Mit Superlativen sollten wir zurückhaltender umgehen. Klaus Töpfer

„Nur wer schlau ist, hat die Wahrheit verdient“

Ein emeritierter deutscher Professor der Philosophie spricht mit The European darüber, dass er gemeinsam mit Kollegen erfundene Begriffe in einem Fachlexikon veröffentlicht hat. Im Interview mit Joelle Verreet erzählt der renommierte Wissenschaftstheoretiker, weshalb Scherze in der Wissenschaft ihren Platz haben.

The European: Seit einiger Zeit geistern nicht existente Personen und fiktive Begriffe durch die philosophische Fachliteratur. Daran sind Sie nicht ganz unschuldig.
Philosoph: Das kann ich bestätigen, möchte und muss es aber präzisieren. Es handelt sich hier um Lexikonartikel, genauer: um bestimmte Artikel in der Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, einem Fachorgan also, einem sehr seriösen Nachschlagewerk. Diese sonderbaren Artikel haben also den Erfolg keineswegs beeinträchtigt, ebenso wenig wie die Reputation des Werkes oder der Autoren.

Die Artikel finden sich unregelmäßig auf alle Bände verstreut, und sie reichen von A bis Z, wenn auch nicht jedem Buchstaben die Ehre widerfährt, mit einem “Scherzartikel” aufwarten zu dürfen. Alle “Scherzartikel” sind, wie die “normalen” auch, mit Initialen gezeichnet. Die Auflösung der Namensabkürzung findet man auf den ersten Seiten jedes Bandes.

The European: Die schlauen Füchse unter den Lesern haben Sie und ihre Kollegen ja dann schnellstens als Lügner enttarnt.
Philosoph: Wir haben nichts zu verstecken. Und wer schlau genug ist, hat die Wahrheit auch verdient.

The European: Könnten Sie ein Beispiel eines in Ihren Bekanntenkreisen selbst gemachten Inhaltes nennen?
Philosoph: Gern. Nehmen wir zunächst einen “Sach”-Artikel: “argumentum in distans (lat., Argument auf die Entfernung), Terminus der scholastischen Philosophie sowie der neueren Logik und Argumentationstheorie. Der Terminus findet sich wohl erstmals in einem Kommentar Anselms von Canterbury zum Buch Hiob des AT (Opera omnia VII, 138) …” Wie erkennt man den “Pferdefuß”? Ganz einfach dadurch, dass man dem Literaturhinweis nachgeht: Im Artikel “Anselm” sind natürlich dessen “opera omnia” verzeichnet, aber diese reichen nur bis Bd. VI. Der Hinweis auf Bd. VII müsste also zu denken geben. Und wer so weit gekommen ist, kann dann leicht nach weiteren Ungereimtheiten suchen. Wie die Scherze miteinander vernetzt sind, nämlich in Querverweisen, zeigt sich zum Beispiel bei der vermeintlich aus der empirischen Psychologie stammenden “Zentralie”. Näheres hierzu erfahren wir in dem Artikel über die Phantomgestalt Jakob Pilzbarth, den Entdecker der Anthropolyse. Nicht ohne Grund wird in diesem Artikel auch auf den erfundenen J. J. Feinhals, auf die Fiktionen “Kompressor” und das “argumentum in distans” hingewiesen. Der Kenner weiß Bescheid und nimmt solche Artikel nicht ernst.

The European: Könnte es sein, dass die Autoren sich selbst nicht ernst nehmen?
Philosoph: Dies ist ganz gewiss zu einem guten Teil der Fall, wenigstens in Richtung auf Selbstironie verstanden. Aber es ist auch eine Ironie bezogen auf eifrige Kollegen. Nehmen wir die Eintragungen zu “Kompressor”. Bei diesem “Terminus” geht es um den Druck, dem sich die Verfasser der Lexikonartikel bisweilen öfters ausgesetzt sehen: Hier handelt es sich um den “Ausdruck einer unausweichlichen Aufforderung (Kompression), sich zwischen zwei oder mehreren Handlungsalternativen zu entscheiden …, ohne dass genau eine der Alternativen echt gewollt wird”. Dabei ereignet sich ein “Zwangscharakter” bestimmter Art, in dessen Kontext ein “Mittelstreß” unvermeidlich auftritt – ein deutlicher Hinweis auf Jürgen Mittelstraß, den Herausgeber der Enzyklopädie, der immer mal wieder einen gelinden Druck, also “Stress” ausübt.

The European: Es macht den Eindruck, diese “Scherzartikel” seien so etwas wie pubertäre Jungenstreiche auf hohem intellektuellen Niveau.
Philosoph: Sie können es gern so nennen. Diese Artikel dienen auch als Ventil, den Druck des Artikelschreibens irgendwie abzulassen. Aber natürlich steckt mehr dahinter. Eine deutliche Spitze gegen den herrschenden Wissenschaftsbetrieb, nicht nur in der Philosophie. Ich spreche hier vor allem die blinde Buchstabengläubigkeit und die völlig übertriebene “Terminologie-Erfindungswut” vor allem in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen an. Man glaubt unbesehen und unkritisch an das geschriebene Wort, insbesondere dann, wenn es im Gewand hochgestelzter Terminologie daherkommt. Diese Artikel zeigen auf, wie leicht man dadurch in die Irre geführt werden kann, und fordern dazu auf, auch bei noch so seriös auftretenden Texten nicht die Maxime des Selbst-Denkens und Selbst-Prüfens zu vergessen.

The European: Apropos Maxime – wo bleibt Ihr moralisches Verständnis, wenn Sie wissbegierige Leute nicht rechtzeitig auf die Fallen aufmerksam machen?
Philosoph: Ich habe die Erfindungen nur dort weiter in Umlauf gebracht, wo es einen didaktischen Wert hatte. In Vorträgen ab und zu, wo ich dann unmittelbar die Auflösung des “Rätsels” anbieten konnte, in Publikationen gar nicht, weil es mir unverantwortlich erschien, die Leichtgläubigkeit des Lesepublikums auszunutzen. In Lehrveranstaltungen habe ich öfters Lexikonartikel verschiedenster Provenienz vorgelegt. Die Studenten sollten allein aufgrund interner Textmerkmale herausfinden, welche Artikel ernst zu nehmen sind und welche nicht. Die “Scherzartikel” schnitten jedes Mal hervorragend ab; sie erfreuten sich eines erheblich höheren Glaubwürdigkeitsgrades als einige der “normalen” – aber grenzwertigen, das muss ich zugeben.

The European: Ruinieren Sie damit nicht die Philosophie als ernst zu nehmende Wissenschaft und machen sie stattdessen endgültig zum Geschwätz?
Philosoph: Hier ist die Verantwortung des Wissenschaftlers angesprochen, bezogen auf sein Fach. Nur wer diese Artikel oberflächlich liest, kann sie für Geschwätz halten. Hier ist einfach eine sorgfältige Lektüre angesagt. Dass fachfremde Leserinnen und Leser sich auf dieses Gebiet verirren, ist ohnehin kaum anzunehmen. Und die wären wohl eher von den “normalen” Artikeln abgeschreckt, als dass sie durch die “Scherzartikel” Schaden nehmen würden. Die Philosophie ist eben weit und breit; wäre sie auch tief, müsste man befürchten, darin zu versinken.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Achmed A. W. Khammas: „Die Zukunft liegt in Allahs Hand“

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