Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

„Berlin überrascht einen mindestens zweimal in der Woche“

Als Verlegerin und Autorin bewegt Angelika Taschen sich stilbewusst durch Berlin. Über die Mode in der Hauptstadt hat sie jetzt ein Buch geschrieben. Julia Korbik erklärt sie, was den „Berliner Stil“ ausmacht, warum sie in Los Angeles kein Schwarz tragen konnte und früher eine richtige Handarbeitstante war.

The European: Frau Taschen, wie viel Zeit brauchen Sie morgens, um sich anzuziehen?
Taschen: Für mich gilt: weniger ist mehr. Meist springe ich in meine Röhrenjeans und je nach Jahreszeit habe ich entweder ein T-Shirt parat oder einen Kaschmir-Pulli – und dann geht’s los!

The European: Das klingt unkompliziert.
Taschen: Je einfacher und schneller, desto besser. Dann habe ich mehr Zeit für andere Dinge. Dabei haben sich einige Sachen bewährt, mit denen man immer richtig liegt: eine gut sitzende dunkelblaue Jeans, dazu ein weißes Hemd oder schwarzes Oberteil und ein schwarzer Blazer – je nach Anlass dann entsprechende Schuhe oder auch eine entsprechende Tasche. Darüber je nach Jahreszeit einen guten Mantel. Ich wechsele eigentlich oft nur die Accessoires, um den Look zu verändern oder mich dem Anlass anzupassen.

The European: Um Outfits geht es auch in Ihrem neuen Buch „Der Berliner Stil“, das Sie zusammen mit der Modejournalistin und Bloggerin Alexa von Heyden geschrieben haben. Was macht diesen Stil aus?
Taschen: Wir konzentrieren uns auf Dinge, von denen wir sagen: Das hat sich in den letzten Jahren in Berlin herauskristallisiert und unterscheidet sich von anderen Städten. Nach dem Mauerfall hat sich in Berlin vor allem im ehemaligen Osten ein eigener, neuer Stil herausgebildet. Der Osten hat nach der Wende viele Menschen angezogen, die sich hier ausprobieren konnten, die Mieten waren billig und auch sonst gab es keine verkrusteten Strukturen. Damit hat sich auch ein ganz eigener Lebensstil entwickelt, der inzwischen ausgeprägt und beschreibbar ist.

The European: Nämlich wie?
Taschen: Wie die Stadt selbst sind das Unfertige, das Unperfekte und die Brüche ein Thema, wir nennen es den Berliner „Anti-Chic“. Zum Abendkleid darf es auch mal eine Lederjacke oder ein Jutebeutel sein. Ansonsten tragen die meisten Berlinerinnen einen eher unkomplizierten Look, tagsüber zum Beispiel zur Jeans gerne Ballerinas oder Sneakers.

„Es gibt einen modischen Common Sense“

The European: Im Buch ist oft von „der“ Berlinerin die Rede. Geht es dabei tatsächlich um Personen oder eher um den Idealtypus eines bestimmten Stils?
Taschen: Natürlich gibt es nicht die eine Berlinerin und nicht jede trägt den gleichen Look – gerade die individuelle Note macht den Stil der Hauptstädterinnen aus. Dazu ist jeder Bezirk etwas anders gestrickt. Das Buch kann und will das nicht alles abdecken und aufzeigen, es soll aber das beschreiben, was hier entstanden ist und was Berlin auch dadurch zu einer interessanten und ungewöhnlichen Weltstadt macht, die als solche im Ausland wahrgenommen wird. Auch wird die Stadt von vielen Zugezogenen beeinflusst und geprägt, speziell im ehemaligen Osten der Stadt. Wir nennen das die „neue“ Berlinerin. Es gibt aber Tendenzen und einen neuen Lebensstil, der sehr modern ist.

The European: Im Prinzip haben Sie also den Berliner Stil durch Beobachtung erfahren.
Taschen: Ja, über die Jahre konnte man bestimmte Entwicklungen erkennen. Der Stil der Berlinerin ist eigenwillig und individuell, doch gibt es dabei durchaus einen modischen Common Sense. Zum Beispiel gibt es viele Frauen, die die „Pistol Boots“ von Acne tragen oder die Mode von Isabel Marant lieben.

The European: An einer Stelle schreiben Sie, die Berliner hätten nicht viel Geld – ansonsten ist das Buch jedoch voll mit Adressen von teuren Boutiquen und Einrichtungsläden. Wie passt das zusammen?
Taschen: In jedem Fall informiert man sich sehr genau, was international los ist, dabei werden bestimmte Label favorisiert, weil sie den Berliner Stil besser verkörpern als andere Marken. Und meist wird eine einfache Grundausstattung mit einem etwas teureren Accessoire wie zum Beispiel einer schicken Sonnenbrille aufgewertet. Aber auch für langlebige Klassiker spart man gerne. Ein gutes Paar Schuhe ist am Ende preiswerter als mehrere billige, und wir verraten gleich einen guten Schuster dazu. Und man weiß, wo es Angebote und Designersales gibt – informiert sich über Blogs, Webseiten und Online-Department-Stores. Darüber hinaus sind Flohmärkte und Vintageläden angesagt. Ihre Outfits stellt die Berlinerin kreativ zusammen und ergänzt einen einfachen Look mit einer Sonnenbrille, beispielsweise von Céline, kauft sich auch mal eine hochwertige Handtasche, die über Jahre getragen und immer wieder neu kombiniert wird.

The European: Das Stichwort lautet also Investition.
Taschen: Richtig, da kann schon das ein oder andere teure Teil dabei sein, das die Berlinerin mit ihrem ganz eigenen Stil mixt. Accessoires sorgen für das gewisse Etwas! Das gilt auch für die Wohnungseinrichtung. Es wird zum Beispiel in einen schönen, großen Holztisch investiert, den man dann sogar sein Leben lang hat. Dazu kann man bunt gemischt Stühle stellen, vom Kneipenstuhl, über Ikea bis hin zu einem Flohmarktfund.

The European: Die Accessoires, die für das gewisse Etwas sorgen sollen, sind in Ihrem Buch aber trotzdem eher teuer…
Taschen: Schon, aber die Berlinerin geht ja auch gerne in teure Läden, um da nur zu gucken, sich inspirieren zu lassen. Sie muss nicht jedes mal etwas kaufen! Denn ein Komplett-Look aus Designermarken, das ginge sowieso nicht – auch, wenn man viel Geld hätte. Es geht vielmehr darum, eine kreative Mischung hinzubekommen.

The European: Den „Anti-Chic“ eben.
Taschen: Ja, richtig. Die Berlinerin setzt mehr auf ihre Kreativität statt auf Labels. Das bedeutet auch, dass eben nicht alle mit der gleichen Logo-Tasche herumlaufen. Und wenn man doch auf eine teure Tasche ohne Logo spart, kann man in der Zwischenzeit eine Tasche nehmen, die aus Zeltplanen genäht ist. Die sieht gut aus, und man kann den ganzen Tag unterwegs sein und sein Büro dabei haben.

„Ich bin mir selber treu geblieben“

The European: Wie lange haben Sie gebraucht, um Ihren Stil zu finden? Hatten Sie ein modisches Vorbild oder sind Sie eher Ihrer eigenen Nase gefolgt?
Taschen: Der eigene Stil ist ein Entwicklungsprozess. Wenn ich zurückblicke, muss ich sagen: Ich bin mir selber treu geblieben, weil ich schon als Schülerin Jeans und T-Shirt getragen habe. Viel lieber als irgendwelche Flatter-Kleidchen. Mein Kleidungsstil war schon immer eher reduziert. Trotzdem macht man natürlich Phasen durch – je nachdem, in welcher Stadt man lebt. Auch das Licht spielt zum Beispiel eine Rolle.

The European: Das müssen Sie erklären.
Taschen: Als ich in Los Angeles lebte, konnte ich kein Schwarz tragen. Schwarztöne, die in Berlin schwarz aussehen, waren dann plötzlich grün schillernd, lila schillernd. Man passt sich eben automatisch auch ein Stück weit an die Umgebung an. Ich komme mir hier in Berlin inzwischen komisch vor, wenn ich tagsüber Absätze trage.

The European: Wodurch lassen Sie sich inspirieren?
Taschen: Ich glaube, das ist ein Riesen-Konglomerat aus allem was ich sehe, lese, höre und mir angucke. Ich lese sehr viele Zeitschriften, auch internationale, ich lasse mich aber auch sehr gerne von der Straße inspirieren. Ich fahre viel mit dem Fahrrad durch die Gegend, dann sehe ich jemanden und denke: Ah, das sieht super aus! Natürlich bin ich auch viel im Internet unterwegs, auf Blogs. Wenn ich die Bloggerin gut finde, kommt es schon mal vor, dass ich ein Teil, das sie vorschlägt, dann auch kaufe, wenn es mir gefällt. Aber ich gehe auch so oft es geht ins Kino, ins Theater, in Museen, reise viel. Das alles inspiriert und prägt mich und meinen Stil.

The European: Sie haben gerade gesagt, dass Sie viel lesen. Ihr 2011 gegründeter Verlag „Angelika Books“ trägt das Motto „Published with love“. Was muss ein Buch haben, damit Sie es verlegen wollen?
Taschen: Es fängt schon bei dem Autor oder Fotografen an. Um beim Motto zu bleiben: Er muss das, was er macht, mit Liebe tun. Mit völliger Leidenschaft und Hingabe, wie Frédéric Malle: Sein Großvater hat die Parfum-Abteilung von Dior gegründet und geleitet. Malle selber beschäftigt sich auch mit nichts anderem als Parfums. Das hat er in seinen Genen! Das, was er tut, ist so durchdrungen von Wissen und Liebe für die Sache – das strahlt ein Produkt einfach aus. Oder Anna Bauer, die über viele Jahre mit ihrer schweren Kamera in der Modeszene unterwegs war und diese hektischen Leute dazu bewegt hat, fünf Minuten lang ruhig zu stehen – was sein musste, weil die Aufnahmetechnik so speziell ist. Wenn schon so viel Liebe und Energie in etwas geflossen ist, lohnt es sich auch für mich, meine Energie zu investieren, um daraus ein schönes Buch zu machen.

The European: Auf der Verlags-Webseite heißt es „Angelika hat Bücher in den Genen“. Gibt es ein Buch, das Sie nachhaltig fasziniert hat?
Taschen: Da fallen mir so viele ein, und mit jedem Lebensabschnitt sind es andere Bücher. Aber zuletzt hat mich die Steve-Jobs-Biografie begeistert. Weil mir da eigentlich klar geworden ist, wie stark ein einziger Mensch unser Leben – das Leben von so vielen Millionen Menschen – beeinflusst hat. Jobs hat ja alles erfunden, was wir heute als völlig normal empfinden: dass wir auf dem Handy ins Internet können, die Touch-Screens oder die Wischbewegung auf Bildschirmen, um Bilder zu vergrößern oder zu scrollen und so vieles andere mehr. Und er hat den ersten gut aussehenden Computer entwickelt. Das ist ein Gegenstand, der zumindest in meinem Leben und in dem von meinen Bekannten fast zum Körper dazugehört. Jobs hat all das erfunden und durchgezogen. In einer Zeit, wo das noch nicht selbstverständlich war. Was für eine Energie er da reingesteckt hat, welche Visionen er hatte!

„Die Stadt ist immer in Veränderung begriffen“

The European: Sie selbst haben einmal über sich gesagt, Sie seien „kreative Unternehmerin“. Wie sieht Ihr nächstes Unternehmen denn aus?
Taschen: Ich arbeite gerade an meinen nächsten ein, zwei Büchern und an einer komplexeren Website. Auch habe ich für eine Organic-Fair-Trade-Gewürzfirma die Corporate Identity – wie man in der Werbesprache sagt – entwickelt: den Namen, die Verpackung , die Label und Webseite, die im Oktober online gehen wird. Dafür habe ich mit der wunderbaren Illustratorin Kera Till zusammen gearbeitet. Die Firma heißt „1001 Organic“, weil die Gewürze aus Sansibar kommen, eine Insel wie aus 1001 Nacht…

The European: Könnten Sie sich das auch für sich selbst vorstellen: Zurück zur Natur?
Taschen: Da komme ich her! Als meine Tochter geboren wurde, habe ich jahrelang Brot selber gebacken, gestrickt und genäht. Ich war eine große Handarbeitstante. Dieses Nachhaltige, das Selbermachen, findet sich auch im Berliner Stil – nicht nur in der Kleidung, sondern auch im Lebensstil wieder. Man will nicht mehr diese großindustriellen Produkte, beispielsweise kauft man hier lieber bei unabhängigen Läden und lokalen Händlern. Man liebt das Regionale und Saisonale. Das ist für mich wirklich etwas absolut Erstrebenswertes und es entspricht dem, was ich unter Luxus und Qualität verstehe.

The European: Können andere Metropolen sich in Sachen Nachhaltigkeit noch etwas von Berlin abschauen?
Taschen: Unbedingt! Das gilt für das Essen, aber auch für andere Dinge. Viele meiner Freunde bekommen zum Beispiel gerade Kinder und es gibt ganz tolle Kinderkleidung aus Bio-Baumwolle. Da ist Berlin weltweit ein Vorreiter.

The European: Sie leben schon seit zehn Jahren in Berlin. Hält diese Stadt überhaupt noch Überraschungen für Sie bereit?
Taschen: Das ist ja das Tolle an Berlin: Ich würde sagen, diese Stadt überrascht einen mindestens zweimal in der Woche. Ob das ein neues Café ist, ein neues Lädchen, ein neuer Blog oder jemand, den man kennen lernt. Nach wie vor zieht es viele tolle Leute nach Berlin, zum Beispiel den Gründer von Instagram, für den ich ein Dinner gebe. Es ist so faszinierend zu sehen, wer alles in diese Stadt kommt und was sich hier tut. Die Stadt ist immer in Veränderung und Entwicklung begriffen, deswegen kann sie einen auch immer wieder überraschen. Man muss sich nur mal die ganzen Baustellen anschauen: Das dauert doch noch Jahre, bis diese Stadt mal ansatzweise fertig ist. Wenn sie überhaupt jemals fertig wird.

The European: Lässt sich dieses Unfertige auch auf den Berliner Stil übertragen?
Taschen: Auf jeden Fall. Aber die ersten Grundsätze stehen: Es müssen nicht die teuren Luxus-Marken sein – stattdessen wird das Geld lieber in einen handgesponnenen Kaschmir-Schal investiert, der sich einfach gut anfühlt. Besonders gern von Berliner Designern.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Christoph Tophinke: „Ein Gentleman ist man, oder man wird es nie“

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