Wenn wir ein bisschen mehr schwäbische Hausfrau mit auf den Weg nehmen, dann können wir das System stabiler gestalten. Josef Ackermann

Falling Down

Ohne großes Aufsehen wurde diese Woche erstmals der Welt-Down-Syndrom-Tag begangen. Doch es gibt immer weniger Menschen mit sogenannter Trisomie 21. 90 Prozent von ihnen werden heute schon abgetrieben, ein neuer Bluttest kann jetzt dafür sorgen, dass es 100 Prozent werden.

Der 21. März ist nicht willkürlich gewählt. Es ist das 21. Chromosom, das diese Menschen nicht zweimal, sondern dreimal besitzen. In der Regel ist die Diagnose ein Todesurteil. Man darf hier durchaus von vorgeburtlicher Selektion von behinderten Menschen sprechen, denn faktisch ist es nichts anderes. Sie findet bloß nicht mit großem Tamtam oder gar Diskussion statt, wie etwa bei der PID-Debatte, die uns im vergangenen Jahr stark beschäftigt hat und öffentliches Aufsehen erregte.

Sollte der neue Bluttest wie geplant noch im zweiten Quartal 2012 auf den Markt kommen, wird es möglich, bereits in der 10. Schwangerschaftswoche durch einen kleinen Pieks mit nahezu 100-prozentiger Sicherheit das Down-Syndrom zu erkennen. Mediziner feiern dies als großen Erfolg, muss doch die bislang übliche Fruchtwasseruntersuchung inklusive ihrer lebensbedrohlichen Risiken nicht mehr durchgeführt werden. Dadurch könnten jährlich 700 Kinder gerettet werden, sagen die Mediziner. Die Frage ist, wie viele in direkter Folge jedoch sterben müssen.

Gesundheitliche Rasterfahndung

Entwickelt wurde der Test von dem Biotechunternehmen GATC Biotech AG (ein Tochterunternehmen der LifeCodexx AG), bezahlt wurde die Forschung dazu mit mindestens 230.000 Euro an Steuergeldern durch das Ministerium von Annette Schavan. Das gleiche Ministerium ist übrigens auch dafür zuständig, in unseren Schulen gerade diesen Kindern, die man hier hilft auszusortieren, durch inklusive Konzepte eine Teilnahme am normalen Unterricht zu ermöglichen.

Ich frage mich, wieso unser Staat Forschung unterstützt, die weder einen therapeutischen noch einen heilenden Aspekt hat, real aber dafür geeignet ist, Menschen mit Behinderungen schon vorgeburtlich einer Art Rasterfahndung auszusetzen, die dann in der Regel im Tod endet. Gleichzeitig ist auch in Deutschland seit März 2009 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Kraft, unterschrieben von der gleichen Regierung. Wir haben uns dort verpflichtet, die Menschenwürde dieser Personen besonders zu schützen, ihnen durch neue Inklusionskonzepte eine reale Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen und die unterschiedlichen Behinderungen, die Menschen haben können, im Sinne der Diversität als mögliche kulturelle Bereicherung wertzuschätzen.

Den Begriff „Diversity“ kennt man sonst nur aus der Geschlechterdebatte. Die verschiedenen möglichen sexuellen Orientierungen eines Menschen gelten als Heiliger Gral und sind durch Antidiskriminierungsgesetze geschützt. Bei Behinderungen hört aber offenbar der Spaß an der Vielfalt auf. Wie würde unsere Gesellschaft eigentlich reagieren, wenn es mit einem Bluttest möglich wäre, Embryonen auf Homosexualität oder Transsexualität zu untersuchen und dies eine 90-prozentige Abtreibungsquote nach sich ziehen würde. Alles easy? Mein Bauch gehört mir? Es ist ein Widerspruch, dass wir einerseits gesellschaftlich dafür einstehen, dass die Vielfalt der Geschlechter, der Religionen, der politischen Überzeugungen gelebt wird – wir aber die Vielfalt der körperlichen oder auch geistigen Verfassung der Menschen ausklammern.

Es ist übrigens auch ziemlich kurz gedacht. Das Pendel kann jederzeit zurückschlagen. Nicht behindert zu sein, ist kein Verdienst, sondern ein ungewürdigtes Privileg, das uns jederzeit genommen werden kann. Da reicht schon ein Autounfall und wir dürfen uns einreihen unter denen, die wir als vermeidbar deklariert hatten. Deren Existenz wir am Lebensanfang als nicht lebenswert, als Zumutung und zu hohe Belastung ausgewiesen haben – natürlich auch finanziell. Wie steht es in der Mitte oder gegen Ende des Lebens – gelten immer noch die gleichen Kriterien? Falls die Antwort ja ist, liegt das sozialverträgliche Frühableben nicht mehr weit weg. Wer heute Ungeborene durch den Rastertest „Klug und Gesund“ schickt, muss morgen aufpassen, nicht selbst durch das Gitter zu fallen

Das kann man doch vermeiden

Konsequenterweise meldeten sich kürzlich die australischen Forscher Alberto Giubilini und Francesca Minerva zu Wort und forderten, dass Eltern das Recht haben sollten, Neugeborene noch zu töten. Quasi als postnatale Abtreibung. Denn wer noch nicht denken kann, ist bei ihnen noch keine Person. Frei nach dem Motto: Schatz, lass uns erst noch einen Blick drauf werfen und uns dann entscheiden. Explizit nannten sie das Down-Syndrom als Beispielfall. Sie bemängeln, dass bislang nur 64 Prozent der Trisomie-Fälle vor der Geburt diagnostiziert werden. Da braucht es doch schließlich auch nach der Geburt noch eine totsichere Lösung.

Der Grundgedanke ist leider nicht neu, er wurde schon vor Jahren von Ethikprofessor Peter Singer eingebracht. Die Giordano-Bruno-Stiftung verlieh ihm vergangenes Jahr in Frankfurt einen Preis für sein weiteres Gedankengut. Auch er ist Australier. Scheint dort einfach die Sonne ein bisschen zu heiß, oder wird Selektion gerade generell salonfähig?

Zum Schluss bleiben noch die Eltern, die sich trotz Diagnose Down-Syndrom für ihr Kind entscheiden. Ich kenne eine Familie, die so ein Kind bewusst adoptiert hat und es lebt viel Glück in diesem Haus. Sie haben auch einen gesunden Jungen. Es sind beides einfach ihre Söhne. Brüder. Menschen. Schon heute müssen sich Eltern von behinderten Kindern Kommentaren aussetzen wie: „Habt ihr das denn nicht vorher gewusst?“, oder: „Das kann man doch heute vermeiden.“ Mancherorts werden sie auch als unverantwortlich dargestellt, oder gar selber schuld. Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, der den neuen Bluttest als illegal bezeichnet und sich gegen seine Zulassung einsetzt, fasste es treffend zusammen: „Die Menschen leiden nicht am Down-Syndrom, wie oft formuliert wird. Sie leiden allenfalls an oft immer noch bestehenden Vorbehalten in der Gesellschaft.“ So ist es.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

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