Verurteilt mich; das hat nichts zu bedeuten; die Geschichte wird mich freisprechen. Fidel Castro

Grenzen der Liebe

Wladimir Putin hat recht, wenn er sich­ gegen die Stärkung der Rechte Homosexueller wehrt. Denn manche Privilegien sind einfach nicht für alle da.

Am 17. Mai 2013 wurde in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, das es Menschen gleichen Geschlechts erlaubt, zu heiraten und Kinder zu adoptieren. Die Debatte verlief rüde. Dreimal – im ­Januar, März und Mai 2013 – demonstrierten mehr als eine Million Menschen gegen den Gesetzesentwurf. Es ist legitim, zu fragen, warum so viele Bürger gegen ein Gesetz auf die Straße gingen, das für manche lediglich die Anerkennung der Gleichheit von Homosexuellen und Heterosexuellen war.

Doch die Debatte über Hochzeit und Adoption geht weit über die Frage der Gleichstellung hinaus. Ist mehr Homosexualität besser für unsere Gesellschaft? Macht es eine Gesellschaft freier, kreativer und toleranter, wenn homosexuelle Paare heiraten und Kinder adoptieren können? Meine Antwort auf beiden Fragen ist: Nein.

Homosexuelle sind keine besseren Menschen

Warum sollte eine Gesellschaft besser sein, wenn es mehr Homosexualität gibt? Ist dies nicht vielmehr diskriminierend gegenüber heterosexuellen Personen? Soll das heißen, dass man Personen nach ihren sexuellen Präferenzen beurteilen muss? Ich denke, dass man Menschen nicht nach ihrer sexuellen Orientierung beurteilen sollte, seien sie nun homo oder hetero. Denn das würde ja bedeuten, die einen den anderen gegenüberzustellen, was immer gefährlich und eine Quelle des Konflikts sowie des Kommunitarismus ist.

Es ist nicht die sexuelle Orientierung, die die Eigenschaften einer Person bestimmt – genauso wenig wie ihre Hautfarbe. Diese Eigenschaften sind lediglich Charakteristika, die eine Person ausmachen. Ob sie sich durch jemanden des gleichen oder des anderen Geschlechts angezogen fühlt, macht aus ihr keinen guten oder schlechten Menschen.

Was die gleichgeschlechtliche Ehe und das ­Adoptionsrecht für Homosexuelle betrifft, so bin ich dagegen. Weil ich denke, dass dies schlicht nichts mit Rechtsgleichheit zwischen Homosexuellen und ­Heterosexuellen zu tun hat. Das Recht hat nicht zum Ziel, sich mit romantischen ­Gefühlen zu beschäftigen, die von Natur aus subjektiv sind. Das Recht ist da, um objektive Regeln festzulegen. Es dient einer Gesellschaft dazu, sich bestmöglich zu organisieren, gemessen an dem, was wir Gemeinwohl nennen – also das Bündnis aus Gemeinnutz und Respekt für Individuen. Personen gleichen Geschlechts haben natürlich wie jeder andere das Recht, sich zu lieben und als Paar zu leben. Aber das betrifft nicht die Gesellschaft. In Frankreich gibt es seit 1999 das Konzept der Lebenspartnerschaft, das ihnen weitreichende Rechte einräumt.

Ungerechtigkeit findet statt, wenn eine unterschiedliche Behandlung auf gleichwertige ­Situationen angewendet wird. Denn die Situation gleichgeschlechtlicher und heterosexueller Paare ist nicht identisch.

Die Ehe ist nicht nur die soziale Anerkennung zweier Personen, die sich lieben. Wenn die Ehe nur das wäre, müssten alle, die sich lieben, das Recht haben, zu heiraten. Seien sie nun zwei oder mehr. Einige Personen fordern das im Namen der Gleichheit bereits: eine Ehe, die es erlaubt, amouröse ­Beziehungen mit mehreren Personen zu ­regulieren. In wessen Namen sollte man Menschen, die die „Polyamorie“ praktizieren, verweigern, zu heiraten, wen sie lieben? Wenn diese Art der Ehe ebenfalls zugelassen würde, welchen Platz hätten dann Kinder zwischen all diesen Erwachsenen? Hätten sie mehr als zwei Eltern? Wie würde man ­Vaterschaft herstellen?

In der Realität ist die Ehe das Fundament der ­Familie. Sie muss deswegen nicht auf dem Sexualleben basieren, sondern auf der Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau, mit dem Ziel, eine ­Familie zu gründen und Kinder zu zeugen. Das Ziel der Ehe ist es, dem einen juristischen Rahmen zu geben. Die Geschlechter sind nicht austauschbar, denn zwei Männer und zwei Frauen können zusammen kein Kind bekommen: Sie müssen im Fall eines Kinderwunsches immer auf einen Dritten zurückgreifen. Zwei Personen desselben Geschlechts können sich physisch nicht vereinigen, mit dem Ziel, ein Kind zu empfangen.

Einem gleichgeschlechtlichen Paar die Möglichkeit zur Adoption zu geben, ist sehr diskriminierend für ein Kind, weil man ihm vorsätzlich Mutter oder Vater vorenthält. Zu entscheiden, dass ein Kind zwei Väter hat, bedeutet ebenso zu entscheiden, dass es keine Mutter hat.

Ist die Umarmung eines Vaters die gleiche wie die einer Mutter? Ich denke nicht. Die Psychologie­ von Männern und Frauen ist unterschiedlich. Sie ­erfassen das Leben und Situationen nicht auf ­dieselbe Weise.

Es gibt kein Recht auf Kinder

Somit stellt sich ebenfalls die Frage danach, was Vater- oder Muttersein bedeutet. Reduziert sich das Elternsein einzig und allein auf die soziale Funktion (Liebe, Erziehung)? Für mich ist Elternsein viel mehr als das: Es bedeutet ebenso, das Kind in einer Abstammung zu verankern. Die Eltern ­zeigen dem Kind seinen Stammbaum, seine Herkunft. Nur ein Mann und eine Frau können dies einem Kind zeigen, denn nur Mann und Frau ­zusammen können sich fortpflanzen. Das Kind kann sich so auf der Leiter der verschiedenen ­Generationen einordnen.

In Familien mit nur einem Elternteil übernimmt dieses alleine die Erziehung – aber das andere ­Elternteil (des anderen Geschlechts) wird nicht verleugnet. Er existiert, selbst wenn er körperlich ­abwesend ist. Wer glaubt, dass eine Person, die sich ein Kind wünscht, es auch bekommen sollte, glaubt, dass es ein Recht auf Kinder gibt. Aber das gibt es nicht. Die Adoption kann deshalb kein Recht sein.

Deshalb hat der russische Präsident Wladimir Putin recht gehabt, als er vor Kurzem die umstrittenen Gesetze erließ. Ebenso wie ich nimmt er nämlich an, dass Heirat und Adoption keine absoluten Rechte sind. Sie müssen auf bestimmte Bedingungen antworten und diese sind eben für Paare gleichen Geschlechts nicht gegeben. Es sind nicht die Personen und ihre sexuelle Orientierung, die infrage gestellt werden. Sondern die Situationen.

Übersetzung aus dem Französischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Groß, Klaus Kelle, Ansgar Dittmar.

Cover_macht

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Homosexualitaet, Wladimir-putin, Schwulen--und-lesbenbewegung

Kolumne

Medium_b3ff33f52d
von Nils Pickert
21.02.2014

Debatte

Kunst und Politik bedeuten Schmerzen und Unruhe

Medium_873ef4adb3

Dem Bösen begegnen

Politische Kunst muss nicht konkret werden – ein derbes „Fuck You!“ reicht vollkommen. Liebeslieder schreibe ich erst wieder, wenn alles in Ordnung ist. weiterlesen

Medium_46156eb7fa
von Hendrik Otremba
15.02.2014

Debatte

Das gesellschaftliche Potenzial von Musik

Medium_e85262bec9

120 bpm

Wer glaubt, dass Musik nichts mit Politik zu tun hat, war schon lange nicht mehr in der Disco. weiterlesen

Medium_4002f0c7bc
von Hans Nieswandt
14.02.2014
meistgelesen / meistkommentiert