Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskraft der Märkte. Josef Ackermann

Eier, nicht Weicheier

Diese neuen Männer sind ja irgendwie auch nett. Sie tragen schicke dunkle Retro-Brillen, Ringelpullover, metrosexuelle Schals, können total gut zuhören, aber wo sind die echten Kerle hin?

Gut, ich gebe zu, wir haben es nicht anders gewollt. Jahrelang haben wir gefordert, sie sollen sich ändern. Sie sollen mehr Verständnis aufbringen, mehr reden, uns verstehen, einfühlsam sein. Ihre weibliche Seite herauskehren. Natürlich sollen sie uns ernst nehmen und nicht nur auf unsere äußeren Geschlechtsmerkmale starren, auch wenn wir diese mehr denn je gut in Szene setzen. Wir wollen immer noch zu ihnen hinaufsehen können, sie dürfen aber nicht auf uns herabblicken. Also sind wir Frauen nicht ganz unschuldig daran, wenn sich die Suche nach dem echten Kerl, den viele trotzdem finden wollen, immer schwieriger gestaltet.

Willkommen in der Biologie

Geändert haben sich die Männer definitiv, aber sind sie nun so, wie wir sie haben wollten? Wissen wir überhaupt genau, wie der perfekte Mann sein soll? Und wenn wir es nicht wissen, wie soll er wissen, wie er zu sein hat? Es ist nicht Schuld der Männer, dass wir uns zwar mit dem Philosophen prächtig unterhalten, anschließend aber dennoch zu dem Vollpfosten ins schicke Auto steigen. Geht es um die Paarung, sind wir nämlich trotz Gleichstellungsbeauftragten immer noch Primaten. Und so ergibt sich das Dilemma, dass Frau zwar glaubt, nach dem neuen Mann zu suchen, die alten Haudegen aber eine deutlich höhere Anziehungskraft auf sie besitzen, als ihr klar oder gar lieb ist. Willkommen in der Biologie. Die neuen Rollen sind noch nicht gefunden, weder bei der Frau noch beim Mann. Das eine bedingt aber das andere.

Ganze Verlagsgruppen verdienen immer noch prächtig mit der ewig neu diskutierten Frage, wie Frau den einen, richtigen „Mr. Big“ fürs Leben aus dem breiten Angebot fischt. Unsere Ansprüche als Frauen sind gestiegen, wir sind kompromissloser geworden. Im Gegenzug binden sich Männer aber auch nicht mehr so schnell, sie ziehen immer später aus dem Hotel Mama aus – deutlich später als die jungen Frauen – und lassen sich Zeit mit der Familiengründung, ihnen läuft ja auch nicht die biologische Uhr weg.

Es ist die schleichende Angleichung der Geschlechter, die nicht nur den Mann verändert hat, sondern auch die Frau. Die Männer werden weiblicher und die Frauen männlicher. Angefeuert durch das Mantra des Gender Mainstreaming, wonach wir alle gleich sind und uns unser Geschlecht nur anerzogen wurde, sind die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht einfacher, sondern verwirrender geworden. Es ist schon abstrus, wenn in Coachings für Frauen in der Wirtschaft Tipps verteilt werden, wie Frau sich im männlich geprägten Umfeld am besten durchsetzt. Da kommen dann Ratschläge wie Hosenanzüge tragen und mit tieferer Stimme sprechen, damit Frau nicht piepsig rüberkommt. Manchmal vergisst man dann gar, dass man es mit einer Frau zu tun hat. Erinnern Sie sich noch an das Raunen, das durch die Republik ging, als Angela Merkel vor Jahren bei der Eröffnung der Osloer Nationaloper in tief dekolletiertem Abendkleid auftrat? Man hätte meinen können, so mancher hatte da erst begriffen, dass sie eine Frau ist. Weil man sie so nicht wahrnahm. Weil Frauen in der Politik sich bis dato den männlichen Konkurrenten anpassten. Weil sie hart waren, strategisch, machtbewusst – und wir diese Attribute nach wie vor als männlich einstufen, obwohl es hinlänglich Gegenbeweise gibt.

Ab und zu blitzt er noch durch

Im Umkehrschluss versuchen wir gerade aus den Jungs bessere Mädchen zu machen. Eltern mit Jungs in Kindergarten und Schule können ein Lied davon singen. Gruppenkonformes Verhalten ist dort inzwischen weibliches Verhalten. Alles, was dominierend und aggressiv rüberkommt, ist männlich schlecht. Alles, was empathisch und verständnisvoll wirkt, ist weiblich gut. Ein Junge, der schlägt, zeigt Dominanzgehabe, ein Mädchen, das schlägt, setzt sich durch. Bravo. Wurden männliche Schulhofrangeleien früher mit einer Standpauke und ein paar Pflastern erledigt, muss heute ein runder Tisch her und werden Eltern zum zähen Gespräch einbestellt. Die Vodafone-Stiftung hat sogar in einer Studie festgestellt, dass Jungs allein auf Grund ihres Geschlechtes durchweg schlechter benotet werden. Da werden beim Girls-Day Mädchen in männliche Berufe und neuerdings Jungs in Frauenberufe gedrängt. Und wenn man könnte, würde man vermutlich auch das Gebären von Kindern politisch auf Mann und Frau aufteilen. Gut, dass die Natur da schlauer ist.

Wenn man in die tägliche Berieselung der Werbung schaut, die ja gemeinhin als Spiegel der Gesellschaft Trends aufnimmt, so ist der angesagte Mann inzwischen ein anderer Typ als noch vor Jahren der Marlboro-Mann am Lagerfeuer. Ab und zu blitzt er noch durch (Danke.), der ganze Kerl, es dominiert aber der Typ mit Augenringen, der jetzt neue Cremes besitzt in der Men-Edition und er trägt taillierte, pinke Hemden. Ja sicher, er darf sich noch mit seinen Kumpels beim Fußballgucken vergnügen, wenn anschließend auch die Küche aufgeräumt wird. Und dann ist da noch weit verbreitet der Mann, der lächerlich gemacht wird. Der sich bei der Hausfinanzierung an den Kindermaltisch setzen darf, weil Mutti das jetzt alleine regelt. Der nix versteht, während sie den Durchblick hat. Ha ha, wie lustig. Es erstickt einem das Lachen im Hals. Ich bin wohl ursprünglich Teil der Zielgruppe, hat aber nicht ganz geklappt. Denn mal ehrlich Mädels: Wollt ihr tatsächlich mit einem Mann verheiratet sein, dem ihr nichts zutraut? Den ihr für blöder haltet als euch selbst? Das biologische Schema lässt sich nur schwer durchbrechen. Wir werden nicht höher, indem wir die Männer erniedrigen. Sie gefallen uns dann in der Regel gar nicht mehr.

Offensichtlich wird Gleichberechtigung oft mit Gleichmacherei verwechselt, anstatt sich mit dem Respekt für die Andersartigkeit zufriedenzugeben. Weil wir typisch weibliches und typisch männliches Verhalten verteufeln und negieren, anstatt es als Ergänzung zu betrachten. Weil wir uns zwar im Comedy-Programm von Mario Barth alle wiederfinden, es aber politisch höchst unkorrekt ist, im Geschlechterkampf mit der gleichen Biologie zu argumentieren. Weil wir uns dem Paradoxon hingeben, einerseits zu behaupten, dass Frauen alles können, was Männer können – wenn es uns Frauen nützt, aber andererseits gerne auf unsere exklusiv weiblichen, empathischen und teamfähigen Qualitäten verweisen. Ja was denn nun? Sind wir nun gleich oder unterschiedlich? Was ist eigentlich so schwer daran, Männer Männer sein zu lassen und Frauen ihre Weiblichkeit zu gönnen? Insofern wird es wohl erst dann wieder mehr echte Männer geben, wenn wir ihnen wieder mehr richtige Frauen bieten.

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