Deutschland sollte seine Hausaufgaben machen. Viviane Reding

„Die normale Priesterlebensform wird es künftig nicht mehr geben“

Es ist ruhig geworden in der katholischen Kirche in Sachen Missbrauchsskandal. Wir haben bei Pater Bernd Hagenkord nachgefragt, wie im Vatikan mit dem Thema umgegangen wird. Das Interview führte Alexander Görlach.

The European: Wie ist die Stimmung im Vatikan wenn man auf den Missbrauchskandal zu sprechen kommt?
Hagenkord: Der Skandal ist stets präsent, auch wenn es scheint, als sei er von der Bildfläche verschwunden. Allerdings ist es ruhiger geworden. Im Vatikan hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass um etwas geht, das definitiv nicht vorbei ist. In den inneren Zirkeln muss jetzt der Umgang mit der Priesterausbildung beraten werden.

The European: Wie hat man im Vatikan auf den Rückzug von Bischof Mixa reagiert?
Hagenkord: Schwer zu sagen. Der Vatikan macht ja ganz deutlich, dass er keine Kommentare zu Rücktritten von Bischöfen abgibt. Dass hat er bei den irischen Bischöfen auch nicht gemacht. Da gab es eine Pressemeldung: Paragraph 401, Absatz 2 und mehr nicht. Es ist ganz schwer zu sagen, wie einzelne Personen hier im Vatikan darauf reagieren. Über die Inhalte des Rückzugs, wird hier kaum gesprochen – ausser natürlich zu sagen, es sei eine deutsche Frage und die deutsche Kirche müsse damit umgehen können.

The European: Die Priesterausbildung ist auf dem Prüfstand. Es stellt sich die Frage, in welcher Form der Zölibat oder die priesterliche Lebensweise mit diesem Phänomen zu tun hat.
Hagenkord: Ich glaube es geht eher um die berühmte psychologische soziale Reife. Ein junger Mann, der Priester werden will, muss sich mit seiner eigenen Lebensbiographie auseinandersetzen. Das ist zwingend notwendig, um mit den Menschen innerhalb der Seelsorge in Kontakt treten zu können. Die Verfahren von Auswahl und Ausbildung müssen dabei aber nicht komplett über Bord geworfen werden.

The European: Es wird immer gesagt, die Kirche hätte was Männerbündnisches. Deswegen neigt sie dazu, den Mitbruder, der vielleicht schuldig ist, zu decken. Wird so etwas im Vatikan diskutiert?
Hagenkord: Dieses Verhalten würde ich nicht als männerbündnisch bezeichnen. Allerdings, und das ist richtig beobachtet, liegen in dieser Sache “Wegguckstrukturen” vor, die durchaus bündische Qualität besitzen. Für mich ist das eher Vermeidungspluralismus: “Ich spuck Dir nicht in die Suppe, aber bitte spuck bitte auch nicht in meine, wir lassen uns alle gegenseitig in Ruhe.” Das ist schon etwas übles. Unter den augenblicklichen Umständen wird es die normale Priesterlebensform, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben. Das ist unvermeidlich.

“Es gibt keine einheitliche internationale Struktur der Kirche”

The European: Wie könnte man diese Lebensform ändern. Vielleicht können Sie da ein bisschen Licht reinbringen?
Hagenkord: Es ist ganz wichtig, hier den ersten Schritt vor dem zweiten zu machen und nicht die große Religionsdebatte anzustimmen. Damit wird man den Opfern nicht gerecht. Soweit sind wir auch noch gar nicht in der Missbrauchsdebatte. Natürlich möchte ich zunächst einmal wissen, wer damals gesehen, gewusst und nichts gesagt hat und dann möchte ich möglichst bald Konsequenzen sehen.

Im Moment ist es aber wichtiger, den Leuten zuzuhören und dann den nächsten Schritt zu machen. Allerdings muss klar sein, dass die Kirche international unendlich verschieden ist und dass es keine einheitlichen Strukturen gibt. Es ist eine Illusion zu glauben, dass es die gäbe. Es muss also regional geschaut werden, wo die Schwachstellen sind, welche Bindestellen wir haben und wie es soweit kommen konnte. Es geht dabei nicht um die große Reform, das würde der Sache nicht gerecht.

The European: In Nordamerika, Nordirland und Deutschland ist bei den Missbrauchsfällen nicht anders vorgegangen worden. Es scheint immer auf den Missbrauch von Amtsmacht hinauszulaufen.
Hagenkord: Hier liegen verschiedene Dinge vor. Zum einen ist es reine Gewalt, aber auch sexualisierte Gewalt. Bei all dem liegt natürlich ein Missbrauch von Macht vor. Darüber zu reden, ist sehr schwer. Betroffene müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, wem sie sich in dieser Sache anvertrauen können. In Deutschland gibt es keine Anzeigepflicht, in anderen Ländern gibt es die aber sehr wohl und dort müssen sich solche Leute verstecken – klar, dass dann alles verdrängt wird.

Aber selbst, wenn man sich jemandem anvertrauen kann: Wie redet man dann darüber, wenn man in sich dieses Verlangen spürt und Angst bekommt, man könnte zum Täter werden? Es läuft auch auf eine gesellschaftliche Debatte hinaus: Wie wird überhaupt über Gewalt geredet? Man braucht ja nur den Fernseher anzumachen und sieht Gewalt, das ist ja inzwischen etwas völlig Normales. Das darf aber eigentlich nicht sein. Auf der anderen Seite kann man sich dem kaum entziehen. Betroffene müssen lernen, eine ordentliche und reife Einstellung dazu zu gewinnen. Damit hängen dann wiederum Bildungsfragen zusammen. Es handelt sich eben nicht nur um eine Strukturfrage innerhalb der Kirche.

The European: Wenn wir noch einmal die Opfer in den Blick nehmen. Sie haben eben bereits darauf hingewiesen, dass sich der Papst vor Jahren, ehe der Skandal hochgekocht ist, in Amerika mit Opfern getroffen hatte. Tat er das aus freien Stücken oder war es die öffentliche Meinung, die ihm dazu gedrängt hatte?
Hagenkord: Der Papst lässt sich nicht drängen, das ist relativ klar. Wenn er sich mit Opfern trifft, dann macht er das nicht unter dem Druck der Öffentlichkeit, sondern weil er selbst glaubt, dass es notwendig ist und der innerkirchlichen Debatte guttut. Er hat sich mit maltesischen Opfern getroffen, ohne vorher einen Ton zu sagen. Es gab danach auch keine Presseveröffentlichungen des Vatikans, ausser, dass es stattgefunden hat. Das Verbreiten in der Öffentlichkeit überlässt der Papst den Opfern, mit denen er sich getroffen hat. Das hat er in den USA und im Vatikan getan und das wird er auch weiterhin so tun.

The European: Wie hat der Vatikan die Ergebenheits-Adresse von Kardinal Sodano an Ostern wahrgenommen. War es hilfreich, dem Papst öffentlich beizuspringen um, die Medien für die Berichterstattung zu verpflichten?
Hagenkord: Ich persönlich habe nicht verstanden, was da vor sich gegangen ist. Der Pressesprecher Pater Lombardi hat gesagt, dass es sich hierbei nicht um eine bestellte Aktion gehandelt habe. Der Papst hatte selbst erst wenige Minuten zuvor davon erfahren. 120.000 Leute in Rom haben auf dem Petersplatz ihre Ergebenheit demonstriert. Der Papst hat sehr deutlich gesagt, was er haben will, nämlich die Wiedergutmachung sowie Offenheit und Aufklärung. Dabei sollte man es auch belassen.

“Die Debatte über Missbrauch wird uns noch sehr lange erhalten bleiben”

The European: Lassen Sie uns kurz auf die Zeit des Papstes in München als Erzbischof zurückblicken. Für eine kurze Weile war es der Aufreger, dass der Papst in dieser Zeit nicht aufmerksam genug gewesen sein könnte. Haben da im Vatikan alle Alarmglocken geläutet?
Hagenkord: Das hat tatsächlich für große Aufmerksamkeit gesorgt. Allerdings wurde natürlich auch alles dafür getan, um die Frage möglichst von der Person Benedikt des XVI. zu trennen. Im süddeutschen Raum haben sich diverse Zeitungen damit hervorgetan, Dokumente zu zitierten , die nicht richtig übersetzt worden waren. Die Berichterstattung war ungeheuerlich, da die Journalisten nichts anderes machten, als das, was sie der Kirche vorwarfen; sich nur um den Ruf der Kirche zu kümmern, anstatt über die Opfer zu reden. Natürlich ist es einfacher, eine Zeitung mit dem Aufmacher “Der Papst hat auch …” zu verkaufen. Ich glaube wir Journalisten müssen uns da an die eigene Nase packen und sagen, dass die schärfere Geschichte eben doch nicht immer die bessere ist. In Rom hat es natürlich Aufregung darum gegeben, als es heißt, dass der Papst damals nicht besonders aufgepasst habe. Es ist aber klar geworden, dass das eine deutsche Frage ist.

The European: Befürchtet der Vatikan, dass andere Länder jetzt stärker fokussiert werden. Hat man Angst, dass sich die deutsche Krise, die vorher eine irische Krise war, nun zu einer weltweiten Kirchenkrise ausbreitet?
Hagenkord: Ich weiß nicht, ob das die Angst des Vatikans ist. Ich glaube die Angst ist in den Ortskirchen viel größer. In Chile könnte es zu einer solchen Krise kommen, weil dort auch solche Fälle vorgekommen sind. Es ist aber noch vollkommen unklar, in welchem Umfang. Es wird sicherlich noch einige andere Länder geben, in denen es Missbrauch auch in der Kirche gegeben hat. Bis vor einem halben Jahr hätte ich auch noch gesagt, dass derartige Fälle in diesen Dimensionen nur im angelsächsischen Raum vorgekommen seien.

Ich musste mich jedoch eines besseren belehren lassen. Deswegen wage ich es nicht, einzuschätzen, welche Länder noch betroffen sein könnten. Im Augenblick sind in Italien etwa hundert Fälle bekannt. Bei der ganzen Diskussion dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass es noch unendlich viele Fälle gibt, die außerhalb der Kirchen stattgefunden haben – etwa in Familien oder Sportvereinen. Dort ist auch unendlich viel Leid produziert worden. Ich glaube die Debatte über Missbrauch und sexualisierte Gewalt wird uns noch sehr lange erhalten bleiben. Innerhalb sowie ausserhalb der Kirche.

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