Es ist gut, dass die Menschen ihr Geldsystem nicht verstehen, denn sonst hätten wir noch vor morgen früh eine Revolution. Henry Ford

„Kunst kann substanziell Politik erzeugen“

Die Berliner Biennale konfrontiert ihre Besucher mit der Verbindung von Kunst, Kultur und Politik. Alexander Görlach und Ruben Schuster sprachen mit dem Kurator Artur Zmijewski über sein Ausstellungskonzept, Berlin und politischen Aktivismus.

The European: In der Ankündigung zur diesjährigen Berlin Biennale wird deutlich, dass Sie ganz klar einen politischen Schwerpunkt setzen möchten. Was hat Politik mit der Kunst zu tun?
Zmijewski: Ich hatte die Vorstellung, die Biennale politisch zu gestalten. Dafür müssen wir natürlich erst einmal definieren, was Politik für uns überhaupt bedeutet. Die nützlichste Definition ist vielleicht, dass Politik ein allgemeiner, öffentlicher Raum ist, in dem wir soziale Prozesse moderieren und gestalten können. Ein Raum, in dem Menschen gegensätzliche Meinungen haben und sich sicher fühlen können, diese auch frei zu artikulieren. Dies funktioniert natürlich nur, wenn sich dieser Raum innerhalb eines demokratischen Rahmens befindet.

Es ist eine sehr weite Definition, aber viele Menschen teilen sie. Wir versuchen so bodennah, so lokal wie möglich zu agieren und suchen daher immer nach ganz konkreten Fällen oder Beispielen, die unsere Umwelt, unseren Alltag widerspiegeln. Wir suchen nach Künstlern und Nicht-Künstlern, die in verschiedene politische Aktionen involviert sind. Aber leider setzen viele Leute Politik mit Manipulation gleich, als Machtkampf und das hindert viele, politisch zu arbeiten. Dennoch glaube ich noch immer daran, dass Kunst in der Lage ist, statt bloßer Ästhetisierung des sozialen Lebens sogar substanzielle Politik zu erzeugen. Wir möchten uns mit realen Fällen und Ereignissen beschäftigen, um so gut es geht die abstrakte Ebene zu verlassen.

„Ich möchte überhaupt keine Trennlinien ziehen“

The European: Von welchen Ereignissen oder Fällen sprechen Sie?
Zmijewski: Zum Beispiel der größte Schlüssel der Welt, den Bewohner des Aida-Flüchtlingslagers in Palästina gemeinschaftlich gebaut haben. Er ist nach Berlin gereist und wird im Hof der KW (Kunst-Werke) in Berlin präsentiert. Hoffentlich wird der überdimensionale Schlüssel in das „Guinnessbuch der Rekorde“ aufgenommen. Er ist ein Werk mit einem bestimmten Sinn für Humor vermischt mit einer starken Ernsthaftigkeit. Er ist eine Skulptur und ein Symbol, das politische Forderungen der palästinensischen Gemeinschaft ausdrücken kann. Sein Ausdruck ist gänzlich gewaltfrei. Der Schlüssel repräsentiert das Recht auf Rückkehr und erzählt von der palästinensischen Tragödie – Nakba – und von dem wichtigsten Thema überhaupt: Menschen- und Bürgerrechte, die diese Leute verloren haben.

The European: Wie hat sich Kunst und ihr politischer Ausdruck durch das Aufkommen von Digitalität verändert?
Zmijewski: Bei dem Projekt „Breaking the News“ werden Künstler zu Journalisten. Sie informieren die Menschen über bedeutende politische Ereignisse, die um sie herum geschehen. Sie kommen aus der ganzen Welt und setzen sich mit den Unruhen, den Straßenkämpfen, dem Verhalten der Polizei und den Grausamkeiten auseinander. Ihre Videodokumentationen sind auf der Internetseite der Berlin Biennale und im Ausstellungsraum zu sehen. Die Künstler handeln wie Journalisten, sie berichten und kommentieren.

Zum Beispiel der israelische Künstler David Reeb, der in Tel Aviv lebt und zu Orten wie Bil’in reist, wo die Palästinenser Woche für Woche gegen die Besetzung ihres Landes und den Bau israelischer Siedlungen protestieren.

The European: Wo ziehen Sie eine Linie zwischen politischen Aktivisten und Aktionskünstlern? Kann man hier überhaupt unterscheiden, oder ist alles eine künstlerische Performance, was sich mit Politik beschäftigt?
Zmijewski: Ich möchte überhaupt keine Trennlinien ziehen. Ich verstehe meine Rolle anders. Es gibt kein Raster, was definiert, Du bist ein Aktionskünstler und Du nicht. Ich möchte Kunst und Politik miteinander vermischen, ich möchte die künstlichen Grenzen dieser Kategorien auflösen.

The European: Als Journalisten nutzen wir das geschriebene und gesprochene Wort als Medium zur Veränderung. Welche Medien nutzt die Kunst? Kann diese tatsächlich Sozialverhalten beeinflussen und verändern?
Zmijewski: Kunst hat eine ganz eigene Sprache, eine visuelle. Auch Journalisten nutzen eine visuelle Sprache. Bilder, Videos, all das ist in Aktion. Die menschliche Wirklichkeit wurde dadurch in der Vergangenheit immer wieder verändert. Neue Begriffe führen neue Phänomene ein, wie z.B. Feminismus. Sprache schafft eine neue Realität und konfrontiert uns mit den Wünschen unterdrückter Gruppen.

Mario Lombardo hat das Logo für die Biennale gestaltet, was viele Menschen an ein ideologisches Symbol erinnert. Die Menschen sind sauer und wütend über unser Logo und denken, was soll das? Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass das Logo von „transparenten“ Ideologien und Symbolen inspiriert ist: Münzen, bekannte Firmen und so weiter. Es ist ein Konglomerat von unterschiedlichen Formen, Symbolen und Materialien, aber diesmal, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es eigentlich reine Ideologie ist.

„Die Berliner haben ihre Stadt geöffnet und liberalisiert“

The European: Also nutzen Sie das Biennale-Logo schon als Auslöser für politische Diskussion?
Zmijewski: Ja. Wenn Sie durch die Straßen in Mitte laufen, sehen Sie dieses Symbol auf die Schaufenster gemalt. Hier treten wieder Assoziationen hervor. Zum einen mit Graffiti, zum anderen mit dem Markieren jüdischer Geschäfte in den 30ern. Mario Lombardo möchte die kollektive Erinnerung und ihre Geister wachrütteln und noch mal – wir sind von Ideologie umgeben, die für unsere Augen komplett transparent ist. Deshalb ist das so gefährlich. Teil dieser Aktion ist es, Zitate aus diversen politischen Reden herauszuschneiden und sie im öffentlichen Raum zu zeigen.

The European: Warum muss das Ganze eigentlich ausgerechnet in Berlin stattfinden? Spielt die Stadt eine eigene Rolle?
Zmijewski: Berlin ist so eine interessante Stadt – existieren nach der Wiedervereinigung noch immer zwei Deutsche Nationen? Eine stärkere und eine schwächere? In der schwächeren Nation ist viel mehr übrig, das an die Identität dieses untergegangenen Staates erinnert. Der Palast der Republik wurde abgerissen. Viele nutzen noch nicht mal den Begriff „Wiedervereinigung“, sondern reden von einem „Anschluss“. Die Berliner haben diese Stadt verändert, sie geöffnet und liberalisiert.

The European: Gibt es so etwas wie eine genuine Berliner Bewegung? Ein Berliner Alleinstellungsmerkmal in der Kunst?
Zmijewski: In Berlin gehen die Kontraste ineinander über; die Leute fliehen vor Struktur und entziehen sich einer Einordnung und Definition. Es gibt keine Ideologie, alles scheint transparent zu sein. Unsere kuratorische Arbeit versucht nun genau diese nicht vorhandenen Strukturen und versteckten Ideologien zu definieren, ihnen ein Gesicht zu geben. Für mich ist Berlin ein „Panic Room“, in dem jeder, der lieber ideologisch neutral ist, einen guten Ort finden kann.

The European: Wie sind Sie mit dieser Identitätsverweigerung Ihrer Biennaleteilnehmer umgegangen? Wie haben Sie kuratorisch reagiert?
Zmijewski: Sie weigern sich nicht, politisch definiert zu werden. Normalerweise machen sie sehr deutlich, wo im Spektrum politischer Möglichkeiten und Begrifflichkeiten sie sich selbst positionieren.

The European: Zu guter Letzt, was soll die Biennale 2012 in Berlin erreichen?
Zmijewski: Wir wollen vor allem die Tendenz unterstützen, Kultur zu politisieren, Kunst zu politisieren.

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