehr über Lebensmittel und ihre Zubereitung, weil zu Hause keiner mehr Zeit zum Kochen hat, dafür machen wir jetzt Ernährungs- und Kochkurse in der Schule. Die Kinder kennen immer weniger die Großfamilie, dafür bauen wir jetzt Mehrgenerationenhäuser. Die Kinder kennen keine Großeltern mehr, dafür gibt es jetzt Leihopas und Leihomas, die man engagieren kann. Die Kinder haben zu Hause keine Vorbilder mehr bei berufstätigen Eltern, dafür gibt es jetzt Benimm-Unterricht in der Schule.

So lagern wir Stück für Stück bisherige familiäre Erziehung und soziales Lernen und damit eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit in die Kindergärten und Schulen und somit an den Staat aus.

Mit Schuldzuweisungen ist es dabei wie mit dem Huhn und dem Ei. Sind die Eltern schuld, wie manche meinen und wie man von inzwischen zu Recht überforderten Lehrern immer wieder hört? Weil sie weniger erziehen, weniger Kinder bekommen und somit ihren Kindern etwas vorenthalten, was die Schule nun nachholen und nachbessern muss? Oder ist der Staat schuld, der die Eltern immer früher und immer länger in die Berufstätigkeit drängt, sodass die Eltern, selbst wenn sie wollen, gar keine Zeit mehr für die Erziehung haben und es somit oft gänzlich unterbleibt? Wir haben ja nicht so sehr das Problem mit schlecht erzogenen Kindern, sondern eher mit nicht erzogenen Kindern. Kann man es den Eltern überhaupt übel nehmen, wenn man gesellschaftlich ständig erklärt bekommt, man mache alles falsch und Erziehung und Bildung funktioniere am besten in „professionellen Händen“, dass sie teilweise selbst nicht mehr daran glauben, dass es gut oder gar richtig ist, was sie selbst tun? Ist es nicht irre, dass wir den heimischen Herd verteufeln und schlechtreden, um dann auf allen Sendern in TV-Shows zu kochen und in Schulen Lebensmittel zu verkosten?

Autorität als Mutter zu Hause

Gerade soziale Kompetenzen können jedoch nur schwer als Unterricht vermittelt werden. Anständiges Benehmen bei Kindern, Rücksichtnahme, Pünktlichkeit, Geduld, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit, Empathie, Toleranz – so etwas lässt sich nicht theoretisch vermitteln, es muss praktisch und in ständiger Wiederholung mühsam erlernt werden. Das ist anstrengend, zeitaufwendig und nervenaufreibend. Für Eltern und Kinder. Denn diese Werte leben vom Vorbild und nicht vom Frontalunterricht. Kinder lernen durch Nachahmung, durch Authentizität. Nichts untergräbt meine Autorität als Mutter zu Hause mehr, als dass ich mich selbst nicht an Regeln halte, die ich meinen Kindern aufzwinge. Sie müssen es erfahren, dass wir alle freundlich miteinander umgehen. Sie müssen das Streiten und wieder Versöhnen üben, ohne dass deswegen gleich ein zäher Stuhlkreis beim Direktor droht.

Sie müssen lernen, Kompromisse zu machen, mit denen alle irgendwie zufrieden sind, auch wenn man nicht alles bekommt, was man wollte. Kernkompetenz jedes politischen Handelns. Sie müssen sehen, dass auch Mama und Papa aufräumen, um zu verstehen, dass es unhöflich ist, seine Sachen liegen zu lassen. Man muss auch zu ihnen bitte und danke sagen, damit sie im gleichen Tenor antworten. Sie müssen erfahren, dass man auch etwas falsch machen kann und dass einem verziehen werden kann, dann können sie auch verzeihen. Sie müssen lernen, zu teilen, damit genug für alle da ist und niemand außen vor steht. Kernkompetenz Fairness. Sie müssen lernen, dass jüngere Geschwister manchmal länger brauchen und dass man ihnen helfen muss, beim Schuheanziehen, dann können alle gemeinsam pünktlich los. Sie müssen Rücksicht nehmen, Geduld aufbringen, sich zurücknehmen, wenn es in einer Familie funktionieren soll. Und ganz nebenbei lernen sie, dass jeder Mensch unterschiedlich ist, aber dennoch gleich viel Wert. Kernkompetenz Toleranz.

Kernkompetenz Mitmenschlichkeit

Ich erinnere mich noch an das Entsetzen meiner ältesten Tochter, als ich ihr auf Nachfrage mit elf Jahren erklärt habe, was Abtreibung bedeutet. Sie hatte zwei ihrer drei Geschwister bewusst bereits in meinem Bauch aufwachsen sehen. Zu Hause, nicht in der Schule. Sie hat sich über kleine Finger auf dem Ultraschallbild gefreut. Sie hat es strampeln gefühlt durch den Bauch. Es hat sie entsetzt, dass wir ihre beiden Brüder, ihre Schwester und auch sie selbst hätten töten dürfen, wenn wir sie nicht gewollt hätten. Auch das lernt man mit Geschwistern. Dass alle willkommen sind, auch wenn der Platz langsam eng wird. Kernkompetenz Mitmenschlichkeit.

Ich sehe, wie die großen Brüder im Angesicht ihrer kleinen Schwester genauso wie Butter in der Sonne schmelzen, wie es die Rabauken in der Bremer Oberschule tun. Wie sie automatisch langsamer und deutlicher mit ihr sprechen, damit sie es gut versteht. Wie sie sie heimlich gewinnen lassen beim Kartenspielen, weil sie wissen, dass sie sonst traurig ist, aber auch nicht will, dass man sie offensichtlich gewinnen lässt. Kernkompetenz Einfühlungsvermögen.

Ich sehe, wie sich die Kinder gemeinsam verschwören, wenn sie etwas haben wollen, wovon wir Eltern nicht begeistert sind. Wie jeder mit seinen individuellen Waffen für die Sache kämpft und sie am Schluss gemeinsam gewinnen. Kernkompetenz Teamfähigkeit.

Unsere Gesellschaft wird ärmer werden

Ich sehe, wie sie sich manchmal in den Ferien alle in einem Zimmer zum Schlafen auf Matratzen zusammenrotten, obwohl sonst ständig die Diskussion über eigene Zimmer im Raum steht. Und dabei schmelze ich dann wie Butter in der Sonne. Kernkompetenz Liebe.

Was kommt, wenn Familie geht? Die Einheits-Erziehung in Kindergärten und Schulen? Und nach welchem Wertekanon wird dort vorgegangen? Unsere Gesellschaft wird ärmer werden. Und während wir doch so unglaublich viel Wert legen auf Toleranz auf Vielfalt, auf Multikulti, fragt man sich, wo denn die Vielfalt noch herkommen soll, wenn alle einheitlich groß werden. Wie und wo Vielfalt noch gelernt und gelebt werden kann.

Ohne Familie wird unsere Gesellschaft ärmer werden. Ärmer an Zuwendung, ärmer an Mitgefühl, ärmer an Toleranz, ärmer an Liebe.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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