Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

„Tut nicht, was wir tun“

Arcade Fire sind der Inbegriff des Indierock. Im Interview berichten sie über die Aufnahmen für ihr neues Album “The Suburbs” und den Sound aus ihrer Vergangenheit, der sie dabei inspiriert hat. Dem Hype um ihre Musik trotzend, gibt sich die Band bodenständig, lehnt die Vorbildrolle ab und verrät, wie sich die Chemie zwischen den einzelnen Mitgliedern entwickelt hat.

The European: Warum haben Sie sich auf Ihrem neuen Album dem Thema “The Suburbs” gewidmet?
Win Butler: Einer der ersten Songs, an dem wir gearbeitet haben, war “The Suburbs”. Kurz zuvor bekam ich eine E-Mail von einem guten Freund, mit dem ich in einem Vorort von Houston aufgewachsen bin. Er schickte mir ein Foto von sich mit seiner kleinen Tochter auf den Schultern. Sie stehen an einer Ecke – in der Nähe habe ich damals gelebt. Die Kombination, meinen Freund mit seiner Tochter und meine Heimat zu sehen, brachte die Erinnerung an die alten Zeiten wieder hervor. Ich versuchte, mich an den Ort meiner Jugend zurückzuversetzen. Als wir an dem Song weiterarbeiteten, spürten wir, dass ein Album daraus werden würde. Seit fast zehn Jahren lebe ich schon in Montreal. Ich wollte mich noch einmal mit dem Lebensgefühl meiner Zeit in Houston auseinandersetzen, bevor es zu spät ist und die Erinnerungen verblasst sind.

“Die Dinge, an die man mit wenig Erwartung herangeht, überraschen einen in der Regel am meisten”

The European: Sie geben im Vorfeld neuer Alben nicht viel preis. Wie haben Sie herausgefunden, was der beste Weg ist, Ihre Musik zu veröffentlichen?
Win Butler: Man könnte das mit einem neuen Film vergleichen, bei dem man schon vorher den Trailer und das Making-of gesehen hat. Du kennst bereits die Hauptszenen und den wichtigsten Kampf des Hauptdarstellers. So etwas macht es schwierig, Kunst zu genießen. Die Dinge, an die man mit wenig Erwartung herangeht, überraschen einen in der Regel am meisten. Ich finde, es macht Spaß, wegen einer Sache aufgeregt zu sein. Nicht jeder muss sich über unser Album freuen, aber für die, die es tun, ist es ein spezieller Moment.

William Butler: Wir wollen unser Publikum mit dem ersten Hören vom Hocker hauen. Die Menschen sollen verstehen, was wir tun und was uns wichtig ist. Nämlich unsere Musik und unsere Shows. Genau das sollen die Menschen mit uns in Verbindung bringen und nicht einen Vorgeschmack, den ihnen irgendwelche Kritiker servieren. Kritik ist zwar wichtig und nützlich, aber sie kann das erste Erlebnis auch zerstören. Das ist wie die Lektüre eines Buches, über dessen Autor es heißt, er sei ein Arschloch. Man liest das Buch mit einer voreingenommenen Meinung. Wenn das Buch dann aber gut war, denkt man sich: “Na ja, ziemlich gut für ein Arschloch.”

The European: Was ist Ihr Anspruch bei einer Aufnahme?
Win Butler: Ich glaube, das Ziel ist es, etwas Echtes einzufangen und dann den Kern davon zu nehmen und damit zu arbeiten. Ob das viel ist oder nicht, ist nebensächlich. Manchmal ist das ein schmerzhafter Prozess. Während der Aufnahmen las ich eine Reportage über die Entstehung von Radioheads “Kid A”. Es war beruhigend, zu sehen, dass es anderen auch so geht. Der Wortlaut war ungefähr so: “Es ist ein einfacher Song und das Album beinhaltet Gitarren und Schlagzeug. Wir sind gerade fertig geworden und im Endeffekt brauchten wir zwei Jahre dafür.” Genau so war es auch bei uns. Das ist die schlechte Seite daran, viel Zeit und Muße zu haben. Niemand sollte so viel Freiheit haben.

Régine Chassagne: Für mich gibt es zwei Wege, an Musik heranzugehen. Entweder man ist spontan und nimmt sie, wie sie kommt, oder man geht in sich und braucht Ewigkeiten, bis man genau das findet, wonach man gesucht hat. Es ist sehr interessant, herauszufinden, welcher Weg der bessere ist.

Win Butler: Als wir “Neon Bible” produzierten, half uns Owen Pallett mit den orchestralen Arrangements. Er redete über die Musik seines Vaters, bei der viele verschiedene Instrumente einzeln aufgenommen werden müssen. Manche von denen klingen einfach nur schrecklich, andere wieder fantastisch, obwohl alle dieselben Noten haben. Erst wenn alles zusammengefügt wird, entsteht ein großes Ganzes. Damit hat er recht.

“Es gab viele Dinge, die wir nicht kontrollieren konnten, aber wir hatten Glück, weil wir selber Entscheidungen treffen konnten”

The European: Das Album “Funeral” erschien auf vielen Top-Ten-Listen.
Für das Magazin “Rolling Stone” war es das Nummer-eins-Album des Jahres 2000, für Pitchfork die Nummer zwei. Wie fühlt sich das an?

Win Butler: Ich bin nicht unbedingt ein großer Listen-Fan, sofern es nicht darum geht, welches dein Lieblingsrestaurant in New York ist oder welcher dein Lieblingsteil von “Der Pate”.

William Butler: Wir kümmern uns nicht wirklich darum. Für uns ist es eher lustig oder überraschend – wie damals, als wir eine geheime Show spielten und 8.000 Besucher kamen.

Régine Chassagne: Solche Listen kann man sowieso nicht kontrollieren.

Win Butler: Es gab viele Dinge, die wir nicht kontrollieren konnten, aber wir hatten viel Glück, weil wir selber Entscheidungen treffen konnten. Wir nahmen beispielsweise “Funeral” in einem guten Studio auf. Das Endergebnis entsprach somit ganz und gar unseren Vorstellungen. Wir können selber über unser Schicksal entscheiden, was andere Bands entweder nie konnten oder erst sehr spät in ihren Karrieren. Obwohl es der Musikindustrie nicht besonders gut geht, konnten wir uns immer glücklich schätzen. Was will man mehr?

The European: Arcade Fire hat sich fernab vom Major-Label-System etabliert. Gibt es irgendwelche Ratschläge, die ihr bekommen habt, oder irgendwelche weisen Worte, die ihr an andere Bands weitergeben wollt?
Win Butler: Ich denke, dass wir eine tolle Liveband sind und einen guten Draht zum Publikum haben. Das ist für uns grundsätzlich wichtig. Das soll jetzt nicht heißen, dass wir das Publikum befragen, welchen Song wir schreiben sollen, sondern es bezieht sich eher darauf, dass wir durch unsere Songs mit dem Publikum kommunizieren. Selbst wenn man “shoegazing music”, also bewegungsarme Shows abliefert, strebt man die Kommunikation an. Ich würde einfach sagen: Tut nicht, was wir tun. Sagt einfach, was ihr sagen wollt.

Régine Chassagne: Das ist für jeden anders. Es hängt von den Leuten ab und von dem, was sie wollen.

William Butler: Wir hatten von Anfang an viel Glück, weil die Musik, die wir produzieren, relativ leicht zugänglich ist. Es ist nicht Popmusik, geht aber in diese Richtung. Von ihr wurden wir inspiriert. Es gibt auch laute und verrückte Musik, die ich gerne höre. Elektronische Musik zum Beispiel. Diese Leute geben auch alles und daher wird diese Musik genauso lang leben wie unsere.

The European: Wie würden Sie Ihr Verhältnis untereinander beschreiben, heute, nachdem das Album fertig ist?
Win Butler: In den letzten sechs Monaten sind wir aus einer gewissen Abkühlzeit zurückgekommen. Es war toll, wieder zusammen live zu spielen und die verschiedenen Zugänge, die jeder zur Musik hat, zu sehen. Es gibt viele Bandmitglieder und viele Freundschaften. Es ist immer ein Geben und Nehmen und das bleibt, wenn man zusammen arbeitet. Wir mögen uns alle gerne und freuen uns, wieder miteinander zu spielen und zu spüren, wie die Energie zurückkommt.

“Haiti hat schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, die helfen wollten, im Endeffekt aber mehr zerstörten, als dass sie halfen”

The European: Sie waren lange Zeit Unterstützer von “Partners in Health”. Können Sie erklären, was genau sie in Haiti machen?
Win Butler: Organisationen wie das Rote Kreuz sind nach solchen Desastern unglaublich wichtig. Auch jetzt ist es noch eine Notfallsituation, in der Tausende Menschen auf der Straße stehen und medizinische Hilfe benötigen. Das Einzigartige an “Partners in Health” ist, dass sie eine Art Langzeitvision und eine Strategie haben. Sie sind seit langer Zeit im Einsatz und werden es noch eine ganze Weile bleiben. Haiti hat schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, die helfen wollten, im Endeffekt aber mehr zerstörten, als dass sie halfen. Es ist extrem wichtig, dass die Haitianer lernen, sich selber zu helfen.

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