Was meiner Meinung nach kulturell immer gut ist: Barrieren niederreißen und Klischees widerlegen. Cameron Carpenter

Werdet endlich erwachsen!

Die Twitter-Kampagne #regrettingmotherhood ist Selbstmitleid in Perfektion. Es ist aber zu einladend, die Verantwortung für die eigene Wehleidigkeit im Kinderwagen abzuladen.

Er hat drei Kinder und ich vier, und so kamen der Medienkollege und ich einst vor ein paar Jahren bei einem Pressetermin ins Gespräch über die Elternschaft an sich. Er hatte einen Traumjob, der ihm großen Spaß machte, finanziell bis ans Lebensende ausgesorgt und eine Familie mit drei Kinder und dann kam dieser Satz: „Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte das dritte Kind nicht sein müssen.“ Ich weiß es bis heute, weil es mich leicht fassungslos machte. Ein paar Gläser Wein später, waren wir auch im Thema weiter: „Könnte ich noch mal von vorne anfangen, dann würde ich im nächsten Leben keine Kinder bekommen.“

Das Paradoxe daran war, er zeigte mir Kinderbilder, am Flughafen kauften wir beide Geschenke für die lieben Kleinen daheim. Er liebt seine Kinder, aber könnte er noch mal anfangen, dann hätte er keine. Ich weiß auch noch, was ich ihm damals geantwortet habe: Ich hoffe, dass deine Kinder nie davon erfahren, wie du denkst. #regrettingfatherhood wäre wohl der passende Hashtag für diese Geschichte.

Derzeit füllen Mütter die sozialen Netzwerke mit der Diskussion über die Frage, ob man Mutterschaft bereuen kann. Unter dem Hashtag #regrettingmotherhood wird heftig gestritten, ob es „Rabenmütter“ sind, ob es repräsentativ ist, oder gar kein weit verbreitetes Phänomen oder ein Tabubruch, so etwas offen auszusprechen. Wobei ganz so offen ist es ja nicht. Ausgelöst wurde die Diskussion durch die Studie einer israelischen Soziologin, die 23 Mütter intensiv zum Thema befragt hat, und die Mütter wollten natürlich anonym bleiben.

Selbstmitleid in Perfektion

23 Mütter und weltweit wird nun diskutiert, passt es doch so gut in die heutige Darstellung von Familie. Kinder, ist das anstrengend, Figur ruiniert, Nerven blank, Karriere im Eimer, Stress in der Beziehung und Geldbeutel leer. Dazu ein Sammelsurium verpasster Chancen, nicht gelebter Erlebnisse, nicht gekaufter Dinge und schlafloser Nächte. Wie viel einfacher wäre doch das Leben ohne Kinder. Weniger Verantwortung, weniger Stress, mehr Geld. Immer wieder ergötzt uns die Wissenschaft mit neuen Erkenntnissen aus der Glücksforschung und logisch: Ohne Kinder ist man glücklicher, so das erwartbare Ergebnis.

Zwar stellt sich die Frage, ob die gleichen befragten Eltern ohne ihre Kinder ein wirklich glücklicheres Leben geführt hätten, aber diese Forschung lässt sich ja nicht durchführen, es sei denn, wir etablieren endlich die Reinkarnation. Es bleibt der Traum und die Verklärung über ein Leben, das man nicht hat. „Das Leben, wie es ein sollte“, der einstige Werbeslogan von Coca Cola, bringt es auf den Punkt, die dazugehörigen Werbespots zeigen Situationen, in denen wir gerne Helden wären, cool mit der richtigen Reaktion und der richtigen Entscheidung im richtigen Moment. Aber wir bleiben sitzen und träumen weiter von dem Leben, das nicht so ist wie unser armseliges Dasein. Selbstmitleid in Perfektion.

Und es passt auch scheinbar so gut zu dem, was uns die Emanzipationsbewegung als Frauen schon immer warnend zurief. Haben wir es euch nicht hundert Mal gesagt? Dieses Kinderkriegen ist ein Problem, gut, dass ihr heute abtreiben dürft. Dann muss man ihn nicht hinnehmen, diesen Klotz am Bein, diesen Ausbremser bei der Selbstverwirklichung oder wie es die französische Feministin Elisabeth Badinter in ihrem Buch „Das Problem: Die Frau und die Mutter“ gar nannte, den „Parasit am Brust der Mutter“, alternativ den „Kollaborateur des Mannes bei der Festigung des Patriarchats“.

Ha! Haben wir doch schon immer gewusst, nichts als Mühe und Ärger machen die Blagen. Und dann stürzen sie uns auch noch ins Unglück. Und die Autorin der Studie, Orna Donath, scheint aus der gleiche Schule zu stammen: „Es ist die Gesellschaft, die entscheidet, dass Frauen Kinder wollen, wollen sollen – oder irgendwann, früher oder später in ihrem Leben, wollen werden“, erklärt sie zu ihrer Studie.

Was werden wir als Nächstes öffentlich bedauern?

An anderer Stelle behauptet sie, das Glück der Mutterschaft sei nur ein „kulturelles und historisches Konstrukt“. Da passt der Deckel wieder auf den feministischen Topf. Ein Revival des angeblichen „Muttermythos“, der nur dazu erfunden wurde, uns Frauen einzureden, wir hätten eine besondere Verantwortung für die Kinder, um uns final an den Herd zu ketten.

Bei den 23 befragten Müttern schwanken die Gründe für das Bedauern ihres Lebens als Mutter irgendwo zwischen dem Verlust der Kontrolle über ihr Leben und ihre Selbstbestimmung, aber auch über die eigenen Beziehungen. Berufliche und private Pläne könnten nicht mehr realisiert werden und auch die eigenen sexuellen Bedürfnisse. Die ständige Verantwortung, die man zu tragen hat, ermüdet und bindet Kräfte. Man ist erschöpft und die Nerven liegen blank.

Nun sollte es sich inzwischen als Binsenweisheit herumgesprochen haben, dass das Leben sich verändert, wenn man Kinder bekommt. Sind das nicht alles Dinge, die man heute schon vorher weiß? Die befragten Mütter sind nicht gegen ihren Willen schwanger geworden, manche haben sogar drei Kinder. Und sie sagen auch noch, sie lieben sie. Die Aufzählung der Gründe mutet an wie das Klagen von Menschen, die zwar gerne Kinder haben wollen, es soll sich aber möglichst nichts ändern. Die Wohnung soll aussehen wie vorher, der Job funktionieren wie vorher, die Paarbeziehung soll sein, als hätte man noch keine Kinder und der nächtliche Schlaf ist sakrosankt.

Was werden wir als Nächstes öffentlich bedauern in unserem Leben und mit Hashtags versehen im Netz ausdiskutieren, während wir in Selbstmitleid baden? #regrettingfatherhood wäre allein aus Gleichstellungsgründen als Nächstes dran.

Wir können endlich anfangen zu leben

Ebenfalls beliebt sicher #regrettingmarriage. Wobei sich das ja einfacher lösen lässt. Denn während wir den Partner einfach aufs Abstellgleis stellen dürfen, wenn er nicht mehr zu uns oder unserem Leben passt, ist es sozial doch noch ziemlich geächtet zu sagen: „Schätzchen, die Mami gibt dich wieder zurück“. An wen auch? Von dahin ist es nicht mehr weit zu #regrettingmyage, denn das Altern erscheint zunehmend ein Problem, #regrettingmyweight, denn die Fit-for-Fun-Gesellschaft fordert ihren Tribut, warum also nicht gleich #regrettingmywholelife.

„One day baby we’ll be old, oh baby we’ll be old and think about the stories that we could have told“ – mit einem Poetry Slam zu diesen Liedzeilen aus dem „Reckoning Song“ von Asaf Avidan & The Mojos schaffte es 2013 die Slammerin Julia Engelmann zu unerwarteter Berühmtheit mit einem Auftritt im Hörsaal der Uni Bielefeld. Der Youtube-Film dazu hat zwischenzeitlich über sieben Millionen Aufrufe. Beschrieb sie doch sehr eindrücklich die Zerrissenheit einer Generation, die eigentlich alles hat, aber nie zufrieden ist, sich nie festlegt – aus Angst, eine noch optimiertere Version des Lebens, des Partners und des Glücks sonst zu verpassen.

Ja, irgendwann werden wir alle alt sein, und entweder, wie in diesem Lied, über all die Geschichten nachdenken, die wir dann erzählen könnten, wenn wir denn im Laufe unseres Lebens den Hintern hochbekommen hätten, all diese Heldentaten zu tun, von denen wir später gern erzählen würden. Und wir können dann bedauern, dass wir dies oder jenes nicht gemacht haben, weil es ja nicht ging, und der Job im Weg war, der Partner oder das Kind und man ja leider nichts dafür kann, weil man ja nicht schuld dran ist, dass das Leben einem ständig im Weg ist.

Oh ja, wir können dann darüber trauern, dass wir ja Helden hätten sein können, berühmt, reich und schön. Ja, wie bedauerlich, dass es nicht dazu kam. Von Woody Allen stammt das Zitat, das Einzige, was er in seinem Leben bedauere, sei, dass er nicht eine andere Person sei. Wie passend. Wenn wir ehrlich sind, kennen wir alle diese Erfahrung, diesen Reflex, das eigene Scheitern, die eigene Unzufriedenheit äußeren Einflüssen oder gar anderen Personen in die Schuhe schieben zu wollen. Weil es leichter erträglich ist, auf andere wütend zu sein, als auf sich selbst. Oder wir können endlich anfangen zu leben.

Das Leben ist zu kurz für Selbstmitleid

Nein, ich habe nicht wirklich Verständnis für diese #regrettingmotherhood-Debatte. Ich habe den eingangs zitierten Regrettingfather auch nicht verstanden. Werdet endlich erwachsen, möchte ich diesen Müttern und Vätern zurufen. Es ist unwürdig, das Unglück eures Lebens euren Kindern in die Schuhe zu schieben. Es ist ja auch sehr einfach, die Verantwortung für die eigene Wehleidigkeit im Kinderwagen abzuladen. Ausgerechnet bei diesen Kindern, die euch ohne Bedingung und ohne Berechnung lieben, so wie ihr seid. Was für ein Geschenk. Ihr bekommt Liebe ohne Ehevertrag und ohne Konditionen und schmeißt es weg.

Ich schreibe diesen Text am 16. Geburtstag meiner ältesten Tochter. Sie ist nicht da, seit einem Jahr im Ausland, und mein Mutterherz blutet, weil mein Baby nicht zu Hause ist. Es ist kein Müttermythos, der mich leiden lässt, sondern die grenzenlose Liebe zu diesem Kind, das schon Flügel bekommen hat und das Nest nicht mehr ständig braucht.

#regrettingnothing ist der einzige Hashtag, den wir brauchen. Weil das Leben zu kurz ist, um sich mit Selbstmitleid aufzuhalten. Weil die Tiefen in unserem Leben uns die Höhen erst ermöglichen. Weil wir nicht wären, wer wir sind, wenn es nicht auch Trauer, Enttäuschung, Anstrengung und Verzweiflung gäbe. Manche Erfahrungen und Erlebnisse im Leben hätte ich mir sicher gerne erspart, aber nein, ich bereue nichts.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Birgit Kelle: Jetzt erst recht!

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Kindererziehung, Soziales-netzwerk, Mutter

Kolumne

Medium_f706fbfef8
von Sonja Vukovic
29.02.2016

Kolumne

Medium_aa7d3091a0
von Alissia Passia
08.03.2015

Kolumne

Medium_f7f0488095
von Birgit Kelle
20.02.2015
meistgelesen / meistkommentiert