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Die Orientierungslosigkeit der "Generation G8"

Die Politiker der demokratischen Parteien Europas dürfen sich angesichts dieser Stimmungslage keinesfalls darauf beschränken, rechts-, aber auch linksradikale Populisten matt als “Feinde der Demokratie” zu verurteilen. Die demokratischen Verantwortungsträger der Mitte müssen stattdessen belastbare Gegenentwürfe und glaubwürdige Visionen anbieten …

Wäre unsere Gegenwart “kompliziert”, wäre sie – wenn auch mit Mühe – erklärbar. Längst aber ist sie “komplex”, d. h. kausal kaum mehr nachzuvollziehen, und Entwicklungen sind aufgrund der Interdependenz globaler Wirkkräfte weder im Kleinen noch im Großen verlässlich antizipierbar.

Orientierung tut Not

Lebenserfahrung verliert vor diesem Hintergrund an Wert, und auch scheinbare Selbstverständlichkeiten wie Sicherheit, Freiheit und Wohlstand erweisen sich mittlerweile als fragil. Wen wundert es da, dass sich bei vielen Bürgern Verunsicherung breitmacht? Verunsicherung, die von wortgewandten Populisten mühelos in Angst verwandelt und mit Hilfe einfachster Leerformeln in Wählerstimmen übersetzt werden kann.

Zukunft braucht Vertrauen

Die Politiker der demokratischen Parteien Europas dürfen sich keinesfalls darauf beschränken, rechts-, aber auch linksradikale Populisten matt als “Feinde der Demokratie” zu verurteilen. Die demokratischen Verantwortungsträger der Mitte müssen stattdessen belastbare Gegenentwürfe und glaubwürdige Visionen anbieten, die die berechtigten Ängste der Menschen ernst nehmen und neues Vertrauen wachsen lassen.

Polis revisited

In der Bundesrepublik bestünde eine solche Vision zum Beispiel in der Einführung eines allgemeinen, d. h. explizit auch Wehrdienst ermöglichenden sozialen Jahres (ASJ) für alle Schulabsolventinnen und Schulabsolventen. Politisch, ließe sich dieser Schritt im Wesentlichen durch vier Argumente rechtfertigen:

1. Für die Stabilität eines jeden Staates ist es von großer Bedeutung, jungen Menschen ganz praktisch zu verdeutlich, dass unsere Gesellschaft nicht nur Rechte gewährt, sondern von allen Bürgerinnen und Bürgern für eine gewisse Zeit auch die Übernahme von Verantwortung für unser Gemeinwesen erwarten darf.

2. Jahr für Jahr verlassen über zweihunderttausend Jugendliche und junge Erwachsene unsere Schulen – oftmals ohne eine belastbare Vorstellung von ihrem weiteren Ausbildungsweg zu haben. Die Bildungsabschlüsse der jungen Absolventen sind selbstverständlich vielfältig und eröffnen unterschiedliche Entwicklungsperspektiven: Grundsätzlich werden sich Haupt-, Real- und Sekundarschul-Absolventen auf möglichst attraktive Ausbildungsplätze im regionalen Umfeld bewerben. Die meisten Abiturientinnen und Abiturienten bewegen sich in weiterem und unübersichtlicheren Terrain: Ihnen fehlt es sowohl im Hinblick auf eine mögliche Berufsausbildung als auch durch ihre weltweiten Studienmöglichkeiten und eine sich überaus dynamisch verändernde Berufswelt einerseits an Überblick und Zielorientierung. Außerdem sind sie bedingt durch ihre zunehmend frühe Einschulung, die Einführung des Abiturs nach zwölf Schuljahren bei gleichzeitiger Aussetzung des Wehr- & Zivildienstes sowie durch die in der Regel noch nicht erfolgte Abnabelung vom bequemen Elternhaus meist noch vergleichsweise unreif und unselbständig.

3. Die sozialen Sicherungssysteme der Bundesrepublik bzw. die dort tätigen Menschen arbeiten bereits heute in Überlast. Aufgrund des brutalen Kostendrucks und der zunehmenden Überalterung Deutschlands wird sich dieser Personal- und Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern, Altenheimen und vielen anderen sozialen Einrichtungen in den kommenden Jahren gravierend verschlechtern. ASJler könnten vor diesem Hintergrund zum einen für wirksame Entlastung sorgen, ohne Arbeitsplätze zu gefährden. Zum anderen würden gewiss nicht wenige junge Menschen Gefallen an der Arbeit mit hilfsbedürftigen Menschen finden und im Anschluss an ihre ASJ-Zeit eine entsprechende Berufsausbildung bzw. ein passiges Studium anstreben.

4. Die erstarrte internationale Sicherheitsarchitektur der westlichen Staatengemeinschaft in der NATO ist sowohl durch die forderndere US-Administration unter Donald Trump als auch durch die riskante Annäherung der von Präsident Erdogan zunehmend autoritär regierten Türkei an Russland unter erheblichem Druck. Hinzu kommt seit dem Brexit-Votum die zunehmende Instabilität der Europäischen Union. Frieden und Sicherheit sind – einmal errungen – also keine Selbstverständlichkeit. Sie bedürfen innerhalb der Nationalstaaten des aktiven Schutzes durch Gesetze und nach außen einer gemeinsamen militärischen Komponente, die aggressive Staaten überzeugend abzuschrecken vermag. Die Bundeswehr wird diesen sich verändernden Rahmenbedingungen wie alle anderen NATO-Staaten durch die bündniskonforme Erhöhung des Verteidigungsetats, eine deutlich verbesserte Ausrüstung und Personalaufwuchs Rechnung tragen müssen.

Natürlich würde die Bundeswehr ihren derzeit kaum zu deckenden Personalbedarf auch bei Einführung eines ASJ weiterhin aus Freiwilligen bedienen müssen. Die Anzahl und Qualität jener jungen Männer und Frauen, die sich im Anschluss an Ihre militärische Basisausbildung bewusst für eine Weiterverpflichtung entscheiden, dürfte sich bedingt durch die ASJ-Schnupperoption “Bundeswehr” mittelfristig allerdings erfreulich erhöhen bzw. verbessern.

Not macht Schule

Die Schule Schloss Salem reagierte nach der Einführung des zwölfjährigen Gymnasiums im Kleinen auf die Orientierungslosigkeit der “Generation G8”, die sich schon bald in Besorgnis erregenden universitären Abbrecherquoten widerspiegelte.

Mit seinem 2013 eröffneten Kolleg brachte Salem über das bewährte Careers’ Counseling für die eigenen Oberstufenschülerinnen und -schüler hinaus ein neues Format in die bundesdeutsche Bildungslandschaft ein: ein ganzheitlich angelegtes Orientierungsjahr für Schulabsolventen, denen aufgrund ihrer sehr guten Abschlüsse alle, d. h. verwirrend viele Studiengänge offenstehen. Wie ein Allgemeines Soziales Jahr keine verlorene Zeit, sondern ein im wahrsten Sinne des Wortes Zukunft weisendes Win-Win-Investment.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Bernd Westermeyer: Politiker haben den Bürgern zu dienen

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