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Standortvorteil Homosexualität

Je toleranter eine Gesellschaft, desto stärker ihre Wirtschaft. Wer die Kreativen verjagt, darf sich nicht wundern, wenn seine Wirtschaft darbt.

Kann sich ein offener Umgang mit Homosexualität für die Gesellschaft lohnen? Eindeutig ja! Homosexualität ist in Deutschland deutlich akzeptierter als noch vor 15 Jahren. Die rasante Entwicklung begann mit der Abschaffung des Strafparagrafen 175 über die Einführung der Lebenspartnerschaft bis hin zu „Diversity“-Konzepten in großen Unternehmen. Letztlich führte all dies zu einem unverkrampften Umgang miteinander.

Dabei hat Deutschland lange gebraucht, um sich zu bewegen. Aber nachdem 2001 die Lebenspartnerschaft eingeführt war und Klaus Wowereit sich outete, entwickelte sich ein offenerer Umgang. Schwule Männer und lesbische Frauen sprachen häufiger über ihre jeweiligen Partner – und nicht mehr verschämt über „einen Freund“ oder „eine Freundin“. Dennoch ist die Akzeptanz, das zeigen Studien, noch nicht zufriedenstellend.

Technologie, Talent, Toleranz

2007 wurde in der Studie „Out im Office“ festgestellt, dass lediglich 22,5 Prozent der Befragten am Arbeitsplatz keine Diskriminierung erfahren haben. Viele haben eine heterosexuelle Scheinwelt aufgebaut. Diese Scheinwelt aufrecht zu erhalten, kostet Kraft und Zeit („The cost of thinking twice"). So lebende Lesben und Schwule verschweigen, was sie am Wochenende unternehmen oder mit wem sie ihren Urlaub verbringen. Sie achten ständig darauf, sich nicht durch Bemerkungen zu verraten.

Das führt zu einer dauerhaften Konzentration auf diese Geschichten – Zeit, die anderweitig besser eingebracht werden könnte. Bei geschätzten fünf bis zehn Prozent nicht-heterosexueller Mitarbeiter entstehen für die Unternehmen hohe Kosten. Das haben einige von ihnen erkannt und propagieren einen offenen Umgang mit allen Lebensformen und prägen eine immer intensivere „Diversity“-Kultur.

Von dieser positiven Kultur leben auch prosperierende Städte. So erklärt der US-Ökonom Richard Florida die „kreative Klasse“ zum wichtigsten Faktor für Wirtschaftswachstum. Die kreativen Köpfe einer Gesellschaft und die von ihnen ausgehenden Innovationen sind entscheidend für das ökonomische Wachstum. Um Regionen nach Attraktivität und Potenzial zu analysieren, wurde von Florida das Modell der drei T entwickelt. Dieses setzt sich aus den Indikatoren Technologie, Talent und Toleranz zusammen.

Toleranz steht für die Offenheit einer Gesellschaft oder Region, durch welche ein großes Spektrum verschiedener Persönlichkeiten angezogen wird. Das führt zu einem regen Austausch an neuen Ideen. Regionen, in denen diese drei Aspekte stark vertreten sind, sind weltoffene, bildungsstarke und mit zukunftsträchtigen Wirtschaftsbranchen ausgestattete Regionen. Gerade Toleranz ist wichtig, um die sehr mobile kreative Klasse, anzuziehen und zum Bleiben zu veranlassen. Ein positives Umfeld ist motivierend und attraktiv oder einfacher ausgedrückt: Wer sich nicht verstecken muss, lebt ungezwungener und motivierter – sowohl in einem Unternehmen als auch in seinem Umfeld.

Der umgekehrte Fall führt zu innerer Emigration und Fluktuation. Dabei geht es nicht alleine um einen intoleranten Umgang mit Homosexualität. Vielmehr bedingt die Ablehnung von Homosexualität auch die Ablehnung anderer Minderheiten. Als „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ werden feindselige Einstellungen zu Menschen unterschiedlicher Herkunft sowie mit verschiedenen Lebensstilen in der Gesellschaft bezeichnet. Homophobie geht zumeist mit Antisemitismus, Xenophobie und Rassismus einher. Je feindseliger die Stimmung gegen Minderheiten ist, desto geringer die Kreativität und mit ihr die Anwesenheit der kreativen Klasse.

Intoleranz ist ein Wachstumskiller

Man muss nicht erst über typische gesellschaftliche Probleme wie Fachkräftemangel und steigende Kosten im Gesundheitswesen bei zunehmenden psychischen Erkrankungen reden, um festzustellen: Eine Gesellschaft kann sich Intoleranz und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nicht leisten. Gerade gut ausgebildete Menschen werden eine Region oder auch ein Land verlassen, wenn dort intolerant mit ihrer Lebensweise umgegangen wird. Hierzu bietet die Entwicklung von Großstädten ebenso ein Beispiel wie geschichtliche Ereignisse.

Der repressive Umgang mit Minderheiten – besonders sichtbar bei Homosexuellen, wie aktuell in Russland – ist insofern gesellschaftspolitisch unklug. Die kreative Klasse verlässt den Ort der Intoleranz und wer es sich leisten kann, verlässt auch das Land. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis das ökonomische Wachstum der Regionen und die Innovationskraft nachlassen. Intoleranz ist somit ein Wachstumskiller.

Ein offener Umgang mit Homosexualität – und insgesamt eine hohe Akzeptanz anderer Lebensstile – lohnt sich für eine Gesellschaft. Sie kann wachsen, entwickelt Innovationen und bringt neue Ideen hervor. Die Gesellschaft muss es aber auch tatsächlich wollen und leben. Hier hat übrigens auch Deutschland noch Nachholbedarf.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Groß, Klaus Kelle, Béatrice Bourges.

Cover_macht

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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