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„Ich finde es in Ordnung, wenn man unser Album nicht mag“

Mit ihrem neuen Album Reflektor erobern die Indie-Rocker von Arcade Fire den Dancefloor. Schlagzeuger Jeremy Gara verrät Max Tholl und Lars Mensel, warum die Band sich trotzdem als Rockband versteht.

The European: Euer neues Album „Reflektor“ habt Ihr als „Mischung aus Studio 54 und haitianischem Voodoo“ bezeichnet. Ironischerweise beginnt der Song „Normal Person“ mit dem Text „Do you like Rock & Roll Music? ’Cause I don’t know if I do.“
Gara: Das ist ein lustiger Moment auf der Platte! Win [Butler] sagte das während der Aufnahme und wir haben es einfach drin gelassen, weil es echt und komisch klingt. Und weil er etwas Wichtiges anspricht: Manchmal muss man innehalten, sich hinterfragen. Wollen wir weiterhin Rock & Roll spielen? Und was ist das überhaupt?

The European: Eine legitime Frage in Anbetracht des neues Albums.
Gara: Wir wollten niemandem Kopfzerbrechen bereiten, ob Arcade Fire eine Rockband sind oder nicht. Aber wir wollten schon immer ein Album mit weniger Gitarren und mehr elektronischen Sounds machen. „The Suburbs“, unser letztes Album, sollte voller Synthesizer-Klänge sein – aber letztlich haben wir uns umentschieden. Man weiß nie so recht, was aus einem Album wird. Wir machen, was sich gut anfühlt.

The European: „Reflektor“ hat weniger Rock-Balladen und mehr rhythmische Club-Sounds. Woher kam der Richtungswechsel?
Gara: Win und Régine [Chassagne] arbeiten stets an neuem Material. Wenn sie auch nur eine freie Minute haben, schreiben sie neue Songs. Damit kommen die beiden auf den Rest der Band zu und wir entwickeln die Ideen gemeinsam weiter. Doch dieses Mal sind wir anders vorgegangen: Zuerst haben wir uns immer Rhythmus oder Drumbeat überlegt. Dann hatte Régine den Einfall, New-Order-Beats mit haitianischen Rhythmen zu vermischen. Und schon gingen wir ganz neue Wege.

„Wir machen uns keine Illusionen über das Plattengeschäft“

The European: Schon mutig, den Stil so zu wechseln, nachdem man gerade den Grammy für das „Album des Jahres“ gewonnen hat …
Gara: Wir schotten uns gerne gegen solche Einflüsse ab. Einfach „The Suburbs“ zu kopieren war keine Option. Deswegen hat uns auch der Gewinn des Grammys und des BRIT Awards nicht sonderlich beeinflusst.

The European: Aber denkt Ihr nicht darüber nach, wie Ihr euch von anderen Bands unterscheiden könnt?
Gara: Nein. „The Suburbs“ entstand aus einer Reise in die Vororte von Houston, wo Win aufgewachsen ist. „Reflektor“ ist inspiriert von unserem Trip nach Haiti. Nun sind das beides keine Schlüsselmomente in unserem Leben, aber sie sind eine gute Möglichkeit, an Alben anders heranzugehen.

The European: Euer vorheriges Album drehte sich größtenteils um U.S.-amerikanische Themen. „Reflektor“ ist universeller – sogar Kinder in Haiti können sich mit den Rhythmen und Beats identifizieren.
Gara: Gleichzeitig könnte man sagen: Wir haben damit Hörer verschreckt, denen unsere alten Lieder gefielen. Ich finde es aber völlig in Ordnung, wenn jemand das neue Album nicht mag.

The European: Wieso?
Gara: Es ist erfrischend, immer wieder herausgefordert zu werden. Wir haben sehr gute und sehr schlechte Kritiken bekommen. Gut so! Es ist doch total unrealistisch, zu erwarten, dass unser Album jedem gefällt. Und wenn man ein paar Fans verliert, um etwas Neues ausprobieren zu können, dann ist das ein Preis, den zu zahlen wir bereit sind. Man muss sich auch für ein neues Publikum öffnen.

The European: Auf diesem Album habt Ihr mit der Musiklegende David Bowie zusammengearbeitet. Glaubt Ihr, dass Arcade Fire auch einmal derart berühmt werden könnten?
Gara: Das lässt sich schwer einschätzen. Vor einigen Tagen habe ich mal wieder My Bloody Valentine im Konzert gesehen. Der Saal war nur halb voll – dabei sind sie für mich die beste Band aller Zeiten. Und doch würde sie niemand als Superstars bezeichnen. David Bowie kommt ins Studio und ist ein so freundlicher, ein normaler Kerl, dass man völlig vergisst, wie ikonisch und gottgleich er für viele Menschen ist. Oder denkt an die Pixies: Viele Bands schauten zu ihnen auf, obwohl sie zunächst nicht besonders populär waren. Ihre Reunion-Konzerte verkaufen mehr Tickets als die früher. Es ist sehr verwirrend.

The European: Aktuell spielt Ihr unter dem Pseudonym „The Reflektors“ eine kleine Clubtour. Versucht Ihr damit nicht auch ein wenig, dieser Berühmtheit zu entkommen?
Gara: Wir sind keine Band für große Arenen und werden da auch nie so richtig hineinpassen. Kleinere Konzerte zu spielen, war immer Teil unseres Selbstverständnisses. Man muss eine gute Beziehung zum Publikum aufbauen, das geht in einem Club viel einfacher. Witzigerweise sind diese Konzerte viel größer, als wir denken! Es fühlt sich an, als stünden wir in einem winzigen Club vor 100 Menschen. Dabei sind es in Wirklichkeit 2.000 …

The European: Im Vergleich zu einer Arena mit Kapazität für 20.000 Zuschauer ist das noch immer ziemlich klein.
Gara: Ich kann noch immer kaum glauben, dass wir derart große Räume füllen. Aber das ist heutzutage ja auch nicht selbstverständlich.

The European: Was meinst Du?
Gara: In diesem Geschäft weiß man nie, was einen mit einem neuen Album erwartet. Vielleicht kommt niemand mehr zu den großen Konzerten. Die Clubtour ist unsere Art, die neuen Songs live einzuüben. Gleichzeitig machen wir uns keine Illusionen über das Plattengeschäft …

The European: … das immer schwieriger wird.
Gara: Ganz genau. Niemand kauft mehr so viele Platten wie früher. Und als Künstler haben wir nur einen ganz kleinen Zeitraum, um Menschen für unser Album zu begeistern. Über die kleinen Konzerte wird geredet. In einer Arena zu spielen und zu sagen „Hey, wir sind wieder da, kauft unser neues Album!“ funktioniert nicht mehr.

The European: Bei jedem neuen Album versucht Ihr, den Fans ein kleines bisschen mehr zu bieten: kleine Trailer, verschiedene Albumcover, kleine Konzerte. Wieso der Aufwand?
Gara: Das ist nicht nur eine ausgefuchste Vermarktungsstrategie. Wie möchten Begeisterung hervorrufen. Wenn wir es uns leicht machen, ist das schwierig. Man muss innovativ sein und den Fans etwas bieten.

The European: Ihr bietet mit „Reflektor“ euer erstes Doppelalbum. War das eine bewusste Entscheidung – oder hattet Ihr einfach zu viele Lieder für ein einfaches Album?
Gara: Eigentlich wollten wir ein ganz kurzes Album mit ein paar Dance-Tracks machen.

The European: Warum wurde daraus nichts?
Gara: Wir beschlossen, eine Platte herauszubringen, die das Ende der CD-Ära zum Ausdruck bringt. CDs haben praktisch ausgedient. Also sollte das Album auch aussehen und klingen wie die allerletzte CD. Zudem gönnen wir dem Hörer damit eine Pause zwischendurch.

The European: So, als müsste er eine Schallplatte umdrehen?
Gara: Viele Lieder sind lang, wir wollten die Hörer nicht überfordern. Und die zwei Seiten sind sehr unterschiedlich – so können Fans entscheiden, welche ihnen besser gefällt.

The European: Viele Menschen hören Alben nur noch auf Streaming-Plattformen, wo sie als lange Liste von Liedern auftauchen.
Gara: Wir haben versucht, iTunes und Spotify zu überreden, das Album in zwei Hälften darzustellen. Aber das sind ziemlich schwierige Verhandlungspartner …

The European: Diese Plattformen bieten zuerst Lieder, dann Alben. Wie bekommt man Fans überhaupt dazu, das ganze Album zu hören?
Gara: Das ist in der Tat eine harte Nuss. Ich bin mit Schallplatten aufgewachsen und finde es nur natürlich, ein Album komplett zu hören. Man hat schließlich dafür bezahlt! Aber heute kann man Lieder gratis streamen oder herunterladen. Man muss also nicht mehr alles hören. Für eine Weile habe ich mich deshalb sehr paternalistisch aufgeführt und gedacht „Was machen diese jungen Leute? Sie sind so naiv!“ Aber das ist ja völlig ignorant.

„Ich scheue nicht vor Konflikt zurück“

The European: Wieso?
Gara: Studien haben bewiesen, dass Musik für unterschiedliche Ohren anders klingt. Teenager sind an die MP3s gewöhnt, daher finden sie den Sound angenehmer als den einer CD oder einer Schallplatte. Es ist also völlig legitim, wenn sie ein Album nur streamen. Solange jemand Musik gefällt und er sie unterstützt, ist das Format doch relativ egal.

The European: 2006 sagtest Du einmal, dass sich Arcade Fire wie fünf verschiedene Bands anfühlt, die irgendwie zusammenarbeiten. Ist das noch immer so?
Gara: Damals haben wir oft untereinander die Instrumente ausgetauscht und es war unklar, wer eigentlich für was zuständig ist. Mittlerweile sind wir organisierter. Aber die Band pflegt trotzdem den Dialog und jeder kann tun, was er oder sie möchte.

The European: Ihr seid zu sechst, auf Tour sogar mit noch mehr Künstlern unterwegs. Wie demokratisch kann eine Band mit so vielen Mitgliedern sein?
Gara: Wir sind praktisch eine Familie. Also ist es sehr demokratisch. Nach so vielen gemeinsamen Jahren haben wir gelernt, zu diskutieren und Kompromisse zu finden. Aber wenn ich eine starke Meinung habe, scheue ich auch nicht vor dem Konflikt zurück. So arbeiten wir nun einmal, so sprudelt die Kreativität.

The European: Interessanterweise dauert dieser kreative Prozess immer genau drei Jahre: So viel Zeit lag zwischen jedem Eurer Alben.
Gara: Das kann ich mir auch nicht erklären! Wir diskutieren immer wieder, ob wir nicht einfach während einer Tour ein Album raushauen sollten – aber das passiert einfach nicht. Wir denken langfristig, und so dauert alles ein wenig länger. Wir möchten noch lange aktiv sein und nicht jetzt schon ausbrennen.

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