Niemand wird als Abgeordneter geboren. Florian Bernschneider

Sind wir nicht alle ein bisschen Betty?

Christian Wulff trat zurück, stürzte ab, er ist kein Alphatier mehr. Und nicht der erste ältere Mann, dem deshalb die junge Gattin davonläuft. Wir Frauen sind nun mal so.

Früher als Teenager hing ich immer auf dem örtlichen Skateplatz herum. Dort gab es die coolsten Jungs. Sie waren lässig, die meisten kifften, was wir damals auch noch cool fanden und abends wurde Bier gereicht auf dem dunklen Festplatz rund um die Halfpipe. Natürlich waren wir in diejenigen verknallt, die am besten skaten konnten, schon einen Sponsor hatten oder zumindest das Sagen in Gruppe. Die Alphatiere. Die Jungs nannten uns Mädels, die dort rund um die Halfpipe saßen „Bettys“. Bettys, das sind so was wie Groupies, bloß nicht für Rockstars, sondern für Skater.

20 Jahre später stand ich im Abendkleid auf einem Empfang auf dem Petersberg in Bonn. Ich weiß nicht mehr, was an wen verliehen wurde, aber der Champagner war wie immer gut. Neben mir in der Menge im dunklen Nadelstreifendreireiher und mit obligatorischer Wollmütze auf, ein Held meiner damaligen Skater-Jugend: Titus Dittmann. Eigentlich Skater-Gott, im Zweitleben heute anerkannter Geschäftsmann. Und weil man als Journalistin nie schläft, sprach ich ihn an, und bat spontan um ein Interview. „Ich bin das, was ihr früher eine Betty genannt habt“, stellte ich mich vor. Und er antwortete: „Schön zu sehen, was aus Bettys alles werden kann.“

Ja, aus Bettys wird manchmal allerhand, manche werden Bundespräsidenten-Gattin. Und auch wenn ich nicht weiß, ob Bettina Wulff früher auch auf Skateplätzen rumhing, so lässt sich doch zumindest im Namen eine frappierend gleiche Affinität zu Männern mit Macht beobachten. Und deswegen wissen wir auch: Bettina Wulff ist einfach eine ganz normale Frau.

Ich Tarzan, du Jane

Sie hatte ihn sich geholt. Sie die alleinerziehende Mutter mit Kind. Er der aufstrebende Star am Polithimmel. Das Alphatier der CDU Niedersachsen, damals noch mehr oder minder gut verheiratet, aber zumindest doch auf dem Papier verehelicht und mit Kind. Ja, es hat eine ganz besondere Anziehungskraft auf Frauen, wenn ein Mann entweder Geld oder Macht, alternativ beides hat. Er muss nicht einmal gut aussehen dafür. Oder glaubt irgendjemand, dass Silvio Berlusconi mit inneren Werten bei seiner 28-jährigen Verlobten gepunktet hat? Oder dass die Playboy-Bunnys von Hugh Hefner ihn mit seinen 86 Jahren einfach nur unwiderstehlich sexy finden, so als Mann? Nein, es ist das alte Schema, das sich weltweit wiederfindet. Das Schema, wonach Frauen immer nach oben heiraten, oder es zumindest versuchen. Ich Tarzan, du Jane. Das Schema, das Feministinnen rotieren lässt. Denn ob nun bewusst oder unbewusst, Frauen suchen nach einem Versorger für ihre Kinder, nach jemandem, zu dem sie aufblicken können, der etwas anzubieten hat. Macht, Geld, Prestige, Kontakte, was auch immer. Es macht sexy.

„Du brauchst einen Job, ein Auto und eine Wohnung“ – den Tipp erhielt ein alter Freund von mir mit wenig Glück bei Frauen einst von seinem Vater. Er hat es beherzigt und wenige Monate später zog die erste Schönheit in seine Wohnung gleich mit ein. Emotional hat sie ihn knappgehalten, aber er konnte mit ihr angeben.

Und deswegen ist Bettina Wulff eben auch nur eine ganz normale Frau. Einst hatte ihr Christian Macht, Geld und Prestige. Er war eine gute Beute, auch wenn Männer immer noch in der Regel glauben, sie wären tatsächlich selbst die Jäger bei dem Spiel gewesen. Heute hat er keines davon mehr und sie ist weg. Nahezu eine logische Konsequenz der Evolution. Machen Sie sich nichts draus, Herr Bundespräsident a.D., Sie sind nicht der Erste, dem das passiert. So sind wir Frauen nun mal. Wenn auch nicht alle und auch nicht immer, aber es steckt doch in jeder von uns heimlich ein bisschen Betty. Man kann es auch positiv betrachten: Wir spornen euch Männer doch an, höher, schneller, weiter zu kommen, und sei es nur, weil ihr uns doch gefallen und beeindrucken wollt. Denn leider ist nichts weniger sexy, als den Mann, den man für einen Helden hielt, als Versager zu sehen.

Die Leiden der Bettina W.

Wir werden nie ganz erfahren, was bei Familie Wulff das i-Tüpfelchen über dem Aus war. Natürlich ist immer viel Spekulation im Spiel, wenn ein Paar sich trennt und das Umfeld nach den Ursachen sucht. Da haben wir es bei Familie Wulff zumindest insofern ein bisschen einfacher, als uns die Dame des Hauses durch ihr Buch schon 2012 selbst Einblick gewährt hat in ihr Seelenleben. Seither wissen wir ziemlich viel aus der Kategorie „Was Sie niemals über Ihr Bundespräsidentenpaar wissen wollten“. Wir wissen, dass ihr Mann gegen das Buch war, was man absolut verstehen kann, wenn man liest, wie sie über ihren Mann schreibt. Wir wissen von der Ehetherapie und vor allem über das allgemeine Unverstandensein der Bettina W. als Bundespräsidentengattin im Allgemeinen und Ehefrau im Besonderen.

Ja, sie hat es auch nicht leicht gehabt. Da musste sie doch quasi aus dem Nichts eine öffentliche Beziehung anfangen mit einem verheirateten Spitzenpolitiker, der dann auch noch die Frechheit besaß, sich zur Wahl als Bundespräsident zu stellen. Damit folgte weitere Schmach: Empfänge auf Schloss Bellevue, der Titel „First Lady“, Designerklamotten, Promi-Partys, Reisen in die ganze Welt. Ja, man konnte auf den Fotos der Boulevard-Presse deutlich sehen, wie sehr Bettina Wulff unter diesem Leben gelitten haben muss. Entsprechend fällt die Häme aus.

Manche Kommentatoren haben sich sogar zu Spekulationen hinreißen lassen, dass Wulff das alles mit seiner Ehefrau Nr.1 nicht passiert wäre und die Betty an allem schuld sei. Weil sie ihn doch so gedrängt habe und immer mehr wollte. Das ist natürlich alles Macho-Bullshit. Niemand hat Christian Wulff gezwungen, seine erste Ehefrau zu betrügen, sie zu verlassen und seinen zweiten Frühling öffentlich abzufeiern inklusive Zeugung eines Sohnes. Solang es gut lief, gefiel er sich doch ganz gut in der Rolle des smarten Politikers mit der hübschen jungen Frau. Und er würde sich auch heute noch darin gefallen, wenn sie immer noch mitspielen würde. Tut sie aber nicht.

Nur in guten Zeiten

Denn jetzt läuft es eben nicht mehr gut. Und die Trennung der Familie Wulff bietet dazu vermutlich ganz unfreiwillig erstklassiges Anschauungsmaterial darüber, was mit einem Paar passiert, das außer Macht und Geld nicht viel zusammenhält. In guten und in schlechten Zeiten wurden früher Ehen geschlossen. Die Wenigsten denken über den zweiten Teil des Satzes nach im Moment der Eheschließung. Mit Schmetterlingen im Bauch hat man keine Zeit für die Überlegung, was denn ist, wenn nichts mehr so ist, wie es war. Vielleicht ist das sogar gut so. Gleichzeitig sind es aber gerade die schlechten Zeiten, die ganz dunklen Stunden, die einem recht gut zeigen, was man an einem Partner hat, oder eben auch nicht. Als Christian Wulff im Schloss Bellevue seinen Rücktritt bekannt gab, stand seine Ehefrau weit von ihm entfernt neben dem Pult. Sie habe das ganz bewusst gemacht, gab sie später in ihrem Buch zu Protokoll, um sich als eigenständige Frau darzustellen. Ihr Mann ist am Ende und ihr Hauptgedanke ist, wie sie selbst dabei aussieht.

Nein, im Moment seines größten Scheiterns wollte Bettina Wulff nicht an seiner Seite oder gar hinter ihm stehen, sondern am liebsten aus dem Bild rutschen. Sie hat sich schon damals von ihm getrennt.

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