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Leck geschlagen

Ein Blick nach England zeigt: Die Privatisierung der Wasserversorgung nutzt im Zweifelsfall den Anteilseignern mehr als dem Verbraucher.

Beim Thema Wasserprivatisierung lohnt sich ein Blick über den Ärmelkanal nach England: Obwohl dort mehr Regen fällt als in den meisten anderen europäischen Ländern, ist Wasser vergleichsweise teuer. Die Verbraucher werden über den Tisch gezogen – und der Grund dafür ist wahrscheinlich in der Privatisierung zu suchen. Es ist daher notwendig, die Renationalisierung der Wasserversorgung wieder zur Diskussion zu stellen.

Mehr als 3,4 Milliarden Liter Wasser gehen momentan pro Tag durch Lecks im englischen Leitungsnetz verloren, das sind beinahe 25 Prozent der täglichen Wassermenge. 22 Millionen Menschen könnten damit zusätzlich versorgt werden. Die englische Regulierungsbehörde Ofwat und die Wasserversorger weisen zwar darauf hin, dass die durch Lecks verschwendete Wassermenge seit 1989 um ein Drittel gesunken ist, doch solche Behauptungen erzählen nur einen Teil der Geschichte. In den letzten zwölf Jahren ist die Anzahl der Lecks im direkten Vergleich von Jahr zu Jahr nämlich genauso häufig gestiegen, wie sie gefallen ist. Es gibt keinen langfristigen Trend in eine positive Richtung. In weiten Teilen des Landes sind Lecks weiterhin ein großes Problem.

Um die Grundversorgung betrogen

Trotz des schlechten Zustandes der Infrastruktur, steigen die Preise weiter an. Nach den jüngsten Preiserhöhungen bezahlen englische Verbraucher im Schnitt 499 Pfund pro Jahr für Wasser und Abwasser. Seit 2003 ist diese Summe um 65 Prozent gestiegen; allein im ersten Jahrzehnt nach der Privatisierung der Wasserversorgung sind die Preise inflationsbereinigt um 40 Prozent nach oben geklettert. Solche enormen Preissteigerungen sollten uns Sorgen machen – darunter zu leiden haben nämlich vor allem die Armen. Elf Prozent der Haushalte in England und Wales geben derzeit mehr als fünf Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Wasserrechnung aus.

Wasser sollte einen Preis haben, um der Verschwendung vorzubeugen. Doch wenn die Preissteigerung solche enormen Ausmaße annehmen, werden die Menschen um ihre Grundversorgung betrogen. Es sollte niemanden überraschen, dass die Anzahl der Lecks und die Preise im Zuge der Wasserprivatisierung gestiegen sind. Öffentliche Versorgungsmonopole wurden schlicht in private Monopole umgemünzt – und die haben oftmals mehr Nach- als Vorteile.

Am englischen Beispiel wird deutlich, dass die Wasserprivatisierung überall mit einem grundsätzlichen Problem zu kämpfen hat: In einer perfekten Welt würden Verbraucher zwischen verschiedenen Anbietern wählen, genauso wie man im Supermarkt die Auswahl zwischen verschiedenen Joghurt- oder Müsliherstellern hat. Doch der Vergleich hinkt: Wasserversorgung ist ein extrem teures Geschäft mit hohen Anschubinvestitionen in die Infrastruktur des Leitungsnetzes. Wasserbetriebe haben daher eine natürliche Monopolstellung. Oder können Sie sich vorstellen, dass jeder Anbieter Ihnen eine eigene Leitung ins Haus legt?

Private Versorger arbeiten oftmals effizienter als öffentlich organisierte Stadtwerke. Doch diese Effizienzsteigerungen kommen selten beim Kunden an. Der einfache Grund dafür ist, dass private Versorger profitorientiert denken. Die Bilanz am Jahresende ist im Zweifelsfall wichtiger als die Servicequalität. Effizienzsteigerungen nutzen daher vor allem den Anteilseignern: Anders als öffentliche Versorger wollen die Privaten nicht lediglich ihre operativen Kosten decken, sondern Gewinne erwirtschaften. Und für einen Monopolisten ist der einfachste Weg zur Gewinnsteigerung die Erhöhung der Preise. Der Kunde hat schließlich keine andere Option als zähneknirschend die Rechnung zu bezahlen.

Wieder lohnt der Blick nach England: Wasserwirtschaft ist dort ein extrem lukratives Geschäft. In den letzten zehn Jahren haben sich die Profite einiger großer Versorger verdoppelt. Insgesamt haben die Betreiber 2011/2012 zwei Milliarden Pfund (vor Steuern) erwirtschaftet – und 1,5 Milliarden davon an ihre Anteilseigner ausgezahlt.

Es mutet geradezu illusorisch an, dass die Privatisierung ursprünglich mit dem Argument vorangetrieben wurde, dass die Preise sinken würden und das Leitungsnetz durch private Investitionen verbessert werden könnte. Das Primat des Profits führt in der Praxis allerdings häufig dazu, dass Investitionen aus Kostengründen ausbleiben. In einem Land ohne akute Wasserknappheit macht es aus wirtschaftlicher Sicht Sinn, Lecks zu tolerieren und somit Kosten zu sparen.

Verstaatlichung ist kein Allheilmittel

Vielleicht ist die Renationalisierung der Wasserversorgung der einzige Ausweg. Zwei Beispiele aus Asien zeigen, dass öffentliche Versorgung nicht unbedingt ineffizient sein muss: In Tokio und Singapur gehen weniger als fünf Prozent des Wassers durch schlechte Leitungen verloren. In Schottland liegen die Wasserpreise des öffentlichen Versorgers „Scottish Water“ etwa 50 Pfund pro Jahr niedriger als in England – und sie sind seit 2009 nicht mehr gestiegen. Erst kürzlich ist verkündet worden, dass sich das auch im kommenden Jahr nicht ändern wird.

Die Verstaatlichung ist jedoch kein Allheilmittel: Vor allem in Zeiten knapper Budgets steigt der Druck auf Stadtwerke, Steuergelder zu sparen und weniger in die Infrastruktur zu investieren. Und einige der ineffizientesten Versorger der Welt sind ebenfalls in öffentlicher Hand. Der Blick nach Schottland zeigt nämlich auch, dass das Leitungsnetz dort in einem schlechteren Zustand ist als in England: ein Drittel des Wassers geht durch Lecks verloren. Insgesamt hat sich die Situation seit 2002 jedoch stetig verbessert. Das macht Hoffnung.

Es ist inzwischen fraglich, ob die Vorteile der Privatisierung in England die Nachteile wirklich überwiegen. Weil öffentliche Versorger nicht primär an Profite denken, sind sie trotz ihrer Mankos vielleicht die bessere Wahl. Genau diese Debatte muss in der Öffentlichkeit geführt werden. Selbst wenn am Ende alles beim Alten bleibt, rückt der Privatsektor dadurch in den Fokus – und wir gezwungen, die Versorgungsqualität zu verbessern.

Übersetzung aus dem Englischen. Der Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Julian Kirchherr, ehemaliger Forschungsassistent an der Lee Kuan Yew School of Public Policy in Singapur.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Asit Biswas, Nils Pickert, Germà Bel.

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