Die Wissenschaft kann das Universum erklären, ohne dass es eines Schöpfers bedarf. Stephen Hawking

„Natürlich sind wir eine Bühne für Hipster“

Das Sankt Oberholz ist als Heimat der digitalen Boheme über die Stadtgrenzen Berlins hinaus bekannt. Alexandra Schade und Roderick Panchaud sprachen mit dem Betreiber Ansgar Oberholz über Start-up-Groupies, die sich ändernde Arbeitswelt und die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen.

The European: Herr Oberholz, was wünschen Sie Berlin zum 775. Geburtstag?
Oberholz: Ich wünsche Berlin, dass es sich weiterhin so schnell und lebendig verändert, wie es das schon immer getan hat.

The European: Was kann die Stadt Ihrer Meinung nach besonders gut?
Oberholz: Berlin kann sich besonders gut an die Menschen anpassen, die hier leben. Das ist eine Fähigkeit, die sie anderen Großstädten voraushat.

„Ich glaube an die Magie der Orte“

The European: Und was kann sie nicht so gut?
Oberholz: Berlin wird nicht fertig, bringt die Sachen zu keinem Abschluss.

The European: Woran liegt das?
Oberholz: Die wenigsten wissen, dass Berlin auf Sand und Moor gebaut ist. Die Kräne mit ihren Bohrern auf den Baustellen machen nichts anderes, als riesige Pfähle aus Beton in tiefere, feste Schichten zu bohren. Auf diese Pfähle baut man dann Häuser.

Obwohl ich nicht esoterisch bin, glaube ich an die Magie der Orte. Und wenn eine Stadt auf schwimmendem Untergrund gebaut ist und alles, was halbwegs bestehen soll, auf Pfähle gesetzt werden muss, dann ist auch klar, dass das eher eine Stadt der Veränderung ist. Nicht so wie München. Die Stadt liegt im Alpenvorland, sie ist quasi in Stein gemeißelt. Dort verändert sich auch relativ wenig im Verhältnis zu Berlin.

The European: Ihr Café, das Sankt Oberholz, ist inzwischen eine Berliner Sehenswürdigkeit und wird in ausländischen Reiseführern aufgeführt. Wie kam es dazu? Wie wurde das Sankt Oberholz zum Sinnbild für das Büro im Café?
Oberholz: Als wir vor acht Jahren anfingen, war hier wirklich gar nichts, nur Brachen und leerstehende Häuser. Damals stand der Rosenthaler Platz auch noch in keinem Reiseführer.

Mitte 2006 erschien „Wir nennen es Arbeit“ von Holm Friebe und Sascha Lobo. Darin fiel zum ersten Mal der Begriff der „digitalen Boheme“. In dem Buch wurde diese damals noch recht neue und für viele noch immer ungewöhnliche Art zu leben und zu arbeiten, die durch das Digitale geprägt ist, beschrieben.

Es gibt auch ein Kapitel über das Oberholz als Ort. Das war schon ein Wendepunkt für uns; da hatte das Kind einen Namen. Wir haben extrem viel Presse bekommen. Seitdem werde ich immer wieder als Experte befragt sobald es um mobiles Arbeiten, Urheberrecht, ACTA oder die Start-up-Szene geht.

The European: Wie finden Sie das?
Oberholz: Das ist für mich ganz lustig, weil ich dadurch fit bleibe und mich immer mit anderen Themen beschäftigen muss. Ich äußere mich gerne, aber nur wenn ich mich in der Materie auskenne.

„Es war ein Zusammenspiel von Ort, Zeit und Konzept“

The European: Würde das Konzept des Sankt Oberholz auch an einem anderen Ort funktionieren?
Oberholz: Wir werden oft gebeten, an anderer Stelle noch ein Sankt Oberholz zu eröffnen, ob das jetzt Schöneberg ist oder Hamburg. Wir sind sogar für New York gefragt worden. Wir glauben aber nicht, dass es sich in dieser Reinform noch einmal wiederholen lässt. Wie will man das auch wiederholen? Der Zeitpunkt, das Gebäude selber, die Art, wie der Raum geschnitten ist – einmalig. In New York wäre etwas Ähnliches in einer solch zentralen Lage zudem unbezahlbar. Es ist für uns auch uninteressant. Filialen aufzumachen – das ist ein anderes Business.

The European: Es war also eine günstige Kombination von Umständen?
Oberholz: Es war ein Zusammenspiel von Ort, Zeit und Konzept. Es war damals sehr ungewöhnlich, dass man Leute mit Laptop geduldet hat. Das war ein bisschen so wie als die Mobiltelefone aufkamen. Wenn jemand mobil telefoniert hat, wurde er am Anfang schräg angeguckt. So war das 2005 auch mit Laptops. Wir haben es geduldet und begrüßt und wir hatten ja auch – ganz banal – überall Steckdosen verlegen lassen, ohne die dieses Phänomen sich nicht so hätte ausprägen können.

Wir haben immer geglaubt, dass das ein netter Nebeneffekt sein könnte, aber nie erwartet, dass dies unser Alleinstellungsmerkmal wird.

Natürlich war auch ein bisschen Glück dabei. Wir hatten auf jeden Fall auch merkwürdig viel Mut, da uns das ganze Risiko erst später wirklich bewusst geworden ist.

The European: Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben, „Für hier oder zum Mitnehmen?“. Warum?
Oberholz: Ich schreibe schon lange, unter anderem seit 2002 auch in Blogs. Ich lebe in einer ziemlich wilden Patchworkfamiliensituation, wo traurige, lustige und auch viele schöne Sachen passieren. Es gab die Idee, darüber ein Buch zu schreiben. Aber bei jedem Treffen mit der Literaturagentin haben wir nicht darüber gesprochen, sondern über die Geschichten aus dem St. Oberholz. Ich habe dann angefangen, das aufzuschreiben und wir haben irgendwann bemerkt, dass das eigentlich sehr erzählenswert ist.

The European: Sie haben für den Roman einen sehr persönlichen Ansatz gewählt und die digitale Boheme kommt nur am Rande vor. Warum?
Oberholz: Es wäre relativ leicht gewesen, über die digitale Boheme oder die Tech-Szene von Berlin zu schreiben, aber das Thema ist ein bisschen verbraucht und reizt mich zumindest für ein Buch nicht besonders.

Wenn man so will, ist das Buch auch ein Entwicklungsroman. Der Protagonist macht ziemlich viel falsch und entwickelt sich aber langsam. Gegen Ende gibt es Hoffnung. Dieses Thema und dass es eben nicht von Anfang an gut lief, war für mich literarisch viel spannender als die relativ bekannte Geschichte, dass hier die digitale Boheme abhängt. Der moorige Untergrund von Berlin spielt übrigens auch eine Rolle.

The European: Hand aufs Herz: Gehen Ihnen die Hipster nicht manchmal auf die Nerven?
Oberholz: Natürlich sind wir eine Bühne für Hipster und ein Laden, wo Hipster gerne hingehen. Es ist ja aber nicht so, dass bei uns nur Leute mit langen Bärten, Hochwasserhosen und Jute-Taschen sitzen.

Es gibt viele Subkulturen und die Hipster-Subkultur ist für mich eine der sympathischeren. Ich finde es oft sehr lustig, wie die herumlaufen und kann mich darüber gut amüsieren, aber sie gehen mir nicht auf die Nerven. Das Gegenteil ist der Fall. Ich mag sie.

„Berlin-Mitte ist eine ganz gelungene Inszenierung“

The European: Der Start-up- und Kreativszene wird oft mit Ablehnung begegnet. Auch in den Berichten über das Sankt Oberholz geht es zumeist weniger um das Café als vielmehr um die Besucher. Woher kommt diese Haltung?
Oberholz: Jemand, der den Mut hat, aus den Strukturen auszubrechen – also eben in einem Café ein Start-up zu gründen oder Freelancer zu sein – ist ein Symbol; er lebt seinen Lebenstraum. Ob das dann klappt oder nicht, sei dahingestellt. Ich glaube, dieser Mut ist für viele eine Provokation, vor allem, wenn sie das Gefühl haben, sie selbst leben nicht das, was sie wollen. Sie ärgern sich dann eigentlich mehr über sich selbst als über die anderen.

The European: Wie wichtig ist das Sankt Oberholz für das Knüpfen von Kontakten?
Oberholz: Gerade was die Start-up-Szene betrifft, ist es sehr relevant. Es gibt mittlerweile Start-up-Groupies, das sind meistens junge Männer. Die wollen keinen Sex, sondern unbedingt in die Start-up-Szene hinein. Da heißt es auf Twitter: „Häng im Oberholz rum“. So wie man in L.A. in bestimmte Bars geht, wenn man Schauspieler werden will, so geht man in Berlin ins St. Oberholz, um in die Start-up-Szene zu kommen.

The European: Werden Sie als Unternehmensgründer um Rat gefragt?
Oberholz: Ich bin ja schon recht lange in der Entrepreneurszene unterwegs. Ich war mit meiner Werbeagentur in der ersten Internetblase. Wenn ich jetzt junge Start-up-Unternehmer treffe, fragen die mich manchmal, wie das damals war. Dann komme ich mir vor wie mein Opa, der früher aus dem Krieg erzählt hat. Dabei bin ich erst 40. Ich werde weniger konkret um Rat gefragt, aber ich werde oft gebeten, Ideen zu bewerten oder zu Beta-Phasen eingeladen. Ganz oft werde ich gefragt, ob ich einen Programmierer kenne. Wir haben schon überlegt, ob wir die Sankt-Oberholz-Jobvermittlung aufmachen sollen.

The European: Berlin-Mitte ist eine ziemliche Blase. Wie behält man da die Bodenhaftung?
Oberholz: Ich habe drei Kinder und das ist auf jeden Fall die größte mögliche Bodenhaftung.

Berlin-Mitte ist auf eine Art eine Inszenierung, aber immer noch eine ganz gelungene, wie ich finde. Trotzdem ist vieles natürlich echt zum Kopfschütteln. Ich glaube schon, dass es Menschen gibt, die Berlin-Mitte mit dem realen Leben verwechseln. Das passiert übrigens auch vielen Gründern, gerade im Start-up-Bereich. Die haben Ideen für Apps, die vielleicht für 1000 urban orientierte Leute interessant sind, aber nicht für den Rest der Welt. Die Bodenhaftung behält nicht jeder. Aber ich mag dieses leicht surreale Lebensgefühl in Mitte.

The European: In Ihrem Buch gibt es ein paar unglückliche bzw. traurige Figuren wie die demente Frau, die beiden Männer, die die Obdachlosenzeitung verkaufen oder die Junkies auf den Toiletten. Das ist ein krasser Widerspruch zur schillernden Start-up- und Kreativszene, findet aber am selben Ort statt. Wie gehen Sie damit um?
Oberholz: Das ist eine große Polarität. In Mitte spürt man an einigen Stellen das Geld. Wim Wenders hat in der Torstraße sein verstecktes Loft mit Swimmingpool oben drauf. Und 200 Meter weiter ist einer der Hauptumschlagplätze Berlins für Heroin und Crack.

Für uns ist das oft nicht einfach. Unser aktueller Stammbettler hat seine Spur direkt zwischen dem U-Bahnausgang und dem St. Oberholz. Ungefähr fünf Mal am Tag fragt er mich nach einem Euro. Dann ist er wieder für ein paar Tage weg. Man kann zuschauen, wie er verfällt. Wir fragen uns dann immer, warum es hier verdammt noch mal keine Fixerstube oder wenigstens einen Streetworker gibt. Das ist ärgerlich.

Es war mir für mein Buch sehr wichtig, diese eher tragikomischen Figuren in den Vordergrund zu rücken und ihnen ein Gesicht zu geben. Nur wenn man sie in den Blickwinkel mit einbezieht, wird das Bild vollständig.

„Ich bin ein starker Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens“

The European: Täuscht das Gefühl oder ist das in den vergangenen Jahren schlimmer geworden mit dieser Polarität?
Oberholz: Das ist unbestritten. Das spiegelt sich in allen Schichten wider. Die gesellschaftliche Mitte bricht weg. Einige werden immer reicher und andere fallen über die Kante. Dieses Phänomen ist in Deutschland längst angekommen.

Man muss aber relativieren. Ich war neulich in Paris. Da ist das noch eine ganz andere Nummer. Ich bin die härtesten Sachen von unseren Toiletten gewöhnt, aber wie die Obdachlosen in Paris behandelt werden und dort das Straßenbild prägen – dagegen scheinen die Obdachlosen hier ein Luxusleben zu führen.

The European: Obdachlose und Drogensüchtige auf der einen Seite, Förderung und Boom von Start-ups und Kreativwirtschaft auf der anderen Seite. Setzt die Politik die falschen Prioritäten?
Oberholz: Jemand, der sich mit seinem Apple-Laptop ins St. Oberholz setzt und sich dort sein neues Start-up ausdenkt, hat nicht vorher zehn Jahre bei Schlecker an der Kasse gearbeitet. Es ist ärgerlich, dass es da keine Chancengleichheit gibt. Aus diesem Grund bin ich ein starker Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens, wobei die Schlecker-Kassiererin vermutlich selbst damit kein Start-up gründen würde. Ich weiß, dass das nicht für jeden möglich ist. Man muss aus einer gewissen Schicht kommen, ein gewisses Selbstbewusstsein und einen gewissen Bildungsstand haben. Eine Chancengleichheit gibt es sicher immer seltener in Deutschland, könnte aber durch das bedingungslose Grundeinkommen einen großen Schubs in die richtige Richtung erhalten.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Lena Schiller Clausen: „Arbeit muss unserer Kreativität gerecht werden“

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